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Tennis:Reisende unter der Schutzglocke

Porsche Tennis Grand Prix Stuttgart - Day 4

In bestechender Form: Laura Siegemund beim DTB-Turnier.

(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Kleine und regionale Formate haben sich im Tennis bewährt - Großevents wie die US Open haben ein Problem.

Von Barbara Klimke

Grigor Dimitrow, 29, hat wieder mit Karacho Tennisbälle übers Netz gedroschen. Diese Nachricht aus Nizza sorgt für Erleichterung in diesen Tagen. Nachdenklich stimmen jedoch die Symptome der Spätfolgen seiner Covid-19-Erkrankung, die ihn noch Wochen nach der Infektion belasten: "Das Virus", sagt er, "hat mir hart zugesetzt." Einen Monat blieb er in Quarantäne: "Ich konnte nicht gut atmen, war müde, ohne Geschmacks- und Geruchssinn, hatte alles, was man sich nur vorstellen kann." In Nizza beim Turnier des Tennislehrers Patrick Mouratoglou, wo er sich auf der Website Tennis Majors äußerte, verlor er zwei kurze Matches. Weltklasse? Von dem Standard, der es ihm erlauben würde, mit den Besten mitzuhalten, fühlt sich Dimitrow "weit entfernt".

Der bulgarische Profi gehörte im Juni zu jener Gruppe, die in später bedauerter, fahrlässiger Sorglosigkeit auf einer Adria-Tour in Balkanländern ein Einladungsturnier im Stile eines Ballermann-Wettbewerbs bestritten. Nach seiner vorzeitigen Abreise wurde er damals positiv getestet. Seine lange Genesungszeit, von der er nun erzählte, ist als Mahnung zu verstehen, dass die Infektion selbst die Fittesten treffen kann. Auch der Tennissport wird ohne Zweifel noch eine Weile mit den Unwägbarkeiten einer Pandemie mit steigenden Fallzahlen zu leben haben. Erst am Montag beispielsweise hat der US-amerikanische Verband zwei weitere, für Ende August geplante, unterklassige Challenger-Turniere in Orlando/Florida abgesagt.

Die Lücken im offiziellen Turnierplan 2020 nehmen zu. Das Traditionsturnier der Frauen in Tokio im November: gestrichen. Alle Wettbewerbe im Herbst in China: vorsorglich abgeblasen. Doch zumindest am Termin der US Open, die am 31. August beginnen sollen, hält der ausrichtende Verband USTA fest. Anders als etwa bei kleinen Turnieren in Florida, so heißt es, sei bei der Grand-Slam-Veranstaltung in Flushing Meadows die Schaffung eines "kontrollierten Umfelds" auch für ein riesiges Teilnehmerfeld von 256 Aktiven allein im Einzel vorgesehen. Geplant sind die US Open als Schlagabtausch unter einer Schutzglocke: mit isoliertem Wohnen, sicheren Transport- und Verpflegungswegen und medizinischen Reihentests. Ein ambitioniertes Vorhaben, glaubt Dirk Hordorff, der Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB), der die Umsetzung gleichwohl für prinzipiell möglich hält.

Denn dass ein derartiges Sicherheitskonzept tatsächlich seriös zu verwirklichen ist, hat hierzulande nicht nur die Fußball-Bundesliga nachgewiesen. Auch der Tennissport lieferte dafür mit einer Reihe verschiedenartiger Turniere den Beweis. Der DTB etwa unternahm enorme Anstrengungen mit einer fast zweimonatigen Wettkampfserie, um Dutzenden von nationalen Ranglistenspielern an elf verschiedenen Spielstätten im ganzen Land Perspektiven und Matchpraxis zu bieten. Erst an diesem Wochenende ging das Projekt zu Ende, und Hordorff zog positive Bilanz: "Wenn man sieben Wochen an mehreren Orten spielt und ohne Corona-Fall bleibt, zeigt das, dass wir nicht viel falsch gemacht haben können." Beeindruckt haben ihn etwa die Vorstellungen von Gesamtsieger Yannick Hanfmann, Nummer 143 der Welt, sowie von Laura Siegemund, Nummer 65, die alle ihre Partien gewann (ehe sie zum Schluss an einer Magenverstimmung litt). Kritischer sah Hordorff die erhebliche Anzahl der Spieler, die aus "mangelnder Fitness" ihre Matches nicht beendeten. In Halle/Westfalen fliegen nun in einer ähnlichen Serie, unabhängig organisiert vom ehemaligen Davis-Cup-Profi Andre Begemann, die Bälle übers Netz.

Kleine Formate und Regionalität hätten sich in diesen Zeiten bewährt, sagt Hordorff. Aber Tennis lebe nun einmal von seiner Internationalität: "Grenzen zu bewältigen, zu reisen, das ist das Problem." Welche Beschränkungen auf die Profis zukommen, wenn sie nach New York und wieder zurück jetten, ist ungeklärt. Ebenso, wie viele Spieler eine solche Tour auf sich nehmen wollen. Grigor Dimitrow jedenfalls fliegt nicht zu den US Open. Das lässt die Form noch nicht zu.

© SZ vom 29.07.2020

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