Ausgesprochen ruhig beantwortete Alexander Zverev die finalen Fragen, die ihm am Freitagabend in Turin gestellt wurden. Kritiker seines eigenen Schaffens war er einmal mehr, nach einer enttäuschenden Niederlage in zwei Sätzen (4:6, 6:7) gegen den Kanadier Felix Auger-Aliassime, die sein Saisonende zumindest als Einzelsportler bedeutete: Ein Halbfinale und ein mögliches Finale verpasste Zverev bei den ATP Finals, in der kommenden Woche aber steht noch der Davis Cup in Bologna bevor. Zum dann wirklich finalen Akt einer „unglaublich unbefriedigenden Saison“, wie sie der Weltranglistendritte in seinen eigenen Worten beschrieb: „Eine Saison hat viele Ups und Downs, aber es gab nicht viele Ups dieses Jahr.“
Solche Kritik an sich selbst ist bei Zverev inzwischen ein gewohntes Muster. Schon im vergangenen Jahr in Turin konnte man eine ähnlich unzufriedene Bilanz hören wie diesmal, nach einem Jahr mit nur einem Einzeltitel (in München) und einem Grand-Slam-Finale (bei den Australian Open). Nun aber, nach dem „schlechtesten Match des vergangenen Monats“, wirkte der 28-Jährige einigermaßen ernüchtert. Weil er beim Finalturnier schon gegen Auger-Alissime und nicht etwa gegen das Duo der in der Weltrangliste entrückten Jannik Sinner und Carlos Alcaraz verloren hatte. Und weil er in vielen Situationen dieses Matches zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte, leichte Fehler gemacht hatte, unsicher wirkte. Was dazu führte, dass ihm sein derzeit schärfster Kritiker eine „mentale Blockade“ zuschrieb.
„Die Niederlage hat nichts mit Tennis zu tun“, sagt Becker: „Er kam mit der Erwartungshaltung nicht klar.“
Die Geschichte von Alexander Zverevs Saisonende, sie spielte sich in Turin nicht nur auf dem Court ab, sondern auch etwas weiter oben, in den Fernsehstudios der Inalpi Arena. Dort saß Boris Becker, in seiner Rolle als Experte beim Sender Sky, und sprach über Zverev. Er hatte eine These mitgebracht: „Die Niederlage hat nichts mit Tennis zu tun“, sagte Becker: „Er kam mit der Erwartungshaltung nicht klar.“ Die Antwort folgte wenig später, ein paar Stockwerke weiter unten, im Raum der Pressekonferenz, als Zverev mit Beckers Aussagen konfrontiert wurde: „Das ist seine Meinung. Ich habe keine Lust mehr auf seine Kommentare.“
Ein weiteres Kapitel wurde so geschrieben, im Verhältnis zwischen Deutschlands historisch erfolgreichstem Tennisspieler und Deutschlands derzeit erfolgreichstem Tennisspieler. Einer Kombination aus zwei Männern und zwei komplizierten Charakteren, denen schon seit Jahren von vielen Beteiligten und Unbeteiligten eine Zusammenarbeit nahegelegt wird, weil diese auf den ersten Blick allzu logisch erscheinen könnte. Becker und Zverev aber, das ist die Erkenntnis aus Turin, wirken derzeit so weit entfernt voneinander wie vermutlich noch nie zuvor.

Zverev bei den ATP-Finals:„Ich hoffe, wir sehen uns wieder“
Alexander Zverev verliert bei den ATP-Finals gegen Jannik Sinner, sieht aber Fortschritte in seinem Spiel. Er hofft auf ein weiteres Match gegen den Italiener – im Finale.
„Momentan ist es etwas kühler zwischen uns“, sagte Becker unter der Woche: „Es ist ja kein Geheimnis, dass er auf meinen Rat nicht hört.“ Ratschläge hatte er ihm dabei in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder gegeben, auf verschiedene Arten und Weisen: im Fernsehen, in Podcasts und im Frühjahr, in Monaco, auch noch auf dem Tennisplatz. Im April hatte es noch gewirkt, als würden sich beide annähern, als sie vor dem Masters-Turnier an der Côte d’Azur beim gemeinsamen Training gesehen wurden. Entstanden ist daraus nichts, sieben Monate später „texten wir uns ab und zu“, wie Becker sagt. Auch wenn er weiterhin beteuert, im Fernsehen nur seine Expertenrolle auszuspielen: „Im Herzen bin ich sein größter Fan.“
„In das Umfeld Vater-Bruder-Mutter traut sich kein neuer Trainer“, findet Becker
Wie Tennisbälle übers Netz fliegen die Kommentare übereinander aber auch seit Wochen schon durch die Öffentlichkeit. Becker sagte im gemeinsamen Podcast mit Andrea Petkovic vor einigen Wochen, „Weltspitze“ sehe anders aus, Zverev sei von Sinner und Alcaraz weit distanziert: „Ich mache mir ein bisschen Sorgen“. Worauf Zverev in der Bild am Sonntag antwortete: „Ich glaube, dass er sich relativ wenig Sorgen um mich macht, um ehrlich zu sein. Ich glaube, dass er so ein bisschen nach Aufmerksamkeit sucht und die bekommt er über mich. Das ist leider so. Aber das ist mir inzwischen latte.“
Damals blieb nur die Frage, wie wahr dieser Nachsatz ist. Beckers Präsenz und seine Kommentare komplett zu ignorieren, ist für die öffentliche Person Zverev kaum möglich – vielleicht aber am wenigsten für den Tennisspieler Zverev. Der sich einmal mehr mit der sportlichen Frage befassen muss, wie er den Abstand zu dem Duo vor ihm verringern kann und was dafür die notwendigen Schritte sind. Womöglich betrifft das auch das Trainerteam, das weiterhin aus Vater Alexander senior und Bruder Mischa besteht. Für die kommende Saison sagte allerdings im Oktober zuletzt Toni Nadal, Onkel von Rafael und dessen langjähriger Erfolgstrainer, für eine Zusammenarbeit ab.
Wenig überraschend hatte Becker auch dazu noch eine Meinung, er äußerte sie am Samstagabend, als Zverev schon ausgeschieden und abgereist war. Die Idee mit Nadal habe er „gut gefunden“, die Frage nach einem neuen Trainer sei überhaupt wichtig für Zverev. Aber wohl schwer zu beantworten, laut Becker: „In das Umfeld Vater-Bruder-Mutter traut sich kein neuer Trainer. Das ist das nächste Problem.“ Und es war die nächste kritische Aussage, die wohl kaum ohne Antwort bleiben wird.

