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Roger Federer:Zu erfahren, um seine Kräfte zu vergeuden

Themen der Woche - SPORT Bilder des Tages - SPORT 29th December 2017, Perth Arena, Perth, Australia; MasterCard Hopman

Roger Federer in Australien im Dezember 2017.

(Foto: David Woodley/imago)

Roger Federer verzichtet auf die Australian Open, nach zwei Knieoperationen will er erst wieder vollkommen fit werden. Zeit ist für ihn zu einer kostbaren Ressource geworden.

Kommentar von Barbara Klimke

Das Tennisjahr 2021 beginnt mit Stubenarrest. An strikte Zweiwochen-Quarantäne haben sich alle Profis zu halten. Täglicher Ausgang wird auf fünf Stunden begrenzt, das muss reichen, um sich mit Filzbällen für die Australian Open, die nach der Isolation beginnen, einzuschlagen. Man kann es wie der Turnierdirektor Craig Tiley als Triumph werten, wenn das größte Sportereignis der südlichen Hemisphäre nach einem harten Jahr der Pandemie überhaupt stattfinden kann. Man kann als Spieler jedoch auch nach dem Nutzen der Strapazen fragen, wenn der Ausgang ungewiss erscheint.

Roger Federer, 39, Vater von vier Kindern, der normalerweise mit der Großfamilie verreist, verzichtet im Februar auf den Flug nach Melbourne. Erstmals seit 2000 fehlt er dem Turnier, bei dem er 2018 die letzte seiner 20 Grand-Slam-Trophäen gewonnen hat. Nichtachtung der Anstrengungen, die in Australien unternommen werden, kann als Beweggrund ausgeschlossen werden; Federer liebt diesen Gute-Laune-Wettbewerb, für den er einst den Namen "Happy Slam" erfand. Die Veranstalter verweisen auf seine Fitnesswerte: Nach zwei Knieoperationen sei der sechsmalige Melbourne-Sieger noch nicht wieder in der Lage, sich der "Unerbittlichkeit" des zweiwöchigen Schlagabtauschs zu stellen. Letztlich, teilt der Turnierdirektor mit, sei Federer "die Zeit davongelaufen".

Zeit ist eine kostbare Ressource für den Maestro geworden, der im Sommer ins vierte Lebensjahrzehnt eintritt. Die Spanne, die ihm und den Gelenken in der Karriere noch bleibt, um sich mit den Weltbesten zu messen, wird er deshalb kaum bei einem Wettbewerb vergeuden, den er nicht gewinnen kann. Schon sein bislang letztes offizielles Match im Januar 2020 in Melbourne endete mit einer kühlen Kosten-Nutzen-Analyse: Im Halbfinale hatte er sich trotz Leistenbeschwerden mit seinem Dauerrivalen Novak Djokovic duelliert: "Netter Empfang, netter Abschied", fasste er damals die Niederlage zusammen - dazwischen ein "Match zum Vergessen", weil er nur eine "dreiprozentige Gewinnchance" hatte.

Der beste Tennisspieler der Geschichte ist seit Beginn der Pandemie nicht mehr aufgetreten. Jüngst, bei einer Ehrung in der Schweiz, streute er sogar leise Zweifel, ob er noch einmal zwischen die weißen Linien zurückkehren wird ("Wenn es das gewesen sein sollte von mir, wer weiß ..."). Es heißt, dass er in Dubai trainiert und dass es wichtig für ihn sei, im Sommer in Form zu sein. Wimbledon steht an, Olympia und ein Abschied, der irgendwann nicht mehr aufzuschieben sein wird. Glücklich, wer wie Roger Federer in der Lage ist, selbst den Zeitpunkt zu bestimmen. Stubenarrest? Keine Gewinnchance? Nach 103 Titeln? Das kann kaum der Rahmen sein.

© SZ
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