Angelique Kerber bei den US Open:Wie ein Goldfisch auf dem Court

Lesezeit: 2 min

2021 US Open - Day 1

Viele Fehler, aber voller Einsatz: Angelique Kerber bei ihrer Erstrundenpartie in New York.

(Foto: Sarah Stier/AFP)

Angelique Kerber entgeht nur knapp dem Erstrunden-Aus. Sie gehört nicht zu den Favoritinnen in New York - doch genau das macht sie gefährlich.

Von Jürgen Schmieder, New York

Wie, Frau Kerber, wie? Das war die einzige Frage, die man Angelique Kerber stellen konnte nach diesem wilden Comeback in der ersten Runde der US Open. Klar, es kann schon mal passieren, dass jemand ein verloren geglaubtes Spiel noch gewinnt; allerdings ist es Kerber derart häufig gelungen, dass man ihr diese Frage genauso stellen muss, wie es der Regisseur François Truffaut mit dem Meister der Suspense getan hat: "Mister Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?"

Ein irrer Ballwechsel leitet die letzte Wende ein

Sie hatte zurückgelegen in dieser Partie gegen Dajana Jastremska, 3:5 und 15:30 im entscheidenden Satz. Ihre Gegnerin hatte sie mit einem krachenden Return in die Ecke geschickt; doch Kerber tat, was sie häufig tut in diesen Momenten: laufen, irgendwie zurückspielen, laufen, irgendwie zurückspielen, bis der Gegnerin ein geradezu grotesker Fehler unterläuft wie nun auch Jastremska. Sie donnerte den Ball aus drei Metern gegen die Netzkante, sackte verzweifelt zu Boden und erholte sich nicht mehr von diesem Fehler. Am Ende stand es nach 2:25 Stunden 3:6, 6:4, 7:6 (7:3).

"Sie hat die Partie diktiert, mich spielerisch unter Druck gesetzt, ich habe nicht zu meinem Spiel gefunden. Ich war oft zu kurz mit den Schlägen und konnte es nicht ändern", sagte Kerber danach: "Ich wusste, dass es heute nur über die Beine funktioniert." Die Fitness ist eine große Stärke der 33-jährigen Deutschen, eine andere ist: "Nur von Punkt zu Punkt denken." Also: zum geistigen Goldfisch mutieren, die Partie bislang und auch den Spielstand vergessen, sich ausschließlich auf den nächsten Ballwechsel konzentrieren.

Das klingt so einfach. Wer jedoch die ersten Matches bei diesen US Open gesehen hat, der weiß, wie schwer sich selbst erfahrene Profis damit tun. Kerber ist eine Meisterin darin, sich nur um die kleinen Details zu kümmern, damit sich am Ende das große Ganze scheinbar wie von selbst fügt - ein wenig wie bei Hitchcock.

Wenn Kerber weit kommen will, muss sie viele starke Gegnerinnen aus dem Weg räumen

Sie ist dieses Jahr gewiss nicht die Favoritin in New York, und das war auch daran zu sehen, wo ihre erste Partie stattfand: in der Ecke der Anlage, und wer in der Ecke dieses Platzes stand, sah im Hintergrund das monströse Arthur-Ashe-Stadion. Kerber war in ihrer Karriere freilich oft erfolgreich, wenn sie von anderen kleiner gemacht wurde, als sie war - sie aber wusste, wie groß sie wirklich ist. Für dieses Turnier bedeutet das: Es glauben nicht viele Experten daran, dass sie in diesem für sie hundsgemeinen Tableau, das in ihrem Achtelfinale noch drei einstige Finalistinnen (Titelverteidigerin Naomi Osaka, 2017-Gewinnerin Sloane Stephens, Kerber) und die junge US-Attraktion Coco Gauff führt, wahnsinnig viel zu gewinnen ist.

"Ich glaube, dass hier ganz andere Spielerinnen favorisiert sind", sagt Kerber, sie sagt aber eben auch: "Ich habe gut in Cincinnati gespielt und gute Spielerinnen geschlagen. Das hat mir das Selbstvertrauen gegeben, enge Matches wie heute gewinnen zu können. Es hat mir gezeigt, dass ich nie den Glauben an mich verlieren muss." Es geht also immer was bei ihr derzeit. Und deshalb kümmert es sie auch nicht besonders, dass bei einem Sieg gegen die Ukrainerin Anhelina Kalinina - gegen die sie bei den French Open in der ersten Runde glatt verloren hatte ("Ich habe noch eine kleine Rechnung offen") - Duelle mit Stephens oder Gauff und danach mit Osaka warten würden. Sie denkt, natürlich, "nur von Runde zu Runde".

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