Tennis:Kohlmann und der Gymnast

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Michael Kohlmann Davis Cup Team captain in a training practice session before the match GERMANY

Einst Notlösung, längst fest etabliert: Der frühere Profi Michael Kohlmann, 46, geht in seine sechste Saison als deutscher Davis-Cup-Teamchef.

(Foto: Peter Schatz/imago)

Das deutsche Davis-Cup-Team startet ohne Alexander Zverev, Teamchef Kohlmann ist trotzdem zuversichtlich.

Von Gerald Kleffmann

Sie waren im Kino, gingen in den Zoo, waren essen, und wenn die Bilder nicht ganz täuschten, hatten sie Spaß bei diesen Ausflügen auf der anderen Seite der Welt. In der ersten Januarwoche hatten die Tennisspieler Alexander Zverev, Jan-Lennard Struff, Kevin Krawietz und Andreas Mies (und Ersatzspieler Mats Moraing) beim ATP Cup in Australien einige Tage zusammen verbracht. Sie hatten zwar alle drei Gruppenpartien verloren und das Viertelfinale verpasst. Aber etwas anderes wieder praktiziert: Teamgeist - davon zeugten die Herzchen und Smileys und Witzchen, die die Spieler, begleitet teils von ihren Freundinnen, auf der Bilderplattform Instagram veröffentlichten.

Wie eine Kegeltruppe wirkten sie, ein Eindruck, den auch Michael Kohlmann teilt, wenngleich er sich, der Hagener, sachlicher ausdrückt. "Ich glaube, dass die Jungs generell gerne Zeit miteinander verbringen", sagt der Davis-Cup-Teamchef, der in Australien dem dortigen ATP-Cup-Teamchef Boris Becker assistiert hatte. "Die verstehen sich alle sehr gut. Es hört sich langweilig an, aber wir hatten in den letzten drei, vier Jahren immer gute Wochen."

Seit Sonntag haben sich die deutschen Tennismänner wieder zusammengefunden, an diesem Freitag und Samstag bestreiten sie die erste Runde des reformierten Davis Cups in Düsseldorf - ein Sieg bedeutet die Qualifikation für die Finalwoche im November in Madrid. Weißrussland ist der Gegner, den Kohlmann einerseits für knifflig hält, "weil er in der Öffentlichkeit ein bisschen als Freilos gesehen wird". Andererseits: "Ich will gar nicht bestreiten, dass wir Favorit sind." Bester Einzelspieler der Weißrussen ist Egor Gerassimow, 27, Nummer 68 der Weltrangliste und damit nicht so weit weg vom besten Deutschen; der zweite Weißrusse ist Ilja Iwaschka, 26 (138.). Struff ist 34., Kohlschreiber wird auf Platz 73 geführt. Zverev hat verzichtet, er spielte zuletzt in Acapulco und glänzte dort, nebenbei, auf dem roten Teppich mit höllisch weit aufgeknöpftem John-Travolta-Hemd, ehe er dann früh verlor. Nächste Woche tritt er in Indian Wells an, beim ersten Masters-Turnier der Saison, aber dass der Weltranglistensiebte dem DTB-Team fehlt, ist keine Tatsache, die wie früher Thema wäre. Das hat mit Kohlmann zu tun.

Der 46-Jährige hat nun auch schon wieder fünf Jahre als Teamchef hinter sich, und dass dieses Minijubiläum so geräuschlos vonstattenging, erzählt bereits, wie Kohlmann agiert: uneitel, vermittelnd, diskret. Mit diesen Qualitäten hat er tatsächlich eine Bande unter den Spielern geschaffen. Das klingt so normal, aber es gab ja auch Jahre vor ihm, da leisteten sich deutsche Profis Mätzchen, sagten lustlos ab, lästerten, spalteten. Aber vielleicht sind auch einige schlauer geworden.

Michael Kohlmann jedenfalls weiß, dass er, Bundestrainer im DTB-Männer-Leistungsstützpunkt in Oberhaching, eher zufällig ins Amt gerückt war, für solche Besetzungen existiert das hässliche Wort Notlösung. Aber mit seiner Art, das ruhige Gespräch zu suchen und zu führen, hat er sich längst den Respekt erarbeitet. Als Boris Becker Head of Men's Tennis beim DTB wurde, stand auch die Frage im Raum, wie das gehen könne: so ein mächtiger Name neben einem Namenlosen. Wenn Becker wie dieser Tage im Castello Düsseldorf wie ein Gymnast seine Dehnübungen am Boden macht (und man Angst hat, dass er nicht mehr aufstehen kann), weiß jeder um die Rollenverteilungen. "Jeder hat so seine Position im Team und hat sie angenommen", sagt Kohlmann - diese Feststellung inkludiert auch ihn.

Zverev besitzt zwar eine Sonderrolle, aber er steht nicht über anderen. "Ob Sascha dabei ist oder nicht, ist für uns nicht viel anders, was ich sehr positiv empfinde", sagt Kohlmann. "Die Mannschaft ist gewachsen, und Sascha ist genauso ein Teil der Mannschaft." Natürlich ist das Team stärker mit Zverev, Kohlmann hätte ihn gerne dabei. Aber alle sind miteinander im Reinen, weil rechtzeitig offen miteinander geredet wurde. Und so ziehen sich die Spieler, die in Düsseldorf sind, hoch an ihren Führungskräften. "Michael hat selbst auch lang und sehr erfolgreich Doppel gespielt. So jemanden auf der Bank zu haben, hilft noch einmal mehr", sagt Krawietz. "Es ist total motivierend, wenn man mit Boris Becker die deutsche Tennislegende hinter sich hat. Er steht immer nach wichtigen Punkten auf, schaut uns an und zeigt die Faust. Daraus zieht das ganze Team viel Energie", sagt Mies. Kohlmann wiederum findet: "Struffi ist gereift, er nimmt viele Sachen an, und Philipp ist aufgrund seiner Erfahrung immer mittendrin im Team." So viel Harmonie ist eigentlich fast schon erschreckend.

Sollte sich das deutsche Team durchsetzen (16 Uhr, www.sportdeutschland.tv, Struff beginnt gegen Iwaschka), besteht neuerdings gar eine winzige Chance, dass Zverev bei der Finalwoche doch zurückkehrt. Die Finalwoche 2019 hatte der 22-Jährige noch boykottiert, weil er den neuen Modus aus Überzeugung ablehnt. "Er hat schon gesehen, dass der Davis Cup immer noch diese Bedeutung hat, auch wenn man ihn im neuen Format gewinnen würde", berichtet nun aber Kohlmann. "Er hat früher immer gesagt, dass es sein Ziel ist, einmal den Davis Cup zu gewinnen. Dazu steht er immer noch. Noch aber kann man nicht absehen, ob die Umstände im November für eine Teilnahme in Madrid für ihn passen."

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