US Open im TennisZverev wendet das Unheil noch ab

Lesezeit: 4 Min.

Alexander Zverev wirkte in seinem Erstrundenmatch ausgelaugt und unzufrieden.
Alexander Zverev wirkte in seinem Erstrundenmatch ausgelaugt und unzufrieden.
Frank Franklin/AP

Der Deutsche ist in New York an Nummer eins gesetzt – übersteht die erste Runde aber nur knapp. Bei seinem Fünf-Satz-Sieg gegen Lorenzo Sonego muss er unerwartet große Probleme überwinden.

Von Gerald Kleffmann, New York

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Es war 1.52 Uhr in New York, als Alexander Zverev, 29, die Arme ausbreitete. Und keine Miene dabei verzog. Er stand einfach da, mitten auf dem Centre Court, dem Hauptplatz der US Open. Er schaute ungläubig und doch auch überzeugt ins weite Nichts. Als wollte er sagen: Ich lebe! Ich bin noch da! Erst dann schritt er ans Netz. Er war ja nicht allein.

Der Weltranglistenzweite aus Deutschland schüttelte dem Weltranglisten-89., Lorenzo Sonego, 31, aus Italien die Hand. Seine letzte Tat auf dieser atemberaubenden Bühne mitten in Queens in dieser Nacht auf Mittwoch.

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Die Menschen, die noch verstreut im Arthur Ashe Stadium waren, der weltweit größten Tennisarena, in die 23 771 Zuschauer passen, standen nun mehrheitlich, bedachten die Akteure mit frenetischem Applaus. Und Rufen. Und Jubel. Als Zeichen der Anerkennung. Zverev hatte mit 6:3, 2:6, 6:7 (7), 7:5, 6:4 sein Auftaktmatch bei den US Open in New York gewonnen, nach einer Spielzeit von 4:52 Stunden. Folglich hatte er mit der allergrößten Kraftanstrengung ein sehr spezielles Unheil abgewendet. Er wäre die erste Nummer eins eines Grand-Slam-Turniers seit 2003 gewesen, die sofort verliert; damals unterlag der Australier Lleyton Hewitt dem Kroaten Ivo Karlovic in Wimbledon. Zverev ging in New York erstmals in seiner Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier als Topgesetzter in den Wettbewerb. Er war der erste Deutsche seit Boris Becker 1991 bei den US Open, der diesen Vorteil hat.

„Ich glaube, das war das längste Erstrundenmatch, das ich je bestritten habe“, sagt Zverev

Noch hat er ihn auf seiner Seite. „Ich bin einfach glücklich, dass ich gewonnen habe. Es war ein unglaublicher Kampf“, sagte Zverev. Aber den besten Eindruck machte er nicht immer, schon gar nicht erinnerte er an die Form, die ihn in Paris Anfang Juni bei den French Open zu seinem ersten Grand-Slam-Titel getragen hatte und danach in Wimbledon bis ins Finale. Einerseits rang ihm Sonego, gegen den Zverev eine 6:0-Matchbilanz hatte, alles ab. Die Partie ging fast so lange wie das epische Duell Zverevs im vergangenen Januar im Halbfinale der Australian Open. Damals verlor er nach 5:27 Stunden gegen den Spanier Carlos Alcaraz. „Ich glaube, das war das längste Erstrundenmatch, das ich je bestritten habe“, sagte Zverev.

Andererseits machte er sich das Leben selbst schwer, so wie früher oft, ehe er sich in diesem Jahr spielerisch etwas neu erfand und die Offensive lieben lernte. Klar wurde somit auch, dass seine beiden frühen Niederlagen bei den Masters-Turnieren in Montreal und Cincinnati keine Ausrutscher waren. Geraunt wurde in New York, Zverev habe gerade grundsätzlich ein paar körperliche Problemchen, aber offiziell hat er nichts Derartiges verlauten lassen und sich bestens vorbereitet gezeigt.

Lorenzo Sonego verlangte Alexander Zverev alles ab.
Lorenzo Sonego verlangte Alexander Zverev alles ab.
Frank Franklin/AP

Und das Match, das unter geschlossenem Dach gespielt wurde, da es am Dienstag immer wieder schüttete, begann auch so, wie es nicht viel besser für Zverev hätte beginnen können. Er hielt souverän seine Aufschlagspiele, gewann den ersten Satz. Im zweiten Durchgang dominierte er weiter seinen Gegner, bei 3:3 hatte er einen Breakball; hätte er diesen verwandelt, vielleicht wäre alles anders gekommen. Aber urplötzlich zerbrach Zverevs Spiel, seine Körpersprache sah entmutigt aus, sein Energielevel wirkte flach. Oft blickte er, bekanntlich Diabetiker, bei den Seitenwechselpausen auf sein Blutzuckermessgerät. Er verlor sein Aufschlagspiel zum 3:5, Sonego sagte danke und glich aus.

Im dritten Satz agierte Zverev, als sei ihm ein Stecker herausgezogen worden. Er bewegte sich schlecht, stand somit zu spät am Ball, fabrizierte Fehler. Sonego zog auf 5:3 davon, Zverev ging plötzlich, wie erwacht, mit 6:5 in Führung. Die Emotionen wechselten hin und her. Im Tiebreak hatte zunächst Sonego einen Satzball, dann Zverev, ehe Sonego zuschlug. In dieser Phase strahlte er einfach deutlich mehr Entschlossenheit aus, das Publikum, das so spät noch ausharrte (viele Plätze waren leer), johlte.

In Satz vier wieder ein neues Bild: Jedem Punkt kam nun große Bedeutung bei. Zverev gelang das Break zum 3:2, die Beastie Boys sangen aus den Boxen: „You gotta fight, for your right, to paaaarty!“ Den manchmal raubeinigen New Yorkern gefiel diese Partie jetzt, die anfangs eher ermüdend für alle zu werden schien. Längst war der Mittwoch angebrochen, als Zverev wieder kurz schwächelte, Sonego, der deutlich mehr von den Zuschauern unterstützt und angefeuert wurde, glich zum 3:3 aus. Doch Zverev zeigte Moral, und als er das Break zum 6:5 schaffte, sauste seine Faust hoch. Es ging in den fünften Satz.

Marathondistanzen dieser Art kann Zverev, seine Bilanz bisher war 24:15, wenn er über die ganze Distanz gehen musste. Und am Ende sollte er sich tatsächlich behaupten. Auch weil ihm Sonego das Break zum 3:2 regelrecht aufzwang, mit einem fahrlässigen Vorhandfehler und einem folgenden Doppelfehler. Vor den US Open hatte Zverev einen guten Satz gesagt: „So eine Setzliste zeigt, dass du gut gespielt hast. Aber das Wichtigste ist, welcher Name nach dem Finale oben steht.“ Zverev selbst hat gerade noch abwenden können, dass sein eigener Name schon jetzt aus dem Rennen ist.

Nebenbei stellte Zverev eine persönliche Bestleistung auf. Mit dem Erfolg gegen Sonego ist er bei 19 Grand-Slam-Matchsiegen in dieser Saison angelangt, so viele hatte er noch nie erreicht (zuvor 18 im Jahr 2024). In der zweiten Runde trifft Zverev auf den Franzosen Quentin Halys, 29; den Weltranglisten-52. kennt er bestens, und er hat ihn in guter Erinnerung. Auf dem Weg zu seinem French-Open-Titel bezwang er den Franzosen in der dritten Runde in vier Sätzen. Er glaubt an sich, das war Zverevs Erkenntnis aus dem Sieg gegen Sonego: „Das ist genau das Match, das ich brauchte. Manchmal passieren große Dinge, wenn man sich durch solche Matches kämpft.“

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