Es passiert einem sicherlich nicht häufig als Tennisprofi, dass man die Nummer eins der Weltrangliste nicht nur besiegt, sondern regelrecht ausspielt, technisch wie mental, bei einem Grand-Slam-Turnier in der größten Tennisarena - und man danach dennoch als einer der größten Tölpel der Welt gilt. "Das wird überall zu sehen sein, und ich werde rüberkommen wie der größte Idiot", stellte Nick Kyrgios nach seinem Achtelfinalsieg (7:6, 3:6, 6:2, 6:2) gegen Daniil Medwedew fest.
Es war tatsächlich eine törichte Aktion des australischen Protz-und-Pöbel-Punks, vor allem deshalb, weil sie matchentscheidend hätte sein können. Zu Beginn des dritten Satz, jeder hatte davor je einen Durchgang gewonnen, stand es 30:30 bei Aufschlag Medwedew: Kyrgios spielte einen wirklich grandiosen Passierschlag, den der Gegner, der Titelverteidiger aus Russland, nur noch mit dem Schlägerrahmen traf und in den Himmel über New York schickte. Kyrgios rannte grinsend auf die andere Seite des Netzes und spielte den Ball, als er herunterkam, volley ins Feld von Medwedew.

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Es sah aus wie die Aktion eines achtjährigen Hallodris, der sich einen Spaß leistet. Beim Hobbyduell hätten alle gelacht. Im Profitennis führt es zu Punktverlust und damit zur verpassten Chance auf einen Breakball für Kyrgios. Könnte es ein besseres Beispiel dafür geben, warum Kyrgios, 27 Jahre alt, dieser Höchstbegabte, kein Höchsterfolgreicher ist?
Der Schmerz über die Niederlage in Wimbledon gegen Djokovic habe ihn noch erwachsener gemacht, sagt Kyrgios
Gewöhnlich nämlich verzweifelt er nach solcherlei Sperenzchen erst am Schiedsrichter oder der Schiedsrichterin, dann an den Regeln, anschließend, warum auch immer, an seinem Team und letztlich an sich selbst. Er verliert dann Fassung und Match und somit wieder eine Chance auf den ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Letztmals war dieser typische Eskalationsverlauf vor wenigen Wochen im Wimbledon-Finale zu sehen, das Kygrios gegen Novak Djokovic verlor.
Und es sah, wie schon so oft, so aus, als würde sich das Muster auch gegen Medwedew wiederholen: Kyrgios spielt brillant, gewinnt den ersten Satz (13:11 im Tie-Break), verliert den zweiten wegen der Ergötzung an sich selbst (er gab sofort das erste Aufschlagspiel ab) und leistet sich dann den Unfug, der ihn normalerweise aus der Bahn geworfen und den ein nervenstarker Gegner wie Medwedew gewöhnlich gnadenlos ausgenutzt hätte.
Die Nicht-Implosion des Australiers irritiert seinen Gegner nachhaltig
Stattdessen passierte Folgendes: Kyrgios sah seinen Fehler ein, nach kurzer und freundlicher Debatte mit Patrick McEnroe, der für den Sportkanal ESPN am Spielfeldrand saß. "Ich war ganz ehrlich der Meinung, das sei erlaubt", sagte Kyrgios. Doch statt die Konzentration zu verlieren, nahm er Medwedew danach zweimal nacheinander den Aufschlag ab. Und weil Medwedew völlig perplex war von der Nicht-Implosion von Kyrgios, wirkte nun der Russe nervös und verunsichert. Er wurde immer kleiner, während Kyrgios stetig wuchs - es war wirklich so dramatisch, wie sich das nun liest.
"Es hat lange genug gedauert, bis es in meinem Kopf geklickt hat - 27 verdammte Jahre", sagte Kyrgios später über diese Wandlung, die ihn zum erfolgreichsten Tennisspieler seit den French Open gemacht und ins Wimbledon-Finale geführt hat. Der Schmerz über diese Niederlage beim Rasenklassiker gegen Djokovic habe ihn noch erwachsener gemacht. Sein Team sei nun vier Monate lang ohne Pause unterwegs, alle hätten Heimweh, deshalb wolle er dafür sorgen, dass sich das alles lohne - mit einem Turniersieg in New York.

Er hält sich nun also für erwachsen, dieser Nick Kyrgios; die Außeneinschätzung ist freilich, dass es sich da um einen erwachsenen Achtjährigen handelt. Er leistet sich ja immer noch Tölpeleien, er bolzt Bälle quer über den Platz, streitet mit der Schiedsrichterin über den richtigen Zeitpunkt zum Aktivieren der Shot Clock, und er motzt (und spuckt schon mal) in Richtung seines Teams, wenn das nicht nach jedem einzelnen gewonnenen Ballwechsel aufspringt und jubelt, als wäre zuvor die größte Sensation der Sportgeschichte passiert.
Seine Entourage behandelt den Australier immer noch wie ein Kind
Ja, auch das ist so peinlich, wie sich das liest, und wer sich mal ein paar Minuten lang zur Box des Kyrgios-Teams schleicht und ein bisschen zuhört, was sie ihm zwischen den Ballwechseln zureden - das ist seit diesen US Open erlaubt -, der bemerkt recht schnell: Sie reden wie mit einem Achtjährigen, der Zuspruch braucht. Also, nach der Tölpelei: "Macht nichts, du spielst sonst grandios." Kurz darauf: "Völlig ausreichend, was du tust." Und dann, nach einem Fehler: "Egal. Sehr gut, sonst, sehr, sehr gut."
Kyrgios wandelt noch immer brutal an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn; er hat sich offenbar jedoch dazu entschlossen, nun öfter mal auf der Genie-Seite vorbeizuschauen - wie der Rockstar, der im Alter von 27 Jahren beschließt, doch nicht zu sterben. (Vielleicht ist es Zufall, dass Kyrgios 27 Jahre alt ist, vielleicht aber auch nicht.) "Normalerweise würde ich hier jeden Tag ausgehen, jetzt aber gehe ich brav ins Bett - ich weiß auch nicht so recht, was da mit mir passiert", sagte er, und dann sah er rauf zu dieser Box: "Ich habe jetzt eine Freundin, die hilft mir sehr. Dieses Team, das sich um mich kümmert. Den wunderbaren Thanasi Kokkinakis, mit dem ich ja noch Doppel spiele hier. Die will ich alle nicht enttäuschen."
Kyrgios kommt daher wie ein Achtjähriger, der plötzlich feststellt, dass sich die Welt doch nicht ausschließlich um ihn dreht, sondern dass es da auch noch andere Menschen gibt. Erwachsen ist er deshalb noch nicht. Er dürfte sich im Viertelfinale gegen Karen Chatschanow (der Russe gewann 4:6, 6:3, 6:1, 4:6 6:3 gegen Pablo Carreno-Busta) Tölpeleien, Wutanfälle, Debatten leisten. Nur: Sie scheinen ihn nun nicht mehr aus der Bahn zu werfen; er hat sie akzeptiert als Teil dessen, was es heißt, Nick Kyrgios zu sein. Außerdem: Kein Mensch ist weise geworden, ohne nicht auch mal den Tölpel gegeben zu haben.

