Süddeutsche Zeitung

Tennis:Ein Hauch von Vintage-Angie

Lesezeit: 3 min

Vier Einzel verloren und doch den Titel gewonnen: Angelique Kerber erlebt beim United Cup eine ungewöhnliche Rückkehr auf die Tour. Die bald 36-Jährige ist nun selbst gespannt darauf, wie sie bei den Australian Open abschneidet.

Von Gerald Kleffmann

Alexander Zverev hatte wirklich versucht, fachkundig vorzugehen, doch er fand in Torben Beltz seinen Lehrmeister. Der erfahrene Trainer zeigte ihm, wie man im Erfolgsfall mit Champagner verfährt - das großflächige Anspritzen, wie es Zverev praktiziert hatte in diesen Momenten des Überschwangs am Sonntag, war wenig zielführend gewesen, die kostbare Brause landete jedenfalls nicht in den Mündern der Zielobjekte.

Nachdem Zverev zunächst Laura Siegemund, die sich hinter einer deutschen Fahne verschanzte, sowie Maximilian Marterer verfehlt hatte, rannte er durch den Aufenthaltsraum, der beim United Cup den Tennisprofis zur Verfügung gestellt wurde. Schließlich schnappte sich Beltz die Flasche und träufelte Zverev im Stehen die Flüssigkeit ein, wie ein Video in den sozialen Medien belegte.

Die Jubelszenen waren bemerkenswert, aus deutscher Sicht musste man lange zurückblicken, um einen ähnlich nennenswerten Triumph dieser Art ausfindig zu machen. 1995 war es, als Boris Becker und Anke Huber den Hopman Cup gewannen, der wie der jetzige United Cup ausgespielt wurde; bei dem Nationenwettbewerb wird jeweils ein Männer- und ein Fraueneinzel bestritten, ehe ein gemischtes Doppel (Mixed) folgt. Im vergangenen Jahr hatte der United Cup, der mit seinem zügigen Format und dem Wechselspiel zwischen Männern und Frauen bei Profis wie Zuschauern gleichermaßen gut ankommt, in Brisbane, Perth und Sydney seine Premiere erlebt. Diesmal beschränkten sich die Spielorte auf Perth und Sydney. Um das Turnier aufzuwerten, werden auch Weltranglistenpunkte vergeben, das Konzept funktioniert.

Kerber ist auf Rang 657 geführt, kann aber dank ihres geschützten Rankings als 31. antreten

Für Zverev, der vier seiner fünf Einzel gewann, waren seine Einsätze so ertragreich, dass er in der Weltrangliste vom siebten auf den sechsten Platz stieg. Für Angelique Kerber hat sich die Lage nicht wesentlich verändert, sie ist im Niemandsland auf Position 657 gelistet - dabei handelt es sich um ein Zerrbild. Besser trifft ihre Situation ihr sogenanntes Protected Ranking. Als 31. der Weltrangliste bestreitet die ehemalige Nummer eins ihre Turniere, sie nimmt jenen Platz ein, den sie zum Beginn ihrer Pause als werdende Mutter innehatte.

Ende Februar 2023 war ihre Tochter Liana zur Welt gekommen, nun kehrte Kerber zurück, ohne zu wissen, wo sie spielerisch steht. "Jetzt weiß ich ein bisschen mehr", sagte sie vorsichtig in Sydney, nach dem 2:1-Sieg gegen Polen; ihre Gesamtbilanz war ja durchaus ungewöhnlich: Sie verlor vier von fünf Einzeln und holte doch den Titel. Im Finale war sie gegen Iga Swiatek (3:6, 0:6) chancenlos, Zverev hatte dann Hubert Hurkacz nach Abwehr zweier Matchbälle 6:7 (3), 7:6 (6), 6:4 besiegt, das Mixed gewann der 26-Jährige mit Laura Siegemund 6:4, 5:7, 10:4 gegen Swiatek/Hurkacz. Die 35-jährige Siegemund kam ab dem Viertelfinale zum Einsatz und fühlte sich an der Seite Zverevs auf dem Platz so wohl, dass sie befand: "Wir sind ein großartiges Paar." Die drei Siege der zwei belegten dies.

Im Vordergrund stand bei Kerber zweifellos ihre Freude über die Wiedereingliederung in den Tennistross, "so mein Comeback zu beginnen, hätte besser sicher nicht laufen können", sagte sie und meinte das in Bezug auf den Titelgewinn. Ohnehin genoss sie größtmögliche Unterstützung, ihr zurückgeholter Ex-Ex-Coach Beltz war auch der deutsche Teamchef.

Und bezogen auf sich? Sprach sie "von fünf harten Matches". Natürlich war ihr erfreulichstes jene Partie im Halbfinale gegen Ajla Tomljanovic; im Tie-Break des dritten Satzes rang sie die Australierin, die 2023 lange verletzungsbedingt pausiert hatte, dank ihrer Zähigkeit nieder und genoss "die Energie auf dem Platz". Erinnerungen an "Vintage-Angie" wurden in manchen Momenten wach, mit einem aggressiven Spielstil aus der Defensive heraus hatte sie auch ihre drei Grand-Slam-Titel errungen. Doch insgesamt wurde sichtbar, dass man im Profitennis nicht mal eben eineinhalb Jahre fehlt, gar ein Kind bekommt und problemlos dort anknüpft, wo man aufgehört hat. "Es war ein komplett kalter Start für mich", gab Kerber zu.

So verlor sie gegen die Italienerin Jasmine Paolini, die zwar 30. der Weltrangliste ist, aber noch nie die dritte Runde bei einem Grand Slam erreichte. Gegen die Französin Caroline Garcia war sie nach gutem Start klar unterlegen (6:1, 2:6, 2:6), gegen die Griechin Maria Sakkari (0:6, 3:6) lag sie gar 0:6, 0:3 zurück. Gerade bei den Spieleröffnungen, dem Aufschlag und dem Return, war ihr die fehlende Praxis anzumerken. Und ein bisschen waren auch diese Schwächen ja wie einst bei Vintage-Angie. Vor ihrer Pause durchlitt Kerber auch des Öfteren spielerische Wellenphasen.

Nun, kurz vor ihrem 36. Geburtstag am 18. Januar, gehe es ihr erst mal um eine schnelle Erholung, dann wolle sie sehen, sagte sie sichtlich entspannt und auch neugierig auf ihr eigenes Leistungsvermögen, "wie ich in Melbourne spielen kann". Am kommenden Sonntag beginnen die Australian Open, jenes Turnier, das Kerber 2016 mit einem Sprung (mit Beltz) in den Yarra River beendet hatte.

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