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Tennis in Berlin:"Ein Schritt in dem Alter und schon kann's ja vorbei sein"

Tennisturnier in Berlin

Die Kappe trägt Tommy Haas, 42, immer noch verkehrt herum auf dem Kopf.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Tommy Haas scheucht mit 42 Jahren die jungen Konkurrenten über den Platz. Als Turnierdirektor mit Wahlheimat USA zieht er ein Fazit zum Umgang mit Corona und den Berliner Hygiene-Konzepten.

Von Barbara Klimke, Berlin

Ein Stuhl stand bereit, Kissen lagen aus, und auch auf weiche Daunen hätte der Turniersponsor, ein Matratzenhersteller, ihn jederzeit betten können. Tommy Haas hat es trotzdem vorgezogen, seine Ansprachen nach den Matches strikt im Stehen abzuhalten. Er wisse ja nicht, ob er aus dem Sitz wieder hochkomme, scherzte er. Außerdem wollte er keinen Krampf riskieren. Haas ist 42, er hatte zwangsläufig ein paar Spiele mehr in den Knochen als seine Tennis-Konkurrenten in Berlin auf der anderen Netzseite. Und wie sagte einst der weise Charly Chaplin? Von einem gewissen Alter an tut auch die Freude weh.

Er müsste sich das natürlich nicht mehr antun: drei Jahre nach seinem offiziellen Rücktritt den Gegnern noch einmal die Bälle mit Karacho um die Ohren zu feuern. "Ich kann mittlerweile ganz gut ohne das leben", hat Haas freimütig zugegeben. Seinen Wohnsitz hat der Olympiazweite von Sydney 2000, einst die Nummer zwei der Weltrangliste, schon vor Jahren in die USA verlegt und dort auch eine neue Aufgabe als Tennisfunktionär gefunden, in der Rolle des Turnierdirektors von Indian Wells. Aber tief in seinem Herzen ist er doch ein Wettkämpfer geblieben. Und so sagte er zu, als sich die Chance ergab, mitten in der Pandemie zwei Mini-Einladungsturniere zu spielen, die sein langjähriger Manager Edwin Weindorfer unter Infektionsschutzbestimmungen in Berlin organisierte: eines davon beim LTTC Rot-Weiß auf Rasen, "meinem Lieblingsbelag", wie Haas erklärte, das zweite im Hangar 6 des stillgelegten Flughafens Tempelhof auf einem Hartplatz. Und außerdem war da wie bei fast allen zurückgetretenen Sportprofis noch die eine oder andere kleine Rechnung offen.

An Fitness mangelt es ihm nicht, und das Racket schwingt er auch noch regelmäßig in Los Angeles. Wie früher trägt er die Kappe verkehrt herum auf dem Kopf, mit dem Schirm im Nacken, und an Gewicht hat er anscheinend auch kein Gramm zugenommen. Einige seiner Freunde seien frühere Collegespieler, erzählte er, andere besitzen ein Häuschen mit Tenniscourt im Garten: "Es kann also passieren, dass ich vier- bis fünfmal pro Woche auf dem Platz stehe." Das reichte, um im ersten Match am Montag im Grunewald den erst 18 Jahre alten Südtiroler Jannik Sinner, eines der größten Talente des Tennissports, trotz Niederlage über die Grasnarbe zu scheuchen.

Tommy Haas (GER) im Hangar 6 Flughafen-Tempelhof / Tennis / bett1Aces / Herren / Saison 2019/2020 / 17.07.2020 / *** To

Weiterhin gut in Form: der 42-jährige Tommy Haas.

(Foto: O.Behrendt via www.imago-images.de/imago images/Contrast)

Und es reichte, um im zweiten Match am Freitag im Flughafenhangar den formidablen deutschen Daviscup-Spieler Jan-Lennard Struff, Nummer 34 der Weltrangliste, 7:6, 7:6 zu besiegen: jenen Jan-Lennard Struff, gegen den er, Haas, 2017 beim Turnier in Kitzbühel sein letztes Profimatch gespielt hatte; jenen Struff, von dem er damals in zwei Sätzen abgefertigt und in den Ruhestand geschickt wurde. Falls jemand das vergessen haben sollte, so hat Haas bei seiner Ankunft in Berlin noch einmal freundlich daran erinnert.

Ein Showmatch in Corona-Zeiten, so ließe sich einwerfen, ist womöglich nicht mit letzter Hingabe gespielt. Aber Haas brannte vor Ehrgeiz wie eh und je, und Struff, im klitschnassen Hemd, Schläger werfend, gab im Prestige-Duell ebenfalls keinen Ball verloren. Wettkämpfe auf internationalem Niveau sind rar dieser Tage, und keiner der insgesamt dreizehn eingeladenen Profis hat bis Samstag die zur Verfügung stehende Zeit auf dem Court erkennbar mit Showeinlagen oder den sonst in diesem Rahmen gern aufgeführten Publikumsspäßchen vertrödelt. "Es ist wichtig", sagte Struff, "dass wir überhaupt Matches spielen können."

Der Turnierdirektor Haas zieht seine Lehren

Verloren hat Haas dann am Samstag im Halbfinale, als er in Tempelhof dem Weltranglistendritten Dominic Thiem gegenüberstand. Als Turnierdirektor hatte er dem Österreicher vergangenes Jahr den Pokal beim Masters-Sieg in Indian Wells überreicht. Nun streute er ihm ein paar unerreichbare Stoppbälle vor die Füße, ehe er sich dem 16 Jahre Jüngeren 6:7 und 3:6 geschlagen gab. "Ich konnte ein bisschen mithalten", fand Haas, der Thiem nicht nur wegen dessen einhändiger Rückhand schätzt, die stark an seinen eigenen Paradeschlag erinnert. Doch dann spürte Haas ein Zwicken im Oberschenkel, das ihn resignieren ließ: "Ein Schritt in dem Alter", sagte er, "und schon kann's ja vorbei sein."

Thiem bestreitet nun das Finale gegen Sinner. Haas wollte an diesem Sonntag um den Trostpreis spielen, doch er musste seine Teilnahme am Spiel um Platz drei wegen einer Verletzung an der linken Wade absagen. Für ihn tritt nun Mischa Zverev an. Andrea Petkovic, die ihr Halbfinale im Frauenwettbewerb im Hangar 6 gegen die zweimalige tschechische Wimbledonsiegerin Petra Kvitova verlor, kämpft noch um den dritten Platz.

Doch schon bevor sich im Hangar wieder die Tore schließen, hat Haas in seiner Doppelrolle als Teilzeit-Aktiver und als Vollzeit-Turnierdirektor ein kurzes Fazit der Berliner Wettbewerbswoche gezogen. Seine eigene Veranstaltung in Indian Wells war im März die erste, die nach Ausbruch der Pandemie hatte abgesagt werden müssen, deshalb kennt er die Zwänge, unter denen die Organisatoren stehen - besonders in den USA, das derzeit ein Aufflammen der Covid-19-Infektionen sieht. Vor diesem Hintergrund lobte er das Berliner Hygienekonzept, das die Spieler im Hotel in die Isolation zwang und die Zuschauer an den Turnierorten unter anderem durch eine Desinfektionsschleuse schickte: "Die ganze Organisation hat sich stark damit beschäftigt, es so sicher wie möglich zu machen", sagte er, "man schaut sich sicher das ein oder andere ab." Länder wie Deutschland oder Österreich haben seiner Meinung nach "vorbildlich gearbeitet" in der Krise: "Bei uns drüben ist es wieder ein bisschen kritischer."

Ob und unter welchen Bedingungen die reguläre Tennis-Tour der Profis wieder den Betrieb aufnimmt, ist noch immer nicht geklärt. Tommy Haas zumindest hat die Chance genutzt, ein paar seriöse Bälle zu spielen. Allzu häufig allerdings, erklärte er bei einem seiner Vorträge im Stehen, wolle er das nicht wiederholen. Verständlich: Schließlich ist er mit 42 in einem Alter, in dem man auch mal sitzen muss.

© SZ/tbr
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