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Tennis:Vom Glück zu spielen

2021 Miami Open - Day 6

"Jedes Mal, wenn ich auf den Platz gehen kann, ist das unglaublich für mich": Petra Kvitova, 31, aktuell die Nummer zehn der Weltrangliste.

(Foto: Mark Brown/AFP)

Petra Kvitova ist eine der außergewöhnlichsten Tennisprofis: Nach einem Messerattentat kam die zweimalige Wimbledon-Siegerin zurück - und es begann eine zweite Karriere, die vielleicht noch beeindruckender ist als die erste.

Von Gerald Kleffmann

Hätte es diesen schlimmen Vorfall nicht gegeben, hätte Petra Kvitova jetzt vielleicht genug Gründe, über manchen verpassten großen Titel zu hadern. Die Australian Open 2019 zum Beispiel, das Finale: Ein Sieg noch, sie wäre die neue Nummer eins in der Weltrangliste gewesen, zum ersten Mal in ihrer Karriere. Das Höchste für jeden Profi, doch dann gewann die Japanerin Naomi Osaka. Oder die French Open 2020, das Halbfinale: Die Tschechin kämpfte sich in eine glänzende Ausgangsposition, dank ihres unnachahmlichen Stils, bei dem sie vor allem mit schwingenden Schlägen und weniger mit Krafttennis glänzt - bis Sofia Kenin, die Amerikanerin, sie aufhielt. Kvitova war 2011 und 2014 zur Wimbledon-Siegerin aufgestiegen, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wären bis heute mehr als diese zwei Trophäen dazugekommen - hätte sich 2016 nicht dieses Schicksal ereignet, das ihre Karriere auf radikale Weise in zwei Kapitel unterteilt hat: vor und nach dem Messerattentat.

Und genau deshalb hadert die 31-Jährige nicht. "Jedes Mal, wenn ich auf den Platz gehen kann, ist das unglaublich für mich", sagt sie mit fröhlicher Stimme am Telefon. Sie weiß ihr Los einzuordnen. Sie ist ja immer noch Tennisspielerin. Das ist das größte Glück.

Es ist gut viereinhalb Jahre her, dass ein Einbrecher in die Wohnung der damals 26-Jährigen in Prostejov eingedrungen war und mit einem Messer auf sie einstach. Der Horror endete mit Schnittverletzungen; Finger, Bänder und Sehnen in ihrer linken Hand - ihrer Schlaghand - waren beschädigt, Nerven betroffen. Die Operation dauerte vier Stunden, lange war unklar, ob sie je wieder ihren Beruf ausüben würde können. Im Frühsommer 2017 trat sie dann tatsächlich wieder an, in Paris bei den French Open. Sie erreichte nur die zweite Runde, und doch begann eine Art zweite Karriere, die vielleicht noch beeindruckender ist als der erste Teil ihrer Vita. Kürzlich stellte bei Twitter jemand aus der weltweiten Netzgemeinde die Frage, welche Sportstatistik die unglaublichste sei. Ein User antwortete schlicht: Petra Kvitovas neun Turniersiege auf der WTA-Tour - nach der Messerattacke. So muss man ihre Leistungen tatsächlich betrachten.

"Meine Mutter ist auch eine sehr positive Person, ich habe viel von ihr", sagt Kvitova

Die 31-Jährige aus Bilovec bei Ostrava hat eine Erfolgsgeschichte sondergleichen zustande gebracht, die oft genug untergeht, eben weil sie die bedeutsamsten Grand-Slam-Pokale zuletzt nicht mehr in die Höhe stemmen konnte. Und manche ihrer neun Siege auf der Tour sahen in der alltäglichen Nachrichtenflut eher nach business as usual aus. Kvitova halt. War ja schon immer da. Aber wenn sie, wie ab kommender Woche beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart, dem größten Frauenturnier in Deutschland, antritt, ist das so, wie sie selbst sagt: "keine Selbstverständlichkeit." Sie ist im Schwabenland sogar die Titelverteidigerin, als Gewinnerin von 2019; vor einem Jahr war das Event aufgrund der Pandemie ausgefallen.

Gerade für eine wie sie, die auch immer eine Publikumsspielerin war und ist, weil sie mit ihrem Charisma die Zuschauer auf ihre Seite ziehen kann, war das zurückliegende Jahr nicht leicht, so ganz ohne Fans. Sie vermisst die Resonanz, die Emotionen auf den Tribünen. Dafür half ihr eine Eigenschaft, dieses oftmals triste Dasein in der Blase zu bewältigen, in der die Profis meist nur im Hotel rumhängen, ehe sie zum Wettkampf antreten. Kvitova ist eine zumeist unerschütterliche Optimistin. "Meine Mutter ist auch eine sehr positive Person", erklärt sie, "ich habe viel von ihr. Sie findet immer eine Lösung für ein Problem." Dieser Geist habe ihr auch über die schwere Zeit nach dem Attentat geholfen (der Täter wurde später gefasst und zu elf Jahren Gefängnis verurteilt). "Das ist einfach meine Natur, so bin ich", sagt sie.

28 Titel errang Kvitova bislang, dazu kamen ähnlich viele Ehrungen als beliebteste Spielerin, kreuz und quer in der Welt wird sie wirklich ausnahmslos geschätzt. Es fällt jedenfalls kein schlechtes Wort über sie. Vielleicht auch, weil sie eine der Großen ihres Sports ist, ohne sich als Größe zu gerieren. Und dass sie, trotz ihrer Ausnahmestellung, sich zu wenig bei manch drängenden Themen ihres Gewerbes einmischt, hatte auch immer etwas Nützliches: Sie wahrte so ihren Fokus aufs Wesentliche. "Ich liebe diesen Sport. Ich habe eine riesige Leidenschaft für Tennis", sagt sie. Kvitova sieht sich zuallererst schon auch als Profisportlerin. Eine Frage etwa, ob sie Roger Federers Ansicht teilt, wonach Frauen- sowie Männertour intensiver zusammenarbeiten müssten, beantwortet sie eher ausweichend. Sportpolitische Kämpfe sind nicht ihr Ding.

Historischer Moment: Petra Kvitova besiegt 2011 im Finale von Wimbledon die Russin Maria Scharapowa und gewinnt ihr erstes Grand-Slam-Turnier. 2014 sollte ein zweiter Titel im All England Club folgen.

(Foto: Leon Neal/AFP)

Kvitova hat ohnehin genügend Ziele, die ihr der Ehrgeiz vorgibt, zuvorderst will sie noch mal einen Wurf landen. Nur weiß sie auch: So aggressiv-dominant wie 2011, als sie die Nummer zwei der Welt war, war sie danach nie mehr. Nach der Operation an der Hand erst recht nicht. "Ich spiele schon etwas anders heute, würde ich sagen", gibt sie zu. Es mögen nur Nuancen sein, die sie an Schlagkraft hie und da eingebüßt hat, aber das reicht, um zu erklären, weshalb sie ihr hohes Potenzial eigentlich zu selten in große Taten ummünzt. "Manchmal fehlt vielleicht etwas Energie zum Ende von Matches", sagt sie. "Wenn ich mein Spiel auf dem Höhepunkt vor dem Vorfall betrachte, muss ich sagen, dass es doch etwas anders war." Andererseits: Sie ist nun erfahrener. Das gleicht dieses Manko ein wenig aus.

Eine Vision, wie lange sie noch aktiv sein wird, hat sie bereits, diesbezüglich klingt sie sogar konkret: "Ich spiele keine zehn Jahre mehr, vielleicht nicht mal mehr fünf. Ich wäre eines Tages gerne Mutter von zwei, drei Kindern", sagt sie. "Das wäre nett. So sehe ich mich in den nächsten fünf bis zehn Jahren." Mehr als 27 Millionen Euro hat sie allein an Preisgeldern verdient, "ich müsste ja nicht mehr unbedingt spielen", ordnet sie ein. Andererseits, sagt Petra Kvitova: "Jeder Tag ist einfach schön."

© SZ/jkn/pps/ska
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