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Tennis:Der Trick mit dem Kopfkino

Mandatory Credit: Photo by Rob Prange/Shutterstock (11863942ah) Laura Siegemund of Germany during practice ahead of the

"Ich spiele einfach fürs Publikum": Laura Siegemund fällt es zunehmend schwer, unter den Pandemie-Bedingungen anzutreten.

(Foto: Rob Prange/Shutterstock/Imago)

Wie hält man in Zeiten der Pandemie als Tennisprofi die Moral hoch? Laura Siegemund und Angelique Kerber denken einfach an schöne, alte Zeiten.

Von Gerald Kleffmann

Normalerweise würde Laura Siegemund in dieser Woche rausgehen, auf den Sandplatz, sich einschlagen, Münzwurf, Aufschlag oder Return - dann ginge es los, und es würde nur ein, zwei Ballwechsel dauern, bis es laut wird in der Arena. Richtig laut. "Seit meinem Sieg war ich schon eine besondere Spielerin, auf die sich das Publikum besonders gefreut hat. Hier war vom ersten Punkt an eine gigantische Stimmung", erinnert sich Siegemund. 2017 war das, als die Schwäbin aus Metzingen ihr Heimturnier gewann, den Porsche Tennis Grand Prix, das wichtigste Frauen-Tennisturnier Deutschlands, im Finale gegen die Französin Kristina Mladenovic.

Später referierte Siegemund über "Units", um ihren Erfolg zu erklären. In einzelne Bauteile hatte sie ihr Spiel zerlegt, Grundlinie, Aufschlag, Volley, Strategie, Körpersprache, dann baute sie es sich wieder zusammen. Siegemund tickt speziell, nicht nur aufgrund ihrer hochgezogenen Kniestrümpfe. Sie hat Psychologie studiert, Thema ihrer Abschlussarbeit: Versagen unter Druck.

Diesmal indes ist einiges anders. Eine neue Unit kam ja hinzu: Kopfkino. Denn ohne Fans in Pandemie-Zeiten kein Applaus, kein Jubel, kein Push von außen. Und das Gefühl, nur für sich zu spielen, keinen interessiert's. "Man gewöhnt sich an alles", sagt Siegemund, "aber mir fällt's zunehmend schwer, unter den Bedingungen zu spielen. Ich spiele einfach fürs Publikum. Ich sehe mich auch ein Stück weit als Entertainer." Sie gibt zu: "Das war bei den ersten Turnieren im letzten Herbst noch gar nicht so arg. Jetzt wird's zäher."

"Uns geht es wie allen Menschen, wir wünschen uns mehr Abwechslung."

Natürlich ist Laura Siegemund, wie viele ihrer Kolleginnen, dankbar, dass sie ihrem Beruf nachgehen kann. "Die Alternative ist, dass wir gar nicht spielen. Das will kein Spieler und keine Spielerin." Zu kämpfen mit den Realitäten hat sie trotzdem. "Der Ausgleich fehlt", sagt Siegemund, die zuletzt eine Kniereizung auskuriert hat: "Jetzt verbringt man die Zeit ausschließlich in Hotels und auf Tennisanlagen. Uns geht es wie allen Menschen, wir wünschen uns mehr Abwechslung. Aber da muss man durch."

Groß ist der Aktionsradius tatsächlich nicht. "Wir dürfen uns im Hotel bewegen, das ist sozusagen die goldene Zone", erklärt Angelique Kerber. In dieser immerhin können sie ein bisschen herumlaufen. In der silbernen und bronzenen Zone bei diesem Turnier sind die Laufwege eingeschränkter, fürs Personal etwa. "Es ist diesmal ein etwas anderes Turnier", erklärt Markus Günthardt, der Turnierdirektor: "Trotzdem versuchen wir, einen gewissen Wohlfühlcharakter zu vermitteln, das gehört zu unserer DNA." Lounge, Fitnessgeräte, Videospiele, Tischtennisplatte, den Spielerinnen stehen diverse Bereiche zur Verfügung, die neu sind, manches ist aber wie früher. Der "Walk on Court", bei abgedunkeltem Licht und rockiger Musik, wird auch ohne Zuschauer zelebriert: "Wir wollen, dass die Spielerinnen Wettkampfstimmung spüren."

Viele Turniere lassen sich tatsächlich einiges einfallen, um den Profis das Leben in der Blase erträglicher zu gestalten, Siegemund weiß gerade in Stuttgart die Vorzüge zu schätzen. Der Automobilkonzern als Veranstalter hat immer auf eine Fünf-Sterne-Durchführung geachtet. Und doch gesteht sie, dass sie an mentale Grenzen stößt. Sie arbeitet daher gezielt mit Sportpsychologen daran, wie sie im Kopf am besten durch die Pandemie kommt. Es sei schließlich "nicht einfach, die Intensität hochzuhalten, das gleiche Adrenalin zu empfinden, wenn sich ein Turniermatch eher wie ein Trainingsmatch anfühlt". Was die geistige Herausforderung betrifft, hat die Pandemie im Übrigen alle gleich gemacht. Auch ein Studium der Psychologie, sagt Siegemund, bringe nicht viel: "Letztlich steckt man in der Situation drin wie jeder andere. Und hat auch die Probleme wie jeder andere."

Emotionaler Sieg: Angelique Kerber gewann 2015 ihren ersten von zwei Stuttgarter Titeln, im hochklassigen Finale bezwang sie damals die Dänin Caroline Wozniacki.

(Foto: Thomas Kienzle/AFP)

Auch Angelique Kerber versucht es mit diesem Trick, sich schönere Bilder von früher in Erinnerung zu rufen. Sofort fällt ihr bei einer Video-Pressekonferenz ein, wie sie umjubelt worden war, als sie 2015 die Dänin Caroline Wozniacki in einem der besten Endspiele dieses Events besiegt hatte. Was sie aus diesen Sequenzen ableitet für das Jetzt? "Im Kopf und im Herzen sind die Fans dabei. Das ist ganz wichtig, dass man das hinbekommt, trotz des leeren Stadions. Zu wissen, dass die Fans bei einem sind." Damit die Spielerinnen dieses Gefühl noch ein bisschen mehr verinnerlichen können, hat sich Günthardt zusätzlich ein virtuelles Feedback einfallen lassen. Fans können für ihre Lieblingsspielerinnen Emojis einsenden, die dann auf den LED-Banden auf dem Platz aufleuchten.

So ganz alleine müssen sich die Profis also nicht fühlen, zumal auf gewisse Weise zumindest die Zuschauer zu Hause sogar noch näher dran sein werden. Auf der Internetseite des Turniers kann man nun, ein Novum, aus drei Kameraperspektiven auswählen, wie man ein Match ansehen will. Am Ende ändern allerdings solche innovativen Annehmlichkeiten wenig daran, dass für die Spielerinnen weiterhin gilt: Nach der Blase ist vor der Blase, egal wo auf der Welt gerade Tennis gespielt wird. In einem Punkt immerhin merkt die isolierte Kerber, dass sie nach lange Zeit mal wieder in Deutschland ist: "Ich muss nicht immer Englisch reden."

© SZ/mp/moe/pps
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