Normalerweise erscheinen Tennisprofis nach ihren Matches bei den Australian Open recht zeitnah zu einer Pressekonferenz, aber bei Laura Siegemund dauerte es diesmal länger, bis sie bereitstand. Sie musste nach ihrem Einzel erst noch ein Doppel bestreiten. Als sie nach ihrer zweiten Arbeitsschicht erschien, klang sie ernüchtert, aber auch realistisch. Fast fünf Stunden hatte sie zusammengerechnet auf zwei Plätzen verbracht, zuerst 3:20 Stunden in der ANZ-Arena im Einzel, dann 1:36 Stunden auf Court 6 im Doppel. „Gut, das ist mein Job“, sagte sie in ihrer gewohnt robusten Art: „Das Leben ist kein Ponyhof.“
Ein Erfolg, immerhin, war Siegemund gelungen. Mit der Amerikanerin Sofia Kenin, 2020 Einzelchampion in Melbourne, gewann sie im Doppel 7:5, 6:3 gegen Caty McNally (USA) und Camila Osorio (Kolumbien). Enttäuscht war sie wegen ihres Einzels. In einer hin und her wogenden Partie hatte sie erst im letzten Moment 4:6, 7:6 (3), 6:7 (7:10) gegen die australische Qualifikantin Maddison Inglis verloren. Von vier Spielerinnen des Deutschen Tennis Bundes (DTB) war Siegemund die einzige, die es in die zweite Runde geschafft hatte. Von jetzt an findet der Frauenwettbewerb beim ersten Grand-Slam-Turnier der Saison ohne deutsche Beteiligung statt.
„Wir sind schon geknickt, dass bereits in der zweiten Runde alle raus sind“, sagte in Melbourne Frauen-Bundestrainer Torben Beltz der Deutschen Presse-Agentur, „wir hoffen, dass wir durch Training und harte Arbeit wieder nach vorne kommen und es dann bei den French Open schon wieder anders aussieht.“ 2016 hatte Beltz noch an der Seite von Angelique Kerber als Trainer erlebt, wie sich ein Titelgewinn und Sprung in den Yarra River anfühlt. Längst haben sich die Perspektiven im deutschen Frauentennis verschoben. Andere Nationen sind personell in der Weltrangliste besser aufgestellt, was sich bei einem Grand-Slam-Turnier wie in Melbourne bemerkbar macht.
Bei 5:4 im dritten Satz verpasst es Siegemund, mit dem Vorteil eines Breaks ihr Aufschlagspiel durchzubringen
Nur Ella Seidel, 20, Tatjana Maria, 38, und Eva Lys, 24, standen in Runde eins, in der sie alle scheiterten. „Trotzdem glaube ich auch, dass wir in Deutschland ein hohes Level an Trainern und Einrichtungen haben. Die Mädels müssen weiter hart arbeiten, und dann kommen die auch“, sagte Beltz dem Sportinformationsdienst. Positiven Glauben auszustrahlen, war schon immer die Stärke des 49-Jährigen, deshalb wurde er vor einem Jahr vom nationalen Tennisverband angeworben. Aber auch beim DTB weiß man, dass es dauern wird, bis Topspieler ernsthaft um Titel mitspielen dürften. Bezeichnend der Name der gerade vorgestellten neuen Strategie des DTB: Sie wird als „Tennis Deutschland 2032“ verkauft.
Wirklichkeit derzeit ist, dass – sofern keine Deutsche über sich hinauswächst – nicht viele das Ende der ersten Turnierwoche, geschweige die zweite Turnierwoche bei einer Grand Slam-Veranstaltung erreichen. Das ist bei den Männern um Einzelkämpfer Alexander Zverev kaum anders. Vor einem Jahr war es Lys, die in Melbourne das Achtelfinale erreichte, in Wimbledon schnibbelte sich Siegemund überraschend ins Viertelfinale. Gegen Inglis, Nummer 168 der Weltranglisten, hatte die erfahrene 37-jährige Siegemund die Chance, wieder zu einem Lauf anzusetzen. Doch beim Stand von 5:4 im dritten Satz verpasste sie es, mit dem Vorteil eines Breaks ihr Aufschlagspiel durchzubringen. Die Weltranglisten-48. nahm die Niederlage sportlich. „Da muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen, sie spielt das Turnier ihres Lebens.“

