Süddeutsche Zeitung

Tennis:Da ist der Ring!

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Am Rande der BMW Open erhält Michael Stich eine lange verschobene Ehrung für seine Tenniskarriere. Er nutzt die Gelegenheit zu einem eloquenten Streifzug durch Vergangenheit und Gegenwart seines Sports.

Von Gerald Kleffmann

"Kommt, setzen wir uns hierhin", sagt Michael Stich und zieht einen Stuhl an den kleinen rechteckigen Tisch heran. Kurz darauf sitzen ein Dutzend Reporter um ihn herum, Stichs Augen strahlen, aber bei genauem Hinsehen schimmern sie noch immer leicht. Tränchen flossen nicht ganz, aber er war nah dran, seiner Rührung freien Lauf zu lassen, gesteht Stich sogleich. "Ich bin da ja nicht so emotionslos. Das ist ja ungewöhnlich, wenn man in Deutschland für irgendwas geehrt wird, und dass man einen Ring bekommt. In Amerika ist das üblich, dass man solche dicken Klunker erhält." Er spielt mit dem Ring an der rechten Hand, der tatsächlich sehr wuchtig ist.

Michael Stich ist inzwischen 55 Jahre, bis auf ein paar natürliche Alterungserscheinungen sieht er genauso aus wie früher, fit und schlank. Ein Weltklasse-Tennisspieler war der Pinneberger, er gewann das Turnier in Wimbledon in einem denkwürdig einseitigen Finale gegen Boris Becker, 1991 war das. Er stand dazu noch in den Endspielen der US Open und French Open, holte den Davis-Cup-Pokal und mit Becker Olympia-Gold. Der Schläger, mit dem er im All England damals triumphiert hatte, wurde ihm später gestohlen. Wie und wo? "Egal, es ist unglücklich genug", sagt Stich. Dafür sei er noch im Besitz der Armbanduhr, die er im Endspiel trug. "Und das Olympia-Gold ist auch zu Hause." Er lächelt und spielt wieder am Ring herum. Dieser Gegenstand wird seine neueste Auszeichnung sein.

2018 war Stich in die Internationale Tennis Hall of Fame aufgenommen worden, eine beeindruckende Rede hatte er in Newport, Rhode Island, gehalten, es lohnt sich immer noch, diese im Internet anzusehen. Im Rahmen dieser Ehrung erhalten die Geehrten auch stets einen Ring, der größengerecht nachgereicht wird. Aufgrund der zehrenden Corona-Jahre verschob sich die Übergabe dann nur, schließlich schlug Stich vor: In München könnte man die Aktion umsetzen. "Das hier ist meine sportliche Heimat", erklärt Stich. Er spielte einst für den MTTC Iphitos, wo die Internationalen Tennismeisterschaften von Bayern seit jeher beheimatet sind, 1990 wurde er mit dem Klub deutscher Mannschaftsmeister. 1994 gewann er die BMW Open. Auch zu Niki Pilic, dem langjährigen Iphitos-Trainer und Davis-Cup-Teamchef, pflegte er eine vertrauensvolle Beziehung.

"Es geht wie in allen Sportarten immer mehr ums Geld, die Wirtschaftlichkeit, das Kapitalistische."

Und so kam es, dass Stich nun an diesem Samstag auf dem Center Court stand, den Ring erhielt und dabei auch Weggefährten wie den ehemaligen Iphitos-Präsidenten Arno Hartung traf, was ihn besonders freute. "Arno Hartung ist wirklich ein sehr besonderer Mensch in meinem Leben, der damals als Teammanager einfach unglaublich viel Energie und Leidenschaft eingebracht hat." Solche Begegnungen waren es, die Stich ergriffen machten. Als der offizielle Teil vorbei war, nahm er sich Zeit für eine Medienrunde.

Stich ist immer noch so eloquent, wie er als Profi war, deshalb gleicht das Gespräch einem rasanten Streifzug durch seine Gedankenwelt. Kritisch ist er immer noch, schnell sind die Entwicklungen im Profitennis das Thema, vornehmlich Saudi-Arabiens neuer Machteinfluss. "Es geht wie in allen Sportarten immer mehr ums Geld, die Wirtschaftlichkeit, das Kapitalistische", erwidert Stich. "Und dann leidet der Sport, weil so die Authentizität von Sportlern etwas verloren geht. Es wird Mainstream." Für ihn steht fest: "Mir fehlen so ein wenig die Charaktere im Tennis, aber auch in anderen Sportarten. Die Leute, die herausstechen und anders sind. Ich finde viele dennoch großartig, aber ich tue mich aufgrund der doch etwas größeren Eindimensionalität des Tennis ein bisschen schwer, mir längere Matches anzuschauen." Was er nicht verstehen kann: "Dass ein Land wie Saudi-Arabien jetzt die WTA-Finals ausrichtet, obwohl es die Frauenrechte im eigenen Land überhaupt nicht wertschätzt. Das passt irgendwie nicht, da fehlt mir die logische Erklärung. Dafür müssen sie sich als Land öffnen und anders positionieren, finde ich, auch wenn es unfassbar viel Geld ist, das sie zahlen."

Nebenbei lüftet er noch das Geheimnis seiner einhändigen Rückhand

Stich spricht auch über Alexander Zverev, der in München ja, über das Wetter klagend, ausschied. Er traut dem seit Samstag 27-Jährigen natürlich einen Grand-Slam-Sieg zu. Er hat nur den Tipp: "Du musst bei einem Grand Slam über zwei Wochen emotional, physisch und psychisch 14 Tage stabil sein." Er gibt zu, dass er sich inzwischen auch mal Aufnahmen eigener Matches ansieht ("Mensch, was für eine Scheiße hast du denn da gespielt?"). Auch die deutsche Sportpolitik streift er. Stich begrüßt, dass der Deutsche Tennis Bund endlich einen neuen hauptamtlichen Vorstand ( Veronika Rücker und Peter Mayer; Anm. d.Red.) eingeführt hat: "Der DTB hat in den letzten zehn Jahren das umgesetzt, was ich dem DTB schon vor zehn Jahren vorgeschlagen habe."

Eine Rückkehr ins Tennis schließt Stich aber aus. "Das Schöne ist ja, ich brauche keine Funktion zu haben, um meine Ideen umzusetzen", sagt er. Lieber widmet er sich seiner Passion, der Kunst, er plane eine neue Ausstellung. Abstrakte Bilder sind sein Genre. Abschließend lüftet er noch ein Geheimnis und offenbart den Grund, warum er die einhändige Rückhand, die ja vom Aussterben bedroht ist, bevorzugte: "Ich habe die als Kind auch beidhändig gespielt, bis mir jemand sagte: ,Wie blöd bist du eigentlich, drei Meter mehr zu laufen?' Ich verstehe es nicht, warum das heute so ist." Als Stich aufsteht und sich nett verabschiedet, geht da ein Mann, der sehr mit sich im Reinen ist.

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