Tennis:Teenie-Geister in Flushing Meadows

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Tennis: Forsch und frech, aber auch abgeklärt und nervenstark: Die Kanadierin Leylah Fernandez holt gegen Angelique Kerber einen Rückstand auf - und setzt sich gegen die dreimalige Grand-Slam-Siegerin durch.

Forsch und frech, aber auch abgeklärt und nervenstark: Die Kanadierin Leylah Fernandez holt gegen Angelique Kerber einen Rückstand auf - und setzt sich gegen die dreimalige Grand-Slam-Siegerin durch.

(Foto: Timothy A. Clary/AFP)

Vor diesen US Open ging die Furcht um, das Turnier könnte ohne manch lebende Legende farblos werden. Doch freche Teenager wie Leylah Fernandez und Carlos Alcaraz machen den Grand Slam so faszinierend wie lange nicht.

Von Jürgen Schmieder, New York

Wie bitte? Carlos Alcaraz und Leylah Fernandez? Wer sind die denn? Hätten Angelique Kerber und Peter Gojowczyk am Sonntag im Achtelfinale der US Open gegen diejenigen verloren, auf die sie per Setzliste hätten treffen sollen, Naomi Osaka und Stefanos Tsitsipas nämlich, dann hätten auch Laien zumindest die Namen gekannt. Nun erkundigten sich selbst Experten nach diesen beiden Teenagern, die reihenweise Favoriten aus dem Turnier werfen und wegen denen die New Yorker in Anlehnung an das unvergessene Nirvana-Lied "Smells like Teen Spirit" behaupten, dass es ordentlich nach Teenie-Geist riechen würde auf der Tennisanlage in Flushing Meadows. Wie auch, dass diese US Open deshalb so faszinierend seien wie lange kein Grand-Slam-Turnier mehr; denn es sind nicht nur die Ergebnisse, die verblüffen, sondern auch die Spielweise dieser jungen Leute.

Der Mensch sträubt sich ja zunächst einmal immer gegen Veränderungen, weil er nicht weiß, ob er mit dem Ersatz des Vertrauten etwas anfangen kann. Das Gejammere war deshalb immens, als bekannt wurde, dass die lebenden Legenden des Tennissports - Rafael Nadal, Roger Federer sowie die Williams-Schwestern Serena und Venus - in New York nicht mitwirken würden; und dass auch Titelverteidiger Dominic Thiem und 2016-Gewinner Stan Wawrinka nicht dabei sein können. Die gewohnte Struktur war in Gefahr, der zufolge sich in der ersten Woche gerne neue Leute präsentieren dürfen, die Dramaturgie dann aber, wenn sich alles auf die großen Stadien konzentriert, Duelle der Bekannten verlangt, also: Federer gegen Nadal, Wawrinka gegen Novak Djokovic, die Williams-Schwestern gegeneinander. Langweilig war das nicht, weil die Qualität dieser Partien meistens unfasslich hoch war.

Das Fehlen der Legenden wird wehmütig interpretiert als Signal dafür, dass bald eine Ära in diesem Sport enden könnte, die viele für die beste der Geschichte halten. Wenn so etwas passiert, dann beschweren sich die Früher-war-alles-besser-Leute erst einmal. So wie es bei Nirvana auch erst hieß, dass Rock 'n Roll tot sei, wenn Musiker Instrumente malträtieren und brüllen statt singen; und wovon in aller Welt handelt dieser Song eigentlich? Nun, bei "Smells like Teen Spirit" geht es um ein Lebensgefühl, und genau dieses Gefühl verkörpern nun Alcaraz, Fernandez und ein paar andere jungen Leute bei diesen US Open: ungestüm, kraftvoll, furchtlos, ohne Respekt und voller Selbstbewusstsein. Dagegen wirken sogar die Olympiasieger Alexander Zverev und Belinda Bencic, beide selbst erst 24 Jahre alt, wie etablierte alte Hasen.

"Sie hat mit lockerem Händchen gespielt, sie hatte nichts zu verlieren, sie war mutig", sagt Kerber

"Ich bin überhaupt nicht überrascht von dem, was gerade passiert", sagte zum Beispiel Fernandez, die am Montag ihren 19. Geburtstag feiern durfte, nach dem Sieg gegen Kerber. Die Deutsche hatte wahrlich nicht schlecht gespielt, sie griff selbst an, konterte, kämpfte, probierte Slice und Stopp - und wirkte doch wie eine, die versucht, mit der Ukulele gegen die krachenden Riffs einer Elektrogitarre anzukommen. Fernandez erlief selbst die wuchtigsten und präzisesten Angriffe von Kerber, kam immer wieder in die Ballwechsel zurück und übernahm dann selbst die Kontrolle. Von 102 Punkten, die die Kanadierin beim 4:6, 7:6 (5), 6:2 gewann, resultierten nur 22 aus leichten Fehlern von Kerber, der Rest waren entweder direkte Gewinnschläge oder erzwungene Fehler.

"Sie hat mit lockerem Händchen gespielt, sie hatte nichts zu verlieren, sie war mutig", sagte Kerber danach: "Ich habe solche Partien oft gewonnen, aber man muss dann eben auch einsehen, wenn die Gegnerin in den wenigen prägenden Punkten besser ist." Genau das war ja das Erstaunliche: Fernandez spielte forsch und frisch und frech, aber eben auch abgeklärt und nervenstark. Das habe sie von ihrem Vater Jorge, sagte sie danach. Der spreche nie darüber, dass er mal Fußballprofi in Ecuador gewesen sei, weil er nicht in der Vergangenheit leben, sondern lieber die Gegenwart auskosten wolle - und die Zukunft: "Ich soll dieses Leben genießen", sagte sie, "und genau das tue ich gerade: Ich habe Spaß, und das ist der Schlüssel zum Erfolg."

Carlos Alcaraz zeigt sich in entscheidenden Momenten gelassen wie einer, der seit 15 Jahren Grand-Slam-Turniere spielt

Wer nach Fernandez' Partie im Louis Armstrong Stadium hinüber lief zum Grandstand, der glaubte, die gleiche Partie noch mal zu sehen - nur bei den Männern. "Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so hart schlägt", hatte Tsitsipas nach seiner Niederlage gesagt. In der Tat schwingt Carlos Alcaraz, nun Gojowczyks Gegner, seine Vorhand, wie John Wayne den Revolver gezogen hat. Die Rückhand ist nicht minder gefährlich. Und wie Fernandez gab er nicht nur den wilden Haudrauf, sondern präsentierte Stop-Lob-Kombinationen und war in entscheidenden Momenten der Partie gelassen wie einer, der seit 15 Jahren Grand-Slam-Turniere spielt. 2006 war er aber gerade mal drei Jahre alt. Die US Open sind sein viertes großes Turnier.

US Open

Jeder Punkt in die Unendlichkeit verlängert: Der Spanier Carlos Alcaraz peitscht seine Grundschläge und hat eine ausgeprägte Athletik.

(Foto: Frank Franklin II/dpa)

"Er verteidigt unfassbar gut, ist wahnsinnig schnell", sagte Gojowczyk nach der Partie. Die Begegnung wäre noch enger gewesen als das 7:5, 1:6, 7:5, 2:6, 0:6, wäre er nicht von Mitte des vierten Satzes von Krämpfen geplagt worden - die aber eben auch damit zu tun hatten, dass Alcaraz jeden Punkt in die Unendlichkeit verlängerte, wie Gojowczyk sagte: "Man muss jeden Punkt bis zum Ende perfekt spielen."

Gepeitschte Grundschläge und eine ausgeprägte Athletik - das klingt doch bekannt! Nun, Alcaraz entspringt der spanischen Tennistalenteschmiede (so wie Fernandez der kanadischen entspringt, die ja schon Milos Raonic, Denis Shapovalov und US-Open-Siegerin Bianca Andreescu hervorgebracht hat). Es ist also kein Zufall, dass Alcaraz einen an Rafael Nadal erinnert. Trainer Juan Carlos Ferrero, früherer French-Open-Sieger und Weltranglistenerster, klingt wie Nadals Onkel Toni, wenn er über Alcaraz sagt: "Er will immer voll draufgehen, aber er lernt gerade, dass 80 Prozent manchmal reichen."

Die Zuschauer in New York erleben also ein Umbruchturnier, es gibt ja nicht nur Fernandez und Alcaraz, sondern auch Emma Raducanu (Großbritannien, 18 Jahre), Jannik Sinner (Italien, 20) und Jenson Brooksby (USA, 20). Oder, in absoluten Zahlen: Bei den Männern sind elf von 16 Achtelfinalsten 26 Jahre alt oder jünger, bei den Frauen sind es neun. Es ist ein hochklassiges und spannendes Turnier, man muss sich wirklich nicht um den Tennissport sorgen. Und es kann natürlich sein, dass in ein paar Tagen, wenn nur noch im größten Tennisstadion der Welt gespielt wird, wieder die Etablierten dabei sein werden - also Djokovic und Daniil Medwedew etwa. Auf der anderen Seite: Alcaraz trifft im Viertelfinale auf Félix Auger-Aliassime (Kanada). Der Kanadier ist gerade 21 Jahre alt geworden.

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