bedeckt München 17°

Tennisprofi Andrea Petkovic:Mehr Ringo Starr als McCartney

Porsche Tennis Grand Prix Stuttgart 2021 - Day 4

Andrea Petkovic spielt weiterhin Tennis - aber, wie sie sagt, eher nur für sich.

(Foto: Pool/Getty Images)

Pandemie? Hexenschuss? Zu wenige Spiele? Andrea Petkovic genießt trotz mancher Erschwernis ihre Abschiedssaison als Tennisprofi - natürlich auf ihre ganz eigene Art.

Von Gerald Kleffmann

Die Minuten tickten, sie kam nicht, auch keine Nachricht des Turnierveranstalters, aber irgendwann am Montagabend tauchte Andrea Petkovic auf zu ihrer Video-Pressekonferenz, die Haare verstrubbelt, eine Trainingsjacke, legerer Look. Später erklärte sie die Verzögerung, "ich bin einfach nach meinem Match in mein Zimmer gegangen", berichtete sie schmunzelnd, "habe geduscht und mich mit meinem Pyjama ins Bett gelegt."

Petkovic hatte glatt ihren Termin vergessen, "diese Routinen, die man hatte nach Matches, das ist alles nicht mehr da. Ich musste mich dann noch mal aufraffen", gestand sie. Auch wenn sie ihr Auftaktmatch beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart gegen die griechische Weltranglisten-19. Maria Sakkari 2:6, 2:6 verlor, weil sie schlicht "schwach" agiert hatte, wie sie zugab, konnte sie wenigstens wieder dieses Gefühl verinnerlichen: Andrea Petkovic ist noch Tennisprofi.

Es ist verständlich, dass die Darmstädterin mal durcheinander kommen kann, im vergangenen Jahr, als sie die Pandemie und eine Knieverletzung zu Pausen zwangen, hatte sie sich geistig so weit vom Tennis entfernt wie selten in ihrer Profikarriere, die 2006 begann. Sie wagte den Einstieg als Sport-Moderatorin beim ZDF, schrieb ihr erstes Buch, oft war sie in New York, bei ihrem Freund, einem Geiger. Hundert Abgesänge und Auferstehungen später ist sie immer noch da, als derzeit 103. der Weltrangliste.

In der ihr eigenen Art erklärte sie jetzt, warum: "Ich habe letztens ein Interview gehört, da hat man Paul McCartney ans Herz gelegt, er soll endlich aufhören. Weil er ja schon fast 80 ist. Da hat er gesagt, das interessiert mich nicht." Das gefiel ihr. "Ich bin nicht Paul McCartney, ich bin so mehr der Ringo Starr der Beatles. Aber ich habe mich sehr damit identifiziert." Ihre Conclusio: "Ich mache es für mich, ich mache es für keinen anderen. Solange mich nicht die Leute vom Platz scheuchen und ich auch noch Spaß daran habe, werde ich das weiter betreiben. Es gibt nichts Vergleichbares mit Tennis."

"Die Leute können es mir nicht glauben - aber es ist wie Ausruhen", sagt Petkovic über ihre Rückkehr ins Tennisleben

So hatte sie wenig Mühe, ihre zweite Karriere, die sie aufbaut, etwas beiseite zu schieben (wenngleich sie an einem zweiten Buchprojekt arbeitet, wie sie verriet). "Es war das Einfachste, was ich je gemacht habe: Wieder in das Tennisleben einzutauchen", berichtete Petkovic. Denn so erfolgreich sie auch war, vor der TV-Kamera oder als Autorin, so sehr schlauchte manches. Moderationen, Interviews, Lesungen. "Das war eine super Ablenkung. Aber es war auch anstrengend, weil alles neu war. Als ich wieder in die Routine meines Tennislebens kommen konnte, war das wie nach Hause kommen", sagte Petkovic. "Die Leute können es mir nicht glauben - aber es ist wie Ausruhen."

Ihre letzte Saison soll 2021 ja sein. Mit Sicherheit gäbe es schönere Rahmenbedingungen als leere Tribünen und virtuelle Fragerunden. "Ich nehm's, wie es ist", versicherte sie dennoch gut gelaunt, wenngleich sie ob der Erschwernisse das Gefühl für die Zeit verloren hat: "Ich bin mitten in der Saison, es kommt mir aber vor, als hätte die Saison noch gar nicht angefangen. Weil alles so anders ist." Manches freilich ist gleich; eine Petkovic etwa, die nicht Probleme lösen muss, ist keine echte Petkovic. Letztens fuhr ihr ein Hexenschuss ins Kreuz, Trainingsrückstand war die Folge und entsprechende spielerische Defizite, die sie auch gegen Sakkari erkannte. "Wenn ich mal in der Rallye war, habe ich mich gut gefühlt, es kam halt nie dazu", sagte sie. "Weil ich so schwach serviert habe."

BAU// 20.04.2021 Stuttgart Tennis Porsche Tennis Grand Prix, Doppel, Angelique KERBER (GER) Andrea PETKOVIC (GER) *** BA

Erfolgserlebnis: Andrea Petkovic (l.) und Angelique Kerber gewannen ihr Auftaktmatch im Doppel - und hatten viel Spaß dabei.

(Foto: Alexander Keppler via www.imago-images.de/Pressefoto Baumann/Imago)

Petkovic hofft nun auf mehr Spielpraxis, in Stuttgart nahm sie noch eine Wildcard im Doppel an, Angelique Kerber und sie wollten lange mal zusammen antreten, nun klappte es. Am Dienstag gewannen sie gegen Ludmilla Kitschenok (Ukraine) und Jelena Ostapenko (Lettland) mit 7:6 (5), 3:6, 10:5. Als Nächstes spielt Petkovic die Qualifikationen in Madrid und Rom, dann ein kleineres WTA-Event und die French Open. "Ich freue mich auf die nächsten Wochen, weil ich da mal Quali, Quali, Hauptfeld, Hauptfeld vor mir habe." Sie brauche einen Rhythmus, betonte sie. In Australien zu Jahresbeginn hatte sie durchaus gute Leistungen gezeigt, doch war letztlich länger in Quarantäne als auf dem Platz.

Eine Pressekonferenz mit Petkovic, auch eine digitale, muss übrigens auch abdriften, das gehört sich so. Und da ist sie immer noch die Alte. Dieses Mal war Politik kurz ein Thema - nämlich die Nominierung der Grünen-Politikerin Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin. Was sie denke? "Es ist natürlich schwierig für mich, weil ich Robert kenne", packte sie aus. Habeck und sie seien ja im selben Buchverlag verankert - "Frau Baerbock kenne ich nicht. Aber es hat mich trotzdem gefreut, sonst haben wir ja gar keine Frau im Rennen." Für den Fall, dass es politisch Interessierte nicht mitbekommen haben sollten, gab sie bezüglich Habeck sogar exklusiv Entwarnung: "Robert war ziemlich entspannt, so was ich gehört habe." Wie gut, dass Petkovic sich noch mal aufgerafft hatte für die Pressekonferenz.

© SZ/vk/jkn
Zur SZ-Startseite
2021 Miami Open - Day 6

Tennis
:Vom Glück zu spielen

Petra Kvitova ist eine der außergewöhnlichsten Tennisprofis: Nach einem Messerattentat kam die zweimalige Wimbledon-Siegerin zurück - und es begann eine zweite Karriere, die vielleicht noch beeindruckender ist als die erste.

Von Gerald Kleffmann

Lesen Sie mehr zum Thema