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Serena Williams:Alles eine Frage der Perspektive

Serena Williams diskutiert im US-Open-Finale mit Schiedsrichter Carlos Ramos

Öffentlicher Disput: Serena Williams ist mit den Entscheidungen von Schiedsrichter Carlos Ramos im Frauenfinale der US Open nicht einverstanden und erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den Mann.

(Foto: Antoine Couvercelle/imago)
  • Viele Akteure der Tennis-Szene solidarisieren sich mit Serena Williams, die Schiedsrichter Ramos Sexismus vorwarf, weil der sie im Finale der US-Open bestraft hat.
  • Die Tennisverbände stellen sich auf die Seite der 23-fachen Grand-Slam-Siegerin - liefern aber keine Belege für die Fehlleistung des Schiedsrichters.
  • Aus Serena Williams' Sicht kann man die Vorwürfe trotzdem verstehen. Sie wurde in ihrer Karriere zu oft benachteiligt.

Die Welt und die Dinge darin verändern sich, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Es gibt deshalb keine unumstößliche Wahrheit, was beim Frauenfinale der US Open im Tennis passiert ist und wie sich die Aufarbeitung der Ereignisse gestalten muss. Die Fakten: Naomi Osaka hat 6:2, 6:4 gewonnen, Serena Williams ist dreimal von Schiedsrichter Carlos Ramos verwarnt worden - wegen Coaching, wegen Schlägerzertrümmern und wegen unsportlichen Verhaltens. Alles andere ist interpretierbar, das ist der Grund, warum sich die Perspektiven der Protagonisten derart voneinander unterschieden, dass dieser Samstagabend auf eine gesellschaftliche Ebene gehievt wird. Es geht jetzt um Sexismus.

Steve Simon, der Chef des Frauen-Tennisverbandes WTA, hat eine Erklärung veröffentlicht, in der es heißt: "Die WTA glaubt daran, dass es keinen Unterschied geben dürfte bei der Behandlung von Männern und Frauen, wenn sie auf dem Platz Emotionen zeigen. Wir arbeiten daran, dass alle Spieler gleich behandelt werden. Wir glauben, dass das nicht der Fall war."

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Es gibt Männer, die wüster geschimpft haben und mit weniger davongekommen sind

Das ist ein schlimmer Vorwurf: Carlos Ramos, ein Mann, habe Williams nur deshalb benachteiligt, weil sie eine Frau sei. Williams selbst hatte das direkt nach der Partie behauptet: "Ich hatte das Gefühl, dass es sexistisch war. Ich kämpfe für die Rechte von Frauen und für Gleichberechtigung. Frauen werden künftig Emotionen zeigen dürfen wegen dem, was heute passiert ist." Katrina Adams, die Präsidentin des amerikanischen Verbandes USTA, sagte am Tag nach dem Finale: "Es gibt keine Gleichberechtigung."

Serena Williams ist in Compton aufgewachsen, einer noch immer gefährlichen Stadt im Süden von Los Angeles; das Tennis-Establishment rümpfte einst empört die Nase, als Venus und Serena Williams, zwei schwarze Mädchen mit bunten Perlen in den Haaren, die meist hellhäutigen All-American Girls vom Platz prügelten. Serena Williams ist auch deshalb so erfolgreich geworden, weil sie die (oft ungeschriebenen) Regeln ihres Sports infrage gestellt hat, sie hat sich aufgelehnt gegen dieses Establishment, und sie ist dafür bestraft worden. Beispielsweise im Viertelfinale der US Open von 2004, als die Schiedsrichter groteske Fehlentscheidungen trafen, um dem hellhäutigen All-American Girl Jennifer Capriati zum Sieg über Williams zu verhelfen. Der britische TV-Moderator Piers Morgan, ein Populist, sagte ihr mal ins Gesicht, dass ihr Siegestanz sie wie einen Gangster aussehen lasse. Reporter fragen immer wieder, ob sie sich für eine der größten Sportlerinnen der Geschichte halte, und implizieren damit, dass sie nicht legendärer sein könne als männliche Legenden.

Am Samstag hat Williams - das ist auf den TV-Bildern zu erkennen - die Gesten ihres Trainers Patrick Mouratoglou während des Finales nicht gesehen; Ramos schon. Williams sah ihre Integrität infrage gestellt, die Situation eskalierte, als Ramos nach heftigen Beschimpfungen durch Williams den Vorwurf "Dieb" als Beleidigung interpretierte und die dritte Verwarnung aussprach. Williams hielt den Begriff "Dieb" für harmlos, sie warf Ramos deshalb Sexismus vor: "Er hat noch nie einem Mann ein Spiel abgezogen, weil der 'Dieb' zu ihm gesagt hat."

Aus der Perspektive von Williams war der Samstag ein Tiefpunkt im Leben einer, die bereits viel Rassismus und Sexismus erlebt hat. Sie fühlte sich ungerecht behandelt und zu Unrecht angeklagt: Ihr Trainer hatte ja gegen die Regeln verstoßen, nicht sie. Aufgrund früherer Erfahrungen vermutete sie eine systematische Benachteiligung, wegen ihrer Hautfarbe und wegen ihres Geschlechts. Aus der Perspektive von Williams ist es verständlich, dass sie nun so denkt, wie sie denkt.

Es hat tatsächlich Männer gegeben in der Geschichte dieses Sports, die Schiedsrichter wüster beschimpft haben, als Williams das getan hat, und mit einer Verwarnung oder weniger davongekommen sind. Jeff Tarango allerdings ist im Jahr 1995 in Wimbledon verwarnt worden, weil er dem Publikum "Haltet das Maul" zugerufen hat. Die ehemalige Weltklassespielerin Martina Navratilova schreibt dazu in der New York Times: "Nur weil Männer mit noch schlimmeren Sachen davonkommen, bedeutet es nicht, dass das, was Williams getan hat, richtig gewesen ist."

Und nun?

Es gibt etliche Akteure, die sich mit Williams solidarisieren, Novak Djokovic sagte zum Beispiel nach seinem Sieg im Männerfinale: "Der Schiedsrichter hätte Williams nicht an diese Grenze treiben sollen, schon gar nicht in einem Grand-Slam-Finale." Djokovic weiß, dass Sportler unter dem Druck einer wichtigen Partie auch mal brechen können: "Wir alle erleben Emotionen, wenn wir um diese Trophäe kämpfen." Djokovic sagte aber auch: "Ich sehe das nicht so wie Simon. Ich weiß nicht, woher er mit dieser Aussage kommt. Ich glaube, dass es immer auf die Situation ankommt, wie Männer und Frauen behandelt werden. Es ist schwierig, Dinge derart zu verallgemeinern. Ich glaube nicht, dass wir nun darüber debattieren müssen."

Das führt zu zwei weiteren Perspektiven: der des US-Tennisverbandes und der der WTA. Die Chefs Adams und Simon haben schlimme Vorwürfe erhoben, ohne dafür Belege zu liefern. Ramos ist ein integrer Schiedsrichter, er hat Grand-Slam-Endspiele und ein Olympia-Finale geleitet - es ist bekannt, dass er das Reglement streng auslegt. Er hat Williams' Schwester Venus bei den French Open 2016 wegen vermeintlichen Coachings verwarnt und in den vergangenen beiden Jahren Verwarnungen gegen Rafael Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und Nick Kyrgios ausgesprochen. Er wird respektiert, weil er keine Furcht hat vor den großen Namen dieses Sports.

"Die Entscheidungen decken sich mit dem Reglement", bekräftigt der internationale Verband

Es gibt bislang auch keine Beweise dafür, dass Frauen im Tennis systematisch anders behandelt werden als Männer. Es gab bei den US Open vor diesem Samstagabend eine Verwarnung für Alizé Cornet, die auf dem Platz ihr Shirt gewechselt hatte. Die Verwarnung wurde nach der Partie zurückgenommen, der US-Verband entschuldigte sich und änderte sogleich die Regeln. Serena Williams ist die bedeutendste Protagonistin im Frauentennis, womöglich sahen sich USTA und WTA deshalb verpflichtet, die Perspektive von Williams bedingungslos einzunehmen - Adams hatte schon bei der Siegerehrung gesagt: "Wir alle haben uns einen anderen Ausgang gewünscht." Sie brauchen Williams mehr, als Williams das Tennis braucht.

Sexismus ist zweifellos ein Krebsgeschwür der Gesellschaft und gehört bekämpft, darüber darf es keine Debatte geben. Es ist jedoch diskutabel, ob dieses Frauenfinale tatsächlich als Beispiel dafür taugt. Bei der Debatte fehlt bislang die Perspektive von Schiedsrichter Carlos Ramos. Er hat sich noch nicht geäußert zu den Vorwürfen gegen ihn. Aber es gibt eine Erklärung des internationalen Tennisverbandes ITF: "Es ist verständlich, dass dieser bedauernswerte Vorfall eine Debatte auslöst. Die Entscheidungen von Herrn Ramos decken sich mit dem Reglement und wurden von den US Open auch dahingehend bestätigt, dass Serena Williams für alle drei Vergehen mit einer Strafe (17 000 Dollar, Anm. d. Red.) belegt worden ist."

Die Welt und die Dinge darin verändern sich eben, wenn man sie aus einer anderen Perspektive sieht.

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