Daniil Medwedew hat schon viele Reden auf dem Tennisplatz gehalten, aus vielen verschiedenen Anlässen. Bei den US Open in New York hat er einmal dem Publikum dafür gedankt, dass sie ihn ausgebuht hätten. Das hätte ihm erst recht all die Energie gegeben, um das Match zu gewinnen. Der Russe ist wirklich eloquent. Aber auch er erlebte nun etwas Neues, an diesem Sonntagnachmittag im holländischen 's-Hertogenbosch, und brachte darob seine Verblüfftheit zum Ausdruck.
Mit verdutztem Gesichtsausdruck stand er bei der Siegerehrung und sprach, an den Gewinner gewandt: "Glückwunsch, Tim! Du bist das erste Mal bei einem ATP-Turnier, und dann zerstörst du die Nummer zwei der Welt in zwei Sätzen im Finale. Das muss ein gutes Gefühl sein", er machte eine Pause, "ich habe ja keine Ahnung, wie sich das anfühlt." Wie sollte Medwedew das auch nachempfinden können. Denn das, was dieser so kernig grinsende Tim van Rijthoven geschafft hatte, hat ja so kaum jemand zuvor vollbracht. Da kommt einer, der erst ein Mal, vor sechs Jahren, in einem Hauptfeld bei einem ATP-Turnier stand, und besiegt vier Top-Gegner in Serie, inklusive im Endspiel jenen Mann, der ab diesem Montag gar wieder in der Weltrangliste die Nummer eins ist. Verständlich, dass sich van Rijthoven nach dem 6:4, 6:1-Endspielsieg wie ein Käfer rücklings auf Rasen warf.

25 Jahre alt ist van Rijthoven mittlerweile schon, der Niederländer aus Amstelveen ist einer dieser Profis, die jahrelang dranbleiben und darauf hoffen, es irgendwie doch nach oben zu schaffen, zumindest weiter nach oben als nur auf Rang 300 oder 400. Manchen Akteuren allerdings sind aus vielerlei Gründen Grenzen gesetzt. Van Rijthoven, ein sehr athletischer, fröhlicher Typ, schaffte es erst in diesem Jahr, in die Top 200 zu gelangen. Dank einer Wildcard durfte er in 's-Hertogenbosch mitspielen.
Früher fühlte er sich von Agenturen und Sponsoren unter Druck gesetzt
Wie sich das so anfühlt, überhaupt mal in der ersten Runde einer ATP-Veranstaltung zu stehen, erfuhr er einmal immerhin im Jahre 2016 schon. Da rutschte er als Lucky Loser, nachdem er also in der Qualifikation verloren hatte, noch ins Hauptfeld. Er verlor dann gegen den Tschechen Jiri Vesely, schwärmte danach aber von "einer großartigen Erfahrung". Bei Wikipedia steht das jedenfalls so, denn viel war ja bislang nicht los in der Karriere von van Rijthoven, so dass auch die frei zugängliche Enzyklopädie alles an Informationen über ihn zusammenkratzte, was eben so verfügbar und erwähnenswert ist.
Ja, und nun schmücken seine Vita plötzlich wie aus dem Nichts ganz neue Einträge: Van Rijthoven feierte vergangene Woche zunächst seinen ersten ATP-Match-Gewinn, gegen den Australier Matthew Ebden. Erstmals erreichte er dann ein ATP-Viertelfinale, mit seinem ersten Sieg gegen einen Top-20-Spieler; in dem Fall schaltete er den Amerikaner Taylor Fritz aus. Es folgten Siege gegen den Franzosen Hugo Gaston, 66. der Welt, und gegen den Kanadier Felix Auger-Aliassime, 9. der Welt. Damit hatte er auch einen Profi aus den Top Ten besiegt. Als er mit seinem frechen, mutigen Spiel schließlich Medwedew bezwungen hatte, war er wie alle fast sprachlos. "Das alles ist neu für mich", gestand er: "Das wird eine gewisse Zeit brauchen, bis ich das verdaut habe." Er hätte "einen Traum" gelebt.
Im Interview mit dem Turnierveranstalter meinte van Rijthoven weiter, er hätte sich früher unter Druck gesetzt gefühlt, viel sei von ihm erwartet worden. Er konnte lange nicht zeigen, was er könne: "Ich genieße heute den Job mehr." Seine Erwartungen seien niedriger, das tue ihm gut. Zu früh hätte er mit Managementagenturen und Sponsoren zu tun gehabt, "für einen kleinen Jungen ist das nicht gut", sagte van Rijthoven auch. Er hätte zu lange versucht, anderen gerecht zu werden, und hätte zu wenig auf sich selbst geachtet. Er sei gereift, und so klang er tatsächlich auch - der erstaunliche Sieger des Rasenturniers in 's-Hertogenbosch, der nun auf den 106. Platz in der Weltrangliste nach oben schoss.

