Süddeutsche Zeitung

Tennis:Wie gut ist Scharapowa nach ihrer Dopingsperre?

Lesezeit: 3 min

Von Gerald Kleffmann, Stuttgart/München

Elton John hätte ein Zeuge sein können. Er hat hautnah erlebt, wie sich Vorhände und Rückhände von Maria Scharapowa so entwickelt haben in den vergangenen 15 Monaten. Der Brite im Range eines Sirs war im Oktober ja als einer der wenigen Privilegierten leibhaftig mit der russischen Spielerin auf einem Tennisplatz gestanden, die ansonsten sehr, sehr wählerisch ist, was die Auswahl ihrer Gegner betrifft.

Anlässlich einer wohltätigen Aktion machte Scharapowa eine Ausnahme für einen Doppel-Auftritt, im Caesar's Palace in Las Vegas. Aber viel zu berichten wusste der Sänger später nicht. Kein Wunder: Wenn man sich allein die Bilder der Ballwechsel ansieht, ist klar: Elton John hat von Scharapowa nicht viel mitbekommen. Mit hochrotem Kopf agierend hatte der damals noch 69-Jährige schwer mit dem eigenen Spiel zu kämpfen.

Andererseits muss sich Elton John nicht grämen: Bis auf eine Handvoll Erdenbürger weiß auch der Rest der Menschheit nicht, wie gut Scharapowa inzwischen im Tennis ist, und zu diesen Ahnungslosen zählt sich die Betroffene im Übrigen selbst. "Ich habe hart trainiert", gab die fünfmalige Grand-Slam-Siegerin einmal zu, "allerdings sind Übungseinheiten keine Matches. Es ist ein Unterschied, wenn man auf der anderen Seite des Netzes jemanden sieht." Wie etwa an diesem Mittwoch. Um 18.30 Uhr bestreitet sie dann ihr erstes Match nach Verbüßung der 15-monatigen Sperre; die nicht rechtzeitig abgesetzte Einnahme eines lange erlaubten Herzmittels war ihr zum Verhängnis geworden.

Ihre erste Gegnerin nennt das Match "tricky"

Die Italienerin Roberta Vinci wird beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart Scharapowas erste offizielle Gegnerin seit dem 26. Januar 2016 sein. Damals verlor die Russin im Viertelfinale der Australian Open gegen Serena Williams, ehe sie ihre positive Dopingprobe eingestehen musste. Vinci stand 2015 im Finale der US Open, das war bis dato ihr speziellstes Match. Als sie an diesem Montag in Stuttgart den Ansturm bei ihrer Pressekonferenz sah, schwante ihr sofort: Normal wird dieses Match nicht. "Wow, wow", sprach die 34-Jährige aus Tarent als Erstes, und noch mal: "Wow!" Statt der üblichen 100 Berichterstatter werden am Mittwochabend doppelt so viele anwesend sein, erstmals haben sich zwei Fernsehteams aus Russland akkreditiert, eines wollte mit 20 Mann anrücken, um das Spektakel einzufangen, das Scharapowas Rückkehr bedeutet.

Auch wenn ihr wahrscheinlich 90 Prozent der Kolleginnen unüberhörbar nichts Gutes wünschen, weil Scharapowa gleich dank einer Wildcard und dann auch noch nach zwei Tagen, an denen sie die Anlage nicht betreten durfte (die Sperre lief erst am Dienstag ab), als fast Letzte ins Turnier einsteigt, wissen fast 100 Prozent: Sie ist aus dem Stand heraus wieder der größte Aufmerksamtkeitserzeuger fürs Frauentennis - zumal die schwangere Serena Williams mindestens diese Saison pausiert. Bizarrerweise wissen aber eben auch fast null Prozent, was spielerisch von ihr zu erwarten ist. Das Realste, was man von Scharapowa in der Zeit ihrer Sperre mitbekommen konnte, war ihr virtuelles Leben in den Sozialen Medien. Dort ruhte die bis zur Sperre zehn Jahre in Serie bestverdienende Sportlerin der Welt kein bisschen.

Verwertbare sportliche Resultate fehlten hingegen, auch ein Match gegen die Olympiasiegerin Monica Puig in deren Heimat Puerto Rico, das Scharapowa knapp verlor, war wie das in Las Vegas ein Showkampf. Ihr Team indes ist nahezu unverändert, der Niederländer Sven Groeneveld trainiert sie und war ihr auch in den Tagen mancher Anhörung eine Stütze. Der deutsche Hitting Partner Dieter Kindlmann hat sich freilich selbständig gemacht und betreute zuletzt die Britin Laura Robson. Den Allgäuer ersetzte der 30-jährige Alex Kusnezow, ein früherer Profi aus der Ukraine. Trainiert hat Scharapowa überwiegend im Manhattan Country Club in Kalifornien, in der IMG-Akademie im Bradenton, Florida, wo sie einst von Nick Bollettieri gedrillt wurde. Manchmal übte sie auch auf dem Platz einer Privatperson in Los Angeles, weil der einen (grünen) Sandplatz hatte.

Vinci, eine schlaue, in sich ruhende Person, liegt sicher richtig, wenn sie ahnt, diese Erstrundenpartie werde für beide eine Herausforderung, "interessant" und "tricky" auch. Vinci respektiert Scharapowa, ja, sie nannte sie "Champion". Gleichwohl reihte sich Vinci ein in die Liste der Wildcard-Kritiker, die immer länger wird. Am Dienstag meinte die zweimalige deutsche Grand-Slam-Siegerin Angelique Kerber: "Wäre es meine Entscheidung gewesen, hätte ich die Wildcard an Julia vergeben", sie bezog sich auf Fed-Cup-Teamkollegin Görges, die am vergangenen Wochenende mit zwei Einzelsiegen maßgeblich zum Sieg gegen die Ukraine beigetragen hatte. Kerber fügte auch an: "Am Ende ist es die Entscheidung des Turniers. Es sind die Regeln. Sie hat ihre Sperre abgesessen." Ihr Nachsatz: "Das müssen wir akzeptieren", ließ aber erkennen: Erfreut ist sie nicht.

Und doch beginnt an diesem Mittwoch eine neue Zeitrechnung. Am Morgen wird Scharapowa die Halle betreten, das darf sie ab diesem 26. April. Sie wird sich einschlagen für den Abend. Und diesmal steht nicht Elton John auf der anderen Seite des Netzes. Das immerhin steht schon fest.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3478513
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 26.04.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.