Tennis bei den US Open:Die Pistoleros übernehmen

Lesezeit: 3 min

Tennis bei den US Open: Carlos Alcaraz zeigte in New York sein enormes Talent und ist mit 19 Jahren die jüngste Nummer eins der Profi-Ära.

Carlos Alcaraz zeigte in New York sein enormes Talent und ist mit 19 Jahren die jüngste Nummer eins der Profi-Ära.

(Foto: Corey Sipkin/AFP)

Weder Federer noch Nadal noch Djokovic waren am fesselnden Spektakel in New York beteiligt. Auch ohne die großen Drei dürfte dieser Sport künftig für Kinospannung sorgen.

Kommentar von Jürgen Schmieder, New York

Vor Kurzem gab es in New York nicht nur ein Duell um den US-Open-Titel - es war zugleich der Showdown um die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste: Carlos Alcaraz und Casper Ruud traten an wie zum Duell zweier Pistoleros auf der Hauptstraße einer Westernstadt.

Der Spanier Alcaraz gewann und ist mit nicht einmal 19 Jahren und sechs Monaten die jüngste Nummer eins seines Sports. Die Amerikaner sagen in solchen Momenten gerne: "There's a new sheriff in town", und in diesem Fall könnte es keine treffendere Analogie geben als die des Gesetzeshüters in einer Westernstadt. Zwei Jahrzehnte lang haben sich Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic um diese Rolle gestritten. Sie haben dabei zahlreiche Desperados aus der Stadt verjagt, auch wenn hin und wieder mal einer eine Zockerei im Saloon (also ein Grand-Slam-Turnier) gewonnen hat wie zum Beispiel Stan Wawrinka oder Andy Murray - der übrigens 41 Wochen lang auch mal Sheriff gewesen ist.

Insgesamt, man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, waren die großen Drei 17 Jahre und acht Wochen an der Spitze des Männertennis, und es könnte noch ein bisschen was dazukommen: Djokovic wird überall, wo er hindarf, als Favorit gelten; und der Vollständigkeit halber muss erwähnt sein: Djokovic fehlte nicht bloß in Melbourne und New York, für seinen Wimbledonsieg bekam er keine Punkte, weil die Veranstalter russische Sportler ausgeschlossen, die Spielervereinigungen deshalb aber keine Punkte vergeben hatten.

Tennis bei den US Open: Ein besonders virtuoser Kandidat für die zukünftige Spitze im Welttennis: der Italiener Jannik Sinner.

Ein besonders virtuoser Kandidat für die zukünftige Spitze im Welttennis: der Italiener Jannik Sinner.

(Foto: Frank Franklin II/AP)

Auch Nadal dürfte nach der Gesundung seine Körpers und der Geburt seines ersten Kindes zurückkehren und um Titel spielen. Nur Federer reitet nun doch unübersehbar dem Sonnenuntergang entgegen.

Erstaunlicherweise war die Zeit mit diesem Trio nie langweilig, es trudelte kein dürres Präriegras durch die Stadt, wie es zum Beispiel im Schwergewichtsboxen während der Regentschaft der Klitschko-Brüder der Fall war. Das lag an der Zuspitzung dieser Dreiecksduelle, aber auch daran, wie die großen Drei diese Westernstadt behüteten - mit großem Respekt, als Bewahrer von Traditionen und gleichzeitig neugierige Förderer neuer Ideen: Federer als Erfinder des Laver Cups, Djokovic als Impulsgeber bei Tarifdebatten, Nadal als jemand, dem man zutraut, gemeinsam mit seinem Onkel Toni den Nachwuchs zu fördern.

Die Branchenbesten setzen den Ton für alle anderen, im Umgang mit Kollegen, Fans, Schiedsrichtern. Im besten Fall erledigen sie das nicht mit Sheriffstern oder Revolver als Legitimation, sondern mit natürlicher Autorität aufgrund von Erfolgen und ihrem unendlichen Respekt vor diesem Spiel. Wenn man sich bei den US Open so umsah: Alle, die sich um die Nachfolge als Sheriff bemühen, scheinen zu kapieren, was das bedeutet.

Der Ton, den die neuen Protagonisten im Tennis setzen, macht Lust auf mehr

Es steht also nicht zu befürchten, dass in dieser Westernstadt nun das Chaos ausbrechen wird, obwohl sich in den kommenden Jahren rund zehn Spieler regelmäßig um Siege im Saloon oder dieses Amt des Sheriffs bewerben dürften. Man darf sich auf zahlreiche packende Duelle in der Mittagssonne freuen, und wenn diese US Open eines gezeigt haben im Männertennis, dann dies: Es ist eine florierende Stadt mit vielen tollen Gesetzeshütern und hungrigen Goldgräbern wie Frances Tiafoe oder Jannik Sinner, und jeder gute Western braucht ja auch spannende Desperados wie Nick Kyrgios. Der Ton, den die neuen Protagonisten setzen, macht Lust auf mehr.

Das nächste große Treffen auf dem Marktplatz ist absehbar, es wird dort um die Position des Sheriffs am Ende der Saison gehen: die Finals in Turin, wo sich von 13. November an die besten Acht der Rangliste treffen werden. Zur Einstimmung könnte man die besten Western-Pistolero-Duelle angucken: High Noon, Silverado, Blazing Saddles und natürlich Sergio Leones The Good, the Bad and the Ugly. Wenn diese US Open aber eines gezeigt haben, dann dies: Das Turnier in Turin dürfte mindestens so spannend werden wie diese Filme.

Zur SZ-Startseite

US Open
:Die nächsten Großen nach den großen Drei

Wird Tennis langweilig, wenn eines Tages Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic ihre Karrieren beenden? Die US Open zeigen, dass die Furcht unbegründet ist: Der Sport produziert Persönlichkeiten.

Lesen Sie mehr zum Thema