Tennisturnier in WimbledonZermürbt vom ewigen Scheitern an der Spitze

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Diesmal kam das Aus im Achtelfinale: Alex de Minaur bei seiner Niederlage in Wimbledon gegen den Italiener Flavio Cobolli.
Diesmal kam das Aus im Achtelfinale: Alex de Minaur bei seiner Niederlage in Wimbledon gegen den Italiener Flavio Cobolli. Clive Brunskill/Getty Images
  • Der australische Tennisprofi Alex de Minaur scheiterte am Montag im Wimbledon-Achtelfinale gegen den Italiener Flavio Cobolli mit 5:7, 6:7, 3:6.
  • Trotz seiner Position als Weltranglistensechster erreichte de Minaur in 36 Grand-Slam-Teilnahmen nie ein Halbfinale und kam siebenmal nur bis ins Viertelfinale.
  • De Minaur bekannte nach der Niederlage, dass der unerreichbare Wunsch nach mehr ein täglicher Kampf sei und er sich von seinen Träumen immer weiter entferne.
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Der Australier Alex de Minaur ist ein Weltklassespieler und verpasst doch regelmäßig den letzten Schritt zum Ruhm. Über das Schicksal eines Profis, der einer der Besten hinter den Allerbesten ist.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

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Tennisprofis spielen, um zu gewinnen, aber genau dies beinhaltet ein Problem, das der Mehrheit von ihnen zu schaffen macht: Sie müssen Niederlagen hinnehmen, wieder und wieder und wieder. Und manchmal fressen sich diese Niederlagen in die Seelen, wie Andrea Petkovic es auch erlebte. Die frühere Spitzenspielerin, die derzeit beim Rasenklassiker in Wimbledon als TV-Expertin arbeitet, bekannte einmal, dass sie im Verlaufe ihrer Karriere ihre „Lebensfreude verloren“ hatte, so tief saß der Schmerz. Vom Spanier Rafael Nadal, einem der Besten seines Sports, ist der Satz überliefert: „Verlieren ist nicht der Feind. Die Angst zu verlieren, ist der Feind.“

Nadals legendärer Widersacher Roger Federer, der am Montag als Ehrengast in der Royal Box des All England Club saß, hielt 2024 bei einer Ehrung an der US-amerikanischen Universität Dartmouth eine großartige Rede, die das ganze Dilemma des Tennisspielens verdeutlichte. „Ich habe fast 80 Prozent der 1526 Einzelspiele gewonnen, die ich in meiner Karriere bestritten habe. Aber ich habe nur 54 Prozent der Punkte gewonnen“, erklärte er vor Absolventen, „mit anderen Worten: Selbst die besten Tennisspieler gewinnen kaum mehr als die Hälfte der Punkte, die sie spielen.“ Jeder einzelne Punkt ist also bereits eine Frage von Sieg und Niederlage. Federers Rat damals: „Wenn man im Durchschnitt jeden zweiten Punkt verliert, lernt man, den einzelnen Schlägen weniger Gewicht zu geben.“ Als Champion sagt sich das natürlich leichter. Aber wie ergeht es anderen, die kein Federer, kein Nadal, kein Novak Djokovic, kein Jannik Sinner sind? Die zu den Fähigsten ihres Berufs zählen und stets leer ausgehen bei den Vergaben bedeutsamer Trophäen?

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SZ PlusVon Gerald Kleffmann

Genau davon erzählte am Montag in Wimbledon die Geschichte des Alex de Minaur. Es geht ihnen manchmal alles andere als gut.

Der Australier Alex de Minaur ist seit Jahren einer der weltbesten Profis, die Nummer sechs der Weltrangliste, er hat gut 22 Millionen Euro nur an Preisgeld verdient. Er ist ein sympathischer Mann, 27 Jahre alt, bald wird er die Britin Katie Boulter heiraten, die auf der Frauentour spielt. Am Montag saß de Minaur im Hauptpressekonferenzraum – und war völlig gebrochen. Wie ein Häufchen Elend krümmte er sich hinter dem Podest. Am Nachmittag hatte er auf Court No. 1 gespielt, in der zweitgrößten Arena, er verlor die Achtelfinalpartie 5:7, 6:7 (4), 3:6 gegen den Italiener Flavio Cobolli, den Alexander Zverev im Finale der French Open besiegt hatte. Und damit war wieder einmal sein Traum geplatzt.

Es war seine 36. Grand-Slam-Teilnahme. Siebenmal stand er bei den vier wichtigsten Tennisturnieren in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York im Viertelfinale. Weiter kam er nie. Er galt in Australien als Nachfolger des früheren Weltranglistenersten Leyton Hewitt. Seine Karriere ist großartig, und doch schafft er die letzten Schritte nicht. De Minaur ist gewissermaßen der Tomas Berdych der Gegenwart: Der Tscheche wäre der beste Spieler der Welt gewesen – hätten es nicht die großen Vier Federer, Nadal, Djokovic, Andy Murray gegeben. Und so wie de Minaur am Montag sein Herz schonungslos öffnete, wurde klar: Es kann zermürben, einer der Besten hinter den Allerbesten zu sein.

Obwohl ich in einer hervorragenden Position bin, ist der Wunsch nach mehr, den ich aber nicht erreichen kann, ein täglicher Kampf.
Tennisprofi Alex de Minaur

Warum er verloren habe, wurde de Minaur gefragt. „Einer von uns ging raus, um das Spiel zu gewinnen, und der andere ging raus, um das Spiel nicht zu verlieren“, sagte er und bekannte sofort: „Ich denke, es ist ziemlich selbsterklärend, wer wer war.“  Er fuhr fort: „Ja, es bricht mir das Herz. Das ist die Realität. Ich investiere unzählige Stunden in mein Handwerk und jahrzehntelange Arbeit, um solche Momente zu erleben. Wenn ich dann nicht mein volles Potenzial abrufen kann, ist das wirklich herzzerreißend.“ Dass er als global reisender Leistungssportler privilegiert ist, vergaß er nicht bei seiner Einordnung des Gefühlschaos. Und doch räumte er ein: „Obwohl ich in einer hervorragenden Position bin, ist der Wunsch nach mehr, den ich aber nicht erreichen kann, ein täglicher Kampf.  Die Niederlage jetzt ist einfach ein weiterer Fall, der in die Gesamtbilanz aufgenommen werden kann.“

Tomas Berdych, heute 40 und völlig mit sich im Reinen, hätte sein Grand-Slam-Trauma 2010 fast bewältigt, damals stand er in Wimbledon im Finale. Nadal besiegte ihn. So ist das Los dieser Gattung von Spielern. De Minaur teilt dieses Schicksal. Im vergangenen Jahr spielte er im Achtelfinale einen fantastischen ersten Satz gegen Djokovic und verlor. 2023 scheiterte er bei den Australian Open ebenfalls an dem Serben. 2018 und 2019 besiegte ihn Nadal bei zwei Grand Slams. Gegen Sinner hat de Minaur eine 0:13-Bilanz, gegen Alcaraz gewann er keines von sechs Duellen. Wie er den nächsten Tiefschlag verarbeiten wolle? „Ich werde erst mal kein Turnier spielen. Aber es häuft sich halt an, nicht wahr? Und die Ziele, die Überzeugungen, die Träume, die man hat, verblassen mit der Zeit oder scheinen unerreichbarer als früher zu sein. Ich habe das Gefühl, dass ich vor ein paar Jahren diesem Ziel deutlich näher war. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mich immer weiter von diesen Träumen entferne.“

Die Realität schlug voll bei ihm ein. Als hätte sie ihm einen Kinnhaken verpasst. Denn jetzt setzt ihm bereits die nächste aufgerückte Generation wie Cobolli, 24 Jahre alt, zu. „Es tut höllisch weh“, sagte de Minaur. „Ich bin durch und durch ein Wettkämpfer. Also werde ich aufstehen und mir eine neue Chance geben.“ Wieder und wieder und wieder. Etwas anderes bleibt Spielern wie ihm nicht übrig. So ist das, einer der Besten hinter den Allerbesten zu sein.

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