Tennis "Wenn man Wimbledon gewinnt, ist man unsterblich"

Kann an diesem Samstag ihren nächsten Grand-Slam-Titel holen: Tennisspielerin Angelique Kerber.

(Foto: AFP)

Angelique Kerber kann heute ihren dritten Grand-Slam-Titel holen. Tennis-Funktionärin Barbara Rittner erklärt, wie sie im Finale gegen Serena Williams spielen muss - und welche Bedeutung ein Sieg hätte.

Interview von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Barbara Rittner kennt Angelique Kerber sehr gut. Sie war 13 Jahre lang deutsche Teamchefin im Fed Cup, seit 2017 verantwortet die 45-Jährige aus Krefeld den Frauenbereich im Deutschen Tennis-Bund in der Funktion als Head of Women's Tennis. Rittner hat auch die beiden Grand-Slam-Erfolge Kerbers 2016 bei den Australian Open und US Open mitverfolgt, sie traut der 30-Jährigen aus Kiel an diesem Samstag den dritten großen Titel zu. Im Finale des Rasenturniers in Wimbledon trifft Kerber wie vor zwei Jahren auf Serena Williams aus den USA; damals verlor sie 5:7, 3:6. Rittner wird das Endspiel, das nach dem ab 14 Uhr deutscher Zeit zu Ende gespielten zweiten Männerhalbfinale zwischen dem Spanier Rafael Nadal und dem Serben Novak Djokovic beginnt, aus nächster Nähe erleben - sie kommentiert das Duell für den Fernsehsender ZDF, der kurzfristig das Übertragungsrecht erworben hat.

SZ: Frau Rittner, neue Chance, neues Glück - wie muss Angelique Kerber diesmal spielen, um die Neuauflage von 2016 zu gewinnen?

Barbara Rittner: Die wichtigste Voraussetzung ist: Angie muss von Anfang vermitteln, dass sie auf dem Platz ist, um zu siegen. Ich glaube, es ist mental noch einmal ein Riesenunterschied zu 2016, wo sie vielleicht auch für sich selbst etwas überraschend im Finale war. Sie wirkt aber sehr fokussiert. Von der Taktik her ist Serena anfällig, wenn man ihr lang in die Vorhand-Ecke spielt. Daher passt Angies Spiel auch gut zu ihr. Sie muss ihre Vorhand longline und ihre Rückhand cross möglichst lang auf Serenas Vorhand spielen - um das Feld offen und freie Bahn zu haben.

Wo sehen Sie Gefahren?

Angie muss aufpassen mit ihrem Vorhand-Cross, den sie sehr stark verbessert hat. Aber wenn er von ihr als Linkshänderin manchmal etwas zu kurz gerät, ist das gefährlich. Wenn sie da zu kurz wird und im falschen Moment ihr eigenes Feld öffnet auf ihrer Rückhandseite, ist Serena eine, die sofort diesen Schritt ins Feld macht und das ausnutzt.

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Warum kann Kerber sie aber bezwingen?

Weil sie den Extra-Ball zurückbringt. Durch ihre körperliche Fitness hat sie alle Waffen, Serena so zu nerven, dass sie vielleicht doch mal zu viel riskiert oder hektisch Fehler fabriziert. Wenn es eng wird, hat Angie einen Vorteil. Sie ist in ihrem Matchmodus drin. Man darf nicht vergessen: Es ist erst Serenas viertes Turnier, nachdem sie im Herbst Mutter wurde. Hut ab davor, wie weit sie hier gekommen ist.

Der Aufschlag von Williams ist aber auch eine Waffe.

Natürlich. Aber das wird manchmal gerne übersehen: Auch Angie hat einen unbequemen Aufschlag, vor allem weil sie als Linkshänderin aufschlägt. Ist die Returniererin wie jetzt Williams eine Rechtshänderin, dreht sich der Ball eng in den Körper von Williams hinein. Der Linkshänder-Slice-Schnitt ist giftig. Williams will mit zwei Schlägen dominieren: mit ihrem Aufschlag. Das kann man nicht immer verhindern. Das ist 2016 passiert. Da war der größte und vielleicht einzige Unterschied, dass Serena so gut serviert hat. Im Ballwechsel war alles Fifty-Fifty. Und beim Return will Serena eben sofort reingehen und den Ball hart mit Winkel zurückspielen.

Wie ausschlaggebend ist der Belag Rasen für dieses Endspiel?

Angie kann auf allen Belägen gut spielen. Rasen passt aber sicher am besten zu ihrem Spiel. Sie hat, neben Serena, auf Rasen die beste Balance, die man haben kann. Durch diese unglaubliche Kraft in den Beinen und dieses tiefe Hocken. Wenn man sie beobachtet, sieht man: Sie ist nie eine, die aus dem Lauf nicht sofort abstoppen kann. Dazu kommt ihre sehr gute Antizipation, sie erfasst mit dem Auge sehr schnell, wo der Ball landen könnte. Wenn eine Gegnerin einen Stopp spielt, ist sie eigentlich schon losgelaufen, bevor die Gegnerin den Stopp geschlagen hat. Das sieht sie im Ansatz. Das ist ein ganz besonderes Talent, das sie besitzt und über die Jahre auch noch ausgebaut hat.

Wie hoch ist das erneute Erreichen des Finales binnen drei Jahren einzuschätzen?

Das Wort Wimbledon-Finale spricht für sich. Ein Wimbledon-Finale zu erreichen, kann man nicht hoch genug einschätzen. Sie hat 2016, wie man das vielleicht so als Floskel sagt, gesagt: Ich versuche, wieder dorthin und stärker zurückzukommen. Da habe ich gedacht: Boah, das ist eine Ansage! Aber sie hat diese Ansage wahrgemacht, indem sie zwei Jahre später wieder im Finale steht. Das ist auch nach ihrem schwierigen Jahr 2017 extrem hoch zu bewerten. Sie zeigt einfach, dass sie seit Jahren eine absolute Weltklasse-Spielerin ist. Es macht Spaß, ihr zuzuschauen.

Barbara Rittner (l.) und Angelique Kerber beim Fed-Cup-Finale 2014.

(Foto: dpa)

Kerber hat zwei Grand-Slam-Trophäen gewonnen, in Melbourne und New York. Würde ein Wimbledon-Titel über allem stehen?

Ich glaube schon. Das müsste man sie selber fragen. Aber Wimbledon hat einfach diese besondere Tradition im Tennis. Jeder will wenigstens einmal nur in Wimbledon dabei sein und gut spielen. Selbst als Zuschauer dabei gewesen zu sein, ist ein riesiges Erlebnis. Viele Kinder auf der Welt wissen etwas mit dem Namen Wimbledon anzufangen. Das ist das Aushängeschild für den Tennissport. Wenn man Wimbledon gewinnt, ist man komplett unsterblich.

Sie wurden ein kleines bisschen unsterblich: Vor ihrer Profizeit bei den Erwachsenen, in der Sie zwei Turniere gewannen und es bis auf Platz 24 in der Weltrangliste schafften, haben Sie im All England Club einen Titel gewonnen - als Juniorin. Welche Erinnerungen haben Sie?

Das war 1991, leider ist es auch schon wieder 27 Jahre her. Im Finale habe ich gegen eine Russin gewonnen. Es hatten einige Gute mitgespielt, und es war gar nicht damit zu rechnen. Ich habe so jung gar nicht wirklich realisiert, wie schön alles war und wie einzigartig. In dem Jahr haben auch Steffi Graf und dazu Michael Stich gegen Boris Becker im Finale gewonnen. Ich durfte damals mit zu diesem Champions Dinner, das war damals noch nicht selbstverständlich. Es war eine unglaubliche Erfahrung und rückblickend wahrscheinlich noch wertvoller als in dem Moment.

Was hat Wimbledon geschafft, damit sein Mythos erhalten bleibt?

Wimbledon pflegt sein Tradition und hat sich Werte, alte Werte bewahrt. Das fängt schon damit an, dass immer in Weiß gespielt wird. Wimbledon ist konservativ schön. Hier wird auch Disziplin kultiviert, niemand stellt das in Frage. Wenn jemand am Eingang sagen würde, dies oder das dürfe man nicht, zweifelt keiner daran. Das wird akzeptiert - es ist Wimbledon. Du willst es dir hier auch mit keinem verderben. Hier rennt keiner, weil das verpönt ist. Es hat seine eigenen Gesetze. Und wer gegen die Gesetze verstößt, wird auch ausgeschlossen. Ich erinnere mich an eine Holländerin, die in meiner Profizeit spielte. Sie kam auf die Idee und hat mal ihre Spielertickets, die Spieler umsonst erhalten, draußen verkauft und ist erwischt worden. Sie durfte nie wieder mitspielen.

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