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Tennis:Kirschblütenweiße Bilanz

DAY 14 AUSTRALIAN OPEN 2021; Naomi Osaka

So ein Erfolg ringt auch der notorisch scheuen Naomi Osaka ein herzliches Lachen ab: Die Japanerin präsentiert den Pokal der Siegerin.

(Foto: Vince Caligiuri/WTA/oh)

Naomi Osaka wird mit ihrem Sieg in Melbourne zum neuen Weltmaßstab im Tennis: Ihre vier ersten Grand-Slam-Finals hat sie allesamt gewonnen - das ist außer ihr nur Roger Federer und Monica Seles gelungen.

Von Barbara Klimke, Melbourne/München

Es war kurz vor Mitternacht, der Daphne-Akhurst-Memorial-Cup thronte vor ihr auf dem Tisch, als Naomi Osakas letzte Niederlage zur Sprache kam. Eine "nagende Erinnerung" sei das, sagte sie bei der Pressekonferenz im Melbourne Park: Das traurige Gefühl daran habe sie keinesfalls vergessen. Aber in ihren Augen blitzte es verschmitzt. Tatsächlich muss man weit zurückgehen, bis Anfang Februar 2020, um auf ein verlorenes Match der 23-Jährigen zu stoßen, im Fed-Cup war das. Seit die Tennistour im Sommer wieder den Betrieb aufnahm, ist die Japanerin seit 21 Partien ungeschlagen: Auf ihrem Beutezug hat sie nach den US Open im September nun auch den Riesenpokal der Australian Open eingeheimst.

"Sie ist eine Inspiration für uns alle", befand ihre Finalgegnerin, die 25-jährige Jennifer Brady aus den USA, halb resigniert, halb ehrfürchtig. Vor allem wäre nach dem 6:4, 6:3-Erfolg festzuhalten, dass Osaka dabei ist, den neuen Weltmaßstab im Frauentennis zu setzen. Vier Grand-Slam-Finals hat sie nunmehr seit 2018 bestritten - und alle vier gewonnen, je zweimal in New York und Melbourne.

Eine derart kirschblütenweiße Bilanz seit dem Debüt haben außer ihr nur der Schweizer Roger Federer und Monica Seles aus Serbien jemals aufweisen können. Sobald sie ein Viertelfinale überstanden hat, erweckt Osaka bei der Gegnerschaft offenbar den Eindruck, dass nichts und niemand sie mehr stoppen kann. Das Geheimnis ihrer Schlussspurtstärke im Turnier erklärt sie damit, dass "man ja nicht in ein Endspiel kommt, um dann Zweiter zu sein". Aber natürlich ist die Sache in Wahrheit komplexer.

Osakas Vorbereitung auf den Sieg begann am 2. November 2020

Auf die Australian Open hat sie sich seit Monaten penibel vorbereitet. Schon am 2. November reiste ihr belgischer Trainer Wim Fissette in Los Angeles an; nie habe er bei "einem Projekt" früher die Arbeit aufgenommen, berichtete Fissette, der schon Kim Clijsters zu Grand-Slam-Siegen coachte und Angelique Kerber beim Wimbledon-Sieg 2018 kompetent beriet. Mit Osaka konzentrierte er sich auf die Defensive, auf den Return und die Verbesserung des Aufschlags. Und seit dem US-Open-Sieg im Herbst, so fasste Fissette in Melbourne zufrieden zusammen, seien sie tatsächlich noch einmal ein gutes Stück vorangekommen.

Das konnte auch Jennifer Brady bezeugen, die sich mit Osaka im Herbst in New York noch ein heftig umkämpftes Halbfinale in drei Sätzen geliefert hatte. Am Samstag jedoch bot sie der Weltranglistenzweiten bei heftigem Wind in der Rod Laver Arena nur im ersten Durchgang robusten Widerstand. Brady, die von dem Regensburger Coach Michael Geserer betreut wird, hatte nach der Landung in Australien 15 Tage in strenger Quarantäne leben müssen. Als Einzige aus der Gruppe der 72 Athleten, die das Zimmer nicht verlassen durfte, kämpfte sich die ehemalige College-Spielerin überhaupt bis in die zweite Turnierwoche vor.

Ihr kam zugute, dass im Hotel ihr Fitnesscoach Daniel Pohl der Nachbar war, und weil die Räume zufällig durch eine Zwischentür verbunden war, konnten sie wenigstens stundenlang Bälle gegen eine hochgestellte Matratze schlagen. Auf die schwierigen Umstände hätten sie "mit der richtigen Haltung" reagiert, sagte Geserer in einer Videopressekonferenz: Sie ließen sich den Optimismus nicht nehmen. Im Finale, ihrem ersten bei einem derart wichtigen Turnier, verschlug Brady beim Stand von 4:5 leichte Bälle, die Osaka den Satzgewinn einbrachten. Danach ließ sich die Erfahrenere nicht mehr vom Kurs abbringen.

Jennifer Brady

Erst Quarantäne, dann Finale: Jennifer Brady bietet einen Satz lang robusten Widerstand.

(Foto: Mark Dadswell/AP)

Denn auch das hat Naomi Osaka gelernt: ihre Gefühle zu beherrschen, ihrem Können zu vertrauen. Sie ist viel mehr mit sich selbst im Reinen als noch vor einem Jahr. 2020 unterlag sie als Titelverteidigerin in der dritten Runde überraschend dem damals erst 15-jährigen US-Talent Cori Gauff. Sie musste erfahren, wie Niederlagen, die früher keinen Menschen interessierten, plötzlich weltweit Nachrichtenwert erhielten. Ihr zwischenzeitlicher Aufstieg zur Nummer eins der Welt, so hatte sie schon im Sommer zuvor ihrer Millionen-Anhängerschaft in den sozialen Kanälen erläutert, habe für sie "mehr Stress und Druck bedeutet, als ich je erwartet hätte". Die verschüttete Freude am Spiel hat sie danach, Schippe um Schippe, wieder ausgegraben.

Auch Fissette, der Ende 2019 das Traineramt antrat, musste sich ein wenig gedulden, ehe sie Vertrauen fasste. Bis zu der besagten Niederlage beim Fed-Cup 2020, sagte er, habe dieser Prozess gedauert. Heute beschreibt Osaka ihr Team als "meine Familie", als Ratgeber, die ihr in langen Gesprächen auch helfen, zum Beispiel das Lampenfieber zu besiegen, ehe sie in die großen Arenen tritt.

Sie hat ihre Stimme gefunden - auf dem Platz und abseits der weißen Linien. Sie weiß, dass die Welt auf sie schaut, wenn sie gegen Rassismus auf die Straße geht und sich für die "Black Lives Matter"-Bewegung engagiert: Bei den US Open in New York trug sie zu jedem Match eine Maske mit den Namen der Toten als stummen Protest.

So ist sie tatsächlich zu einer Inspiration für viele geworden. Und vielleicht, so sagte sie Samstagnacht nachdenklich, als der Pokal vor ihr stand, wäre das für sie sogar irgendwann der größte Sieg: "Das wird seltsam klingen, aber hoffentlich kann ich lang genug spielen, um gegen ein Mädchen anzutreten, das gesagt hat, dass ich mal ihre Lieblingsspielerin war." Nichts gegen die riesige Daphne-Akhurst-Memorial-Trophäe. Aber: "Das ist das Coolste, das mir jemals passieren könnte."

© SZ/and/vit/mp
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