Tennis Pure Power

Mit viel Energie ins Finale: Coco Vanderweghe in Stuttgart.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

"Ich habe nicht viel Gefühl, ich spiele ziemlich simpel", sagt die US-Amerikanerin Coco Vandeweghe. Trotzdem steht sie im Finale beim Sandplatz-Turnier in Stuttgart - und gilt als Kandidatin für einen Grand-Slam-Erfolg.

Von Anna Dreher, Stuttgart

Vielleicht liege es ja an ihren Genen, sagte Coco Vandeweghe und grinste. Ihre Mutter habe ihr jedenfalls vor zwei Tagen in einer SMS geschrieben, dass ihre Ur-Großmutter aus Pforzheim stamme, diese Chromosomen-Kombination habe ihr bei dem Sandplatz-Turnier in Stuttgart bestimmt geholfen. Sand mag Vandeweghe eigentlich nicht, der Belag liegt ihrem schnellen, aggressiven Spiel nicht. Erfolge konnte sie hier bislang keine feiern, und in jeder Saison versucht die Tennisspielerin, bei so wenig auf roter Asche ausgetragenen Wettkämpfen wie möglich anzutreten. Am Samstag aber, da lief es dann doch ganz gut für die 26-Jährige aus den USA: Gegen die Französin Caroline Garcia setzte sich Vandeweghe nach 74 Minuten mit 6:4, 6:2 durch. Nun kann sie zum ersten Mal in ihrer Profikarriere um einen Titel auf dem von ihr so ungeliebten Belag spielen. Am Sonntag trifft sie auf die Weltranglistensechste Karolina Pliskova, die gegen die Estin Anett Kontaveit 6:4, 6:2 gewann.

"Mein Ziel diese Woche war es, mich zu behaupten und wieder in einen guten Rhythmus zu kommen. Ich hatte vor diesem Turnier nicht wirklich viel Tennis gespielt", sagte Vandeweghe nach ihrem Halbfinalsieg. "Ich kann mir auf die Schulter klopfen, ich glaube, ich habe heute einen guten Job gemacht." Der Start in die Sandplatzphase lief fast schon traditionell nicht gut für sie. Beim Fed-Cup-Halbfinale zwischen den USA und Frankreich am vergangenen Wochenende verlor sie Einzel und Doppel. Alles klar, dachte Vandeweghe, geht das also schon wieder los. Ihr Optimismus hielt sich in Grenzen, was ihren Start beim Turnier in Stuttgart anging - zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte.

Erst besiegte die mit einer Wild Card gestartete Vandeweghe ihre Landsfrau und US-Open-Siegerin von 2017, Sloane Stephens, 6:0, 6:1. Am Donnerstag dann schlug sie Titelverteidigerin Laura Siegemund 6:4, 4:6, 6:3 und schließlich im Viertelfinale am Freitag die Weltranglistenerste Simona Halep 6:4, 6:1. "Ich wollte unbedingt zeigen, dass ich um jeden Punkt kämpfe, egal bei welchem Spielstand", sagte Vandeweghe. Auch gegen Garcia gelang ihr das. Im gesamten Match ließ Vandeweghe keinen einzigen Breakball zu und provozierte die Weltranglistensiebte zu Fehlern. Sie selbst zog konstant ihr Spiel durch, mit harten Aufschlägen und druckvollen Grundschlägen. Was ihr sonst auf Sand eher im Weg steht, schien gegen die nervös agierende Garcia genau richtig zu sein. "Ich habe nicht viel Gefühl, ich spiele ziemlich simpel. Ich wünschte, dass ich mehr Sachen tun könnte, aber das hat man mir nie gezeigt", hatte Vandeweghe Anfang der Woche gesagt. "Ich glaube nicht, dass irgendjemand das Wort kreativ in einem Satz mit meinem Namen benutzt."

Bislang gewann sie zwei Titel - auf Rasen

Es sind tatsächlich andere Attribute, mit denen die gebürtige New Yorkerin beschrieben wird. Auffällig ist vor allem ihr Naturell, das jede Gegnerin zu spüren bekommt - spätestens, sobald sie Vandeweghe auf dem Platz gegenüber steht. "Ich mag es, wenn das Publikum mitgeht, ob für oder gegen mich ist mir egal." Vandeweghe liebt und lebt den Wettkampf mit jeder Faser und in all seinen Facetten. Dieser selbstbewusste und unbedingte Glaube an die eigene Stärke kann für andere durchaus unangenehm werden. Aber die extrovertierte Nummer 16 der Welt kann quasi gar nicht anders. Auch diese Gene trägt sie in sich. Ihre Mutter schwamm 1976 bei den Olympischen Spielen und stand dort 1984 als Volleyballerin auf dem Platz, ihr Großvater spielte für das NBA-Team der New York Knicks, ihr Onkel war Profi bei den Denver Nuggets und ist heute Sportdirektor der US-amerikanischen Profiliga. Oh, und ihre Großmutter wurde 1952 zur Miss America gewählt.

Sie selbst konnte in ihrer 2008 gestarteten Profikarriere bislang zwei Titel gewinnen, 2014 und 2016 im niederländischen 's-Hertogenbosch - auf Rasen. Auf diesem Belag wird ihr inzwischen sogar der ganz große Erfolg beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon zugetraut. Vor allem, weil sie seit vergangenem Sommer mit dem Australier Pat Cash zusammen arbeitet, der dort 1987 triumphierte. "Er hat mir wirklich eine andere Einstellung eingeimpft", sagt Vandeweghe. "Auch wenn ich dagegen manchmal ein bisschen rebelliere, ich halte mich schon an das, was er sagt." Ihr neuer Trainer zelebrierte Tennis einst so, wie sie es heute tut - mit schnellen Punktgewinnen - und glaubt an einen Major-Sieg seines Schützlings. "Sie hat die Power, um Spielerinnen vom Platz zu fegen", sagte Cash schon im vergangenen Jahr.

Vandeweghe ist erst zum zweiten Mal beim Porsche Tennis Grand Prix an den Start gegangen und es ist nun das erste Mal in ihrer Karriere, dass sie in Stephens, Halep und Garcia drei der zehn besten Spielerinnen der Weltrangliste in einem Turnier schlagen konnte. 2017 war für sie in Stuttgart schon in der zweiten Runde Schluss - gegen Karolina Pliskova. "Sie hat mich ganz schön fertig gemacht letztes Jahr", sagte Vandeweghe über ihre tschechische Finalgegnerin von Sonntag. "Aber dieses Jahr ist anders."