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Tennis:Verdeckte Karten

Internazionali BNL D'Italia 2021 - Day Five

"Ich weiß nicht, wo ich gerade stehe, aber irgendwo": Serena Williams rätselte in Rom sehr entspannt über ihre Form.

(Foto: Clive Brunskill/Getty)

Serena Williams verliert ihr 1000. Match als Profi, bleibt aber die Ruhe selbst. In der letzten Phase ihrer einzigartigen Karriere hat die 39-Jährige ohnehin ihre eigene Taktung gefunden, mit der sie die Tour bestreitet.

Von Gerald Kleffmann, Rom/München

Zu Wochenbeginn saß sie da, recht entspannt, und gab das erste Mal seit ihrem Halbfinal-Aus bei den Australian Open im Februar eine Pressekonferenz. Weil sie seitdem nirgends gespielt hatte. Serena Williams lächelte, sie kam ja immer gerne nach Rom zum Turnier, sie mag die europäischen Großstädte. Auch wenn jetzt natürlich so vieles anders ist, wegen Corona. Die Distanz, die Williams zu ihrem Beruf zuletzt aufgebaut hatte, war jedoch auch in mancher ihrer Schilderungen jetzt zu entnehmen. Sie sprach über sich, als sei sie selbst eine große Unbekannte.

"Yeah, ziemlich frisch" fühle sie sich, sagte Williams, "es ist gut, frisch zu starten, aber es ist auch schwer, frisch zu starten. Wie auch immer". Weiter orakelte sie: "Ich weiß nicht, wo ich gerade stehe, aber irgendwo." Es waren Sätze von brillanter Einfachheit, die tatsächlich ihre Lage bestens umschrieben. 39 Jahre alt ist sie nun, in Melbourne war ihre Klasse phasenweise mal wieder aufgeblitzt, bis sie von Naomi Osaka, ihrer quasi legitimen und charismatischen Nachfolgerin, in die Schranken verwiesen wurde. Doch als sie nun in Italiens Hauptstadt nicht nur eine Art Mini-Mini-Comeback gab, sondern obendrein zu einem sehr, sehr speziellen Match antrat - ihrem 1000. als Profi -, da wusste niemand konkret und schon gar nicht sie, wie gut diese Serena Williams noch spielen kann.

Seit diesem Mittwoch ist klar: Sie hat noch deutlich Steigerungspotential. Denn das Turnier in Rom ist für die Weltranglisten-Achte nach dem 6:7 (6), 5:7 gegen die Argentinierin Nadia Podoroska (Weltranglisten-44.) schon wieder beendet. Vor allem die Ballwechsel nach ihrem zweiten Aufschlag gestaltete sie bei weitem nicht so dominant wie gewohnt. Und sie beging viel zu viele leichte Fehler.

In Madrid spielte sie nicht wegen "diesem alten, alten Typen" - sie meinte Ion Tiriac

Dass Williams ihr Jubiläumsmatch erfolglos bestritt, war ihr im Übrigen nicht mal einen längeren Seufzer wert, die so erfahrene und nebenbei mit 23-Grand-Slam-Trophäen ausgezeichnete Amerikanerin hat ohnehin eine recht realistische Betrachtungsweise ihrer eigenen Karriere: Irgendeine Bestmarke taucht ja bei ihr immer irgendwo auf. So machte sie auch diesmal kein Brimborium um den nächsten Meilenstein, den sie erreichte. Sie denkt vielmehr weiterhin in jenen Kriterien, die zum ganz banalen Alltag von Tennisprofis gehören: Sie habe viel trainiert, sagte sie, sie war zuletzt zweieinhalb Wochen in der Akademie ihres Trainers Patrick Mouratoglou in Südfrankreich, sie brauche mehr Matches, "es ist alles eine Frage der Zeit".

Serena Williams, das muss man ihr lassen, hat die Ruhe weg, auch wenn es wirkt, als befinde sie sich selbst in einer gewissen Orientierungsphase. Ihr Privatleben gewann in den vergangenen Monaten deutlich an Gewicht, und da sie im Internet, vor allem bei Instagram, weniger Fotos von Übungseinsätzen veröffentlichte und dafür noch mehr heitere Bilder mit Töchterchen Olympia, fragten Journalisten in Rom besorgt einmal nach, was da los sei. Und: Was das insbesondere für die Tennisspielerin bedeute. Da versicherte Williams, sie hätte ganz sicher viel auf dem Platz gearbeitet, "ich decke nur meine Karten nicht immer auf", sagte sie mit einem leichten Anflug von Süffisanz.

Wie oft sie in dieser Saison noch antreten wird, ist indes eine Frage, die Williams selbst auch nicht konkret beantwortete, denn sie gab zu verstehen, dass sie sich noch sicher sei, ob sie etwa bei bestimmten Veranstaltungen mitwirken werde. Es fiel ja ohnehin schon früher auf, dass sie sich nur noch die Events heraussucht, auf die sie wirklich Lust hat, diesen Luxus gönnt sie sich schon. In Madrid zum Beispiel zuletzt trat sie nicht an, wegen "diesem alten, alten Typen", erklärte sie sehr kurz angebunden bei dem Thema in Rom. Sie meinte Ion Tiriac, 82, den Veranstalter des Turniers in Spaniens Hauptstadt, der zwar ein genialer Sportvermarkter ist (und ganz früher ja auch Boris Beckers Manager), aber eben auch schon öfter mit chauvinistischen bis bisweilen sexistischen Kommentaren negativ aufgefallen war. Williams hatte er dabei auch schon attackiert.

Die Olympischen Spiele in Tokio wiederum könnten ebenfalls ohne Williams stattfinden. 2017 kam Tochter Olympia auf die Welt, seit dieser Zeit habe sie "noch keine 24 Stunden ohne sie" verbracht. Sollten die Auflagen in Japan derart sein, dass sich Anreise und Aufenthalt mit ihrer Familie als zu kompliziert gestalten, dürfte sie sicherlich auf eine Teilnahme verzichten. "Ich muss mir wirklich über meine nächste Schritte Gedanken machen", sagte Serena Williams, die nun bei einem kleinen Turnier in Parma Spielpraxis sammeln will. Danach wird sie in jedem Fall zu den French Open anreisen - sie besitzt schließlich in Paris eine Wohnung. Sie sei "aufgeregt", wenn sie an Grand Slams denke. Das hat sich also nicht geändert.

© SZ
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