Ein solches Ende hatte Alexander Zverev bisher nicht präsentiert. Es war 2.14 Uhr am Freitagmorgen, als er zum Netz schritt, für den obligatorischen Handschlag. Er hatte sich in der nächsten Marathonschicht behauptet, nach seinem mühevollen Fünfsatz-Auftaktsieg in der ersten Runde gegen den Italiener Lorenzo Sonego. Am Ende stand ein 6:4, 4:6, 7:6 (3), 6:7 (3), 6:3-Sieg nach 4:32 Stunden, mit dem er zum achten Mal die dritte Runde in New York erreichte. Zverev riss sich das Shirt über den Kopf und zog es aus. Er gab dem traurigen Verlierer, dem Franzosen Quentin Halys, 52. der Weltrangliste, die Hand, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Dann stellte er sich, die Arme weggestreckt, jubelnd auf den Platz. Wie eine Statue sah er kurzzeitig aus.
Seine Goldketten am Hals glänzten in dieser mal wieder absurden Nacht in New York. Für Zverev, der im Juni bei den French Open in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel errungen und auf dem Weg dorthin Halys schon einmal besiegt hatte, blieb die beste aller Erkenntnisse: Er ist nach dieser Quälerei noch im Wettbewerb, er hat weiterhin Chancen auf seinen zweiten Grand-Slam-Titel, nach dem Triumph im Juni in Paris. Und die Aussichten sind in gewisser Weise sogar sonnig.
Bis zum Halbfinale würde Zverev, sollte er seine jeweiligen Runden gewinnen, in jedem Match auf klare Außenseiter treffen. In seiner Hälfte des Turnierbaums schieden am Donnerstag weitere namhafte Profis aus, etwa der Kanadier Félix Auger-Aliassime, der Australier Alex de Minaur und der Italiener Lorenzo Musetti. Der Weltranglistenerste Jannik Sinner fehlt verletzt. Novak Djokovic aus Serbien scheiterte in New York überraschend in der ersten Runde. Und wie gut der nach seiner viermonatigen Pause zurückgekehrte Weltranglistendritte Carlos Alcaraz aus Spanien über mehrere Runden ist, muss sich erweisen. Zverevs nächster Gegner, Alejandro Tabilo, ist die Nummer 28 der Weltrangliste. Gegen den Chilenen hat der Deutsche eine 2:0-Bilanz.
„Die Leistung war ziemlich scheiße. Aber ich habe gewonnen“, sagte Zverev beim kurzen Interview auf dem Platz im Arthur Ashe Stadium: „Dafür gehe ich ins Gym, dafür trainiere ich. Wenn man nicht sein bestes Tennis spielt, dass man sich durchkämpft.“ Später, vor einer Handvoll Reporter, ergänzte er: „Ich gewinne hässlich gerade. Das ist auch eine Fähigkeit.“ Zverev gab allerdings zu: „Wenn ich weiter so spiele, werde ich das Turnier nicht gewinnen.“
Der 29-Jährige hätte es deutlich leichter haben können, er bot eine Leistung, die an den Zverev früherer Tage erinnerte. Souverän agierte er im ersten Satz, dann blieb das Duell ausgeglichen, ehe Zverev aus dem Nichts schwächelte und Halys, 29, mit einem schwachen Aufschlagspiel den zweiten Durchgang schenkte. Er startete wieder gut in den dritten Satz und nahm seinem Gegner dessen Aufschlagspiel ab, kassierte indes umgehend das Re-Break. Er begann, mit seinen Teammitgliedern seitlich der Grundlinie zu diskutieren, in der Box saßen unter anderem Vater Alexander, der ihn trainiert, und Bruder Mischa, sein Manager. Vintage-Zverev meldete sich spätestens jetzt zurück. Das Stadion wurde zu diesem Zeitpunkt immer leerer; sich diese merkwürdige Partie antun, das wollten offenbar nicht mal die New Yorker, die ja sonst einiges ertragen können.
Zverev weiß: Grand-Slam-Tennis ist anderes Tennis
Ehe sich Zverev weiter aufregen konnte, hatte er erneut sein Aufschlagspiel zum 1:3 verloren. Anfang der Saison hatte er bekanntlich seinen Stil feinjustiert und sich gezwungen, näher an der Grundlinie zu stehen, offensiver aufzutreten, mutiger zu sein. Diese Verwandlung mündete in den French-Open-Sieg und in die Finalteilnahme in Wimbledon. Bei den Australian Open war er zu Jahresbeginn bereits ins Halbfinale eingezogen. Von seinen neuen Qualitäten war allerdings jetzt nur wenig zu sehen. Zverevs Spiel war fahrig, fehlerhaft, er bewegte sich schlecht, stand oft offen zum Ball, weil er den letzten Schritt nicht machte.
Aber eine Gabe besitzt er inzwischen: Er gibt nicht auf. Zverev weiß: Grand-Slam-Tennis ist anderes Tennis. Weil es über drei Gewinnsätze geht, Höhen und Tiefen gehören dazu. Und Zverev hat gelernt, seine Tiefen auszusitzen. Bei 2:4 im dritten Satz wechselte er seine zu feucht gewordenen Schuhe, mitten im Spiel, als er einen Breakball hatte. Er verwandelte ihn und sicherte sich knapp den Satz im Tiebreak.
Halys wehrte sich vorzüglich, blieb dran und belohnte sich mit einem gewonnenen Tiebreak in Satz vier. Satz fünf musste also entscheiden. Und Zverev riss sich zusammen, schaffte das entscheidende Break zum 3:2. Diesen Vorteil gab er nicht mehr her. Abschließend nahm er Halys noch das Aufschlagspiel zum 6:3 ab.


