Tennis Kerbers Experiment

Rainer Schüttler bringt als neuer Trainer Erfahrung ins Team der Wimbledonsiegerin - dass ihm im Frauentennis die Routine noch fehlt, wird als Chance gesehen.

Von Gerald Kleffmann, London

Seit Mitte Oktober war Angelique Kerber ohne Trainer, eines war bei der Suche klar: Die Zahl der Kandidaten war klein. Das hat mit den Präferenzen der besten deutschen Tennisspielerin zu tun, die kein Geheimnis sind. Kerber zieht es vor, in Deutsch und nicht in Englisch einen Austausch über Taktiken und Techniken vorzunehmen. Die Person, die sie begleitet, muss sich ins Team fügen, ohne Allüren, fleißig sein, loyal, zuverlässig; eine gewisse Reputation schadet nicht. Schwer vorstellbar ist daher, dass etwa einer wie der Niederländer Sven Groenefeld, ehemals Coach von Maria Scharapowa und sicher einer der teuersten Fachkräfte im Frauentennis, in der engeren Wahl war. Am Dienstag ist Kerbers Entscheidung publik geworden, früher als geplant: Rainer Schüttler wird sie ab Ende November als Trainer begleiten. Diese Meldung war einerseits eine Überraschung; andererseits auch nicht.

Bald wieder mit neuem Trainer: Von Rainer Schüttler wird Kerber erstmals zum Jahreswechsel beim Hopman Cup betreut.

(Foto: Roslan Rahman/AFP)

Auf Schüttler passen diverse Kriterien, und dass der Kontakt zu dem 42-Jährigen aus Korbach leicht herzustellen war, belegen die Beziehungen verschiedener Akteure. Der frühere Profi, der 2003 als Finalist der Australian Open den größten Moment seiner Karriere erlebt hatte, wurde von Dirk Hordorff als Coach und Manager betreut. Aljoscha Thron, 31, gelernter Arzt und seit rund zwei Jahren Manager von Kerber, war seinerseits für Hordorff beruflich aktiv. Sie kennen sich alle, sind befreundet, auch dieser Umstand dürfte die Wahl Kerbers beeinflusst haben. Sie mag ja kaum etwas weniger, als sich auf eine Situation einzulassen, die sie nicht genau abschätzen kann. Kerber, und das ist nachvollziehbar, will mit 30 und nach drei Grand-Slam-Triumphen ihr Leben nicht plötzlich radikal umkrempeln. Diesen Effekt hätte womöglich die Verpflichtung eines internationalen Trainers, gar mit einem Stützpunkt in Übersee, nach sich gezogen. So soll weiterhin Puszczykowo bei Posen ihre Basis für Training und Rückzug werden. In Polen lebt Kerber, ihre Großeltern betreiben dort eine Tennis-Akademie.

Erlebte als Profi seinen größten Moment im Finale von Melbourne: Rainer Schüttler.

(Foto: Horst Ossinger/dpa)

Schüttlers Ruf in Tennis-Deutschland war stets ein guter, was auch zusammenhing mit seiner Art zu spielen und sich zu geben. Er war kein Riesentalent, hatte keinen Zauberschlag, aber er war ein grundehrlicher Arbeiter, der es mit hoher Motivation bis auf Rang fünf der Weltrangliste geschafft hatte - eine Parallele quasi zu Kerbers Weg. Erfolg war für Schüttler keine Selbstverständlichkeit, das drückte sich in einer angenehm zurückhaltenden Art aus. Das Verrückteste, was ihm wohl je angedichtet wurde, war sein Spitzname The Shaker, eine englische Anspielung auf seinen Nachnamen. Schüttler gehörte zu jener Generation, die das deutsche Männertennis nach der Ära von Boris Becker und Michael Stich repräsentierten und prägten. Einmal gab es ein Turnier, bei dem wäre es ihm fast gelungen, in eine ähnliche Dimension wie die beiden Vorgänger vorzustoßen. 2004 stand er bei den Olympischen Spielen in Athen mit Nicolas Kiefer im Finale des Doppel-Wettbewerbs. Vier Matchbälle für Gold hatten sie. Sie hätten mit Becker und Stich gleichgezogen, die 1992 in Barcelona als Schicksalsgemeinschaft triumphiert hatten. Doch die Chilenen Fernando Gonzales und Nicolas Massu siegten in fünf Sätzen.

Zverev unterliegt Djokovic

Tennisprofi Alexander Zverev hat bei den ATP Finals in London im zweiten Match die erste Niederlage kassiert und muss nun um den Einzug ins Halbfinale bangen. Zwei Tage nach seinem Auftaktsieg gegen den Kroaten Marin Cilic unterlag der 21 Jahre alte Hamburger dem Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic am Mittwoch mit 4:6, 1:6. Nach 1:17 Stunden verwandelte der zehn Jahre ältere Serbe seinen zweiten Matchball. Im dritten Duell seiner Vorrundengruppe trifft Zverev am kommenden Freitag auf den Amerikaner John Isner. Die Ersten und Zweiten der beiden Gruppen erreichen das Halbfinale. dpa

Die Kooperation mit Schüttler ist eine, die sich nach außen darstellen lässt, wenngleich sie auch ein Experiment bedeutet. Schüttler hat nach Beendigung seiner Karriere 2012 überwiegend im Männerbereich weitergearbeitet. Mit Alexander Waske, 43, hatte er eine Akademie in Offenbach gegründet; dort hatte Kerber auch geübt. Mit dem gewieften Ion Tiriac, Beckers erstem Manager, hatte Schüttler zunächst das ATP-Turnier in Düsseldorf veranstaltet und dann, als die Lizenz nach Genf wanderte, das Event dort verantwortet, als Turnierdirektor. Als Trainer unterstützte er Hordorff, den Vizepräsidenten des Deutschen Tennis-Bundes und im Hintergrund der wichtigste Tennis-Funktionär des Landes; der 62-Jährige ist auch als Coach immer noch aktiv. Schüttler half ihm etwa bei der Betreuung des Kanadiers Vasek Pospisil. Dass er auch Janko Tipsarevic begleitete, lag privat nahe. Schüttler ist mit der Schwester des Serben verheiratet, die beiden sind nun Eltern.

Die ersten Turniere für Schüttler und Kerber stehen bereits fest. Ihre Premiere erleben sie zum Jahreswechsel beim Hopman Cup, dem Mixed-Nationen-Wettbewerb. Kerber wird mit Alexander Zverev, 21, das Team Deutschland bilden. Danach wird sie versuchen, in Sydney ihren Titel und bei den Australian Open ihre Halbfinal-Punkte zu verteidigen. Ein früher Erfolgsdruck liegt also vor, wobei Schüttler dem Vernehmen nach auch deshalb diese Aufgabe zugetraut wurde, weil er wisse, wie sich Druck und auch Grand-Slam-Turniere in der zweiten Woche anfühlen. Dass ihm die Erfahrung auf der Frauentour fehlt, wird dabei nicht als Nachteil gewertet. Man erhofft sich den Einfluss einer unverbrauchten, frischen Person. Von der Ausgangslage her ist er indes das genaue Gegenteil seines Vorgängers Wim Fissette; der Belgier hatte mit dem Nachweis, verschiedene Spielerinnen zu Erfolgen führen zu können, im vergangenen Spätherbst Kerber übernommen. Genauere Details, die zum Zerwürfnis der beiden trotz des gemeinsam erlangten Wimbledonsieges geführt hatten, sind bislang von keiner der beiden Seiten verlautbart worden.

In jedem Fall bedeutet die Anstellung Schüttlers keine Zäsur in Kerbers Sportleralltag, ihr Team wird ansonsten unverändert bleiben. André Wiesler wird weiter als Hitting Partner, als Trainingspartner, zur Verfügung stehen. Ob und inwieweit Schüttler wirklich bei jedem Training dabei ist, in Polen etwa, wird man sehen; geplant ist aber, so viel wird versichert, dass Rainer Schüttler in Vollzeit Kerber begleitet. Am 21. November wird sich Kerber erstmals in Köln auf einer Pressekonferenz zu ihrem neuen Angestellten und ihren Zielen für 2019 äußern. Dazu zählt auch die erhoffte Titelverteidigung in Wimbledon. Vorerst aber verbreitete sie im Internet Fotos aus ihrem Urlaub, die sie beim Jetskifahren und beim Sprung vom Steg ins Wasser zeigten.