Tennis bei den French Open:Die Zuversicht ist zurück

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Tennis bei den French Open: Geballte Faust in Paris: Angelique Kerber ist eine Runde weiter.

Geballte Faust in Paris: Angelique Kerber ist eine Runde weiter.

(Foto: Dylan Martinez/Reuters)

Alexander Zverev und Angelique Kerber kämpfen als letzte Deutsche um den Einzug ins Achtelfinale - und geben sich ungewohnt offen. Beide haben alle Chancen, um in Roland Garros weit zu kommen.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Alexander Zverev hatte am Mittwochnachmittag mit Mühe und ein bisschen Glück die dritte Runde der French Open erreicht: Beim 2:6, 4:6, 6:1, 6:2, 7:5-Erfolg gegen den Weltranglisten-36. Sebastian Baez, 21, musste er einen Matchball beim Stand von 4:5 und 30:40 abwehren. Als er zur Pressekonferenz erschien, wirkte er so frisch und frech, als hätte er unaufgeregt 6:3, 6:2, 6:1 gewonnen und ein Buch dabei gelesen. Wieder mal als Erster bekam Nicola Arzani seine gute Laune ab.

Mit dem Medienchef der ATP, der Männertour, frotzelt er ab und an, "kannst du mich bitte anschauen, wenn ich rede, du hast mir ja die Frage gestellt", sagte Zverev diesmal grinsend, als er auf die erste verbale Vorlage Arzanis antwortete, ehe die Reporter zu ihrem Recht kamen. Die Erleichterung, bei diesem Turnier noch am Leben zu sein, war zu spüren. Lange hatte es nicht gut ausgesehen für den 25-jährigen deutschen Tennisprofi.

"Ich hatte keinen Rhythmus, keine Lösung, ich war ohne Plan und wusste nicht so richtig, was ich machen soll", gab Zverev zu und meinte pointiert: "Ich habe richtig schlecht gespielt." Gerade noch rechtzeitig begann er, "dominanter, aggressiver" zu spielen, wie er richtig befand. Baez lobte er ausdrücklich, der nur 1,70 Meter große Argentinier aus Buenos Aires, Typ mutige Gummiwand, war fürwahr eine höchst komplizierte Aufgabe, die er lösen musste.

Tennis bei den French Open: Der Argentinier Sebastian Baez (links) lieferte Alexander Zverev einen harten Kampf - und musste sich am Ende doch in fünf Sätzen geschlagen geben.

Der Argentinier Sebastian Baez (links) lieferte Alexander Zverev einen harten Kampf - und musste sich am Ende doch in fünf Sätzen geschlagen geben.

(Foto: Maya Vidon-White/Imago)

Zwischendurch habe sich Zverev, so verriet er, schon den nächsten Urlaub ausgemalt, "das entspannte mich etwas, an den Strand zu denken". Für seine Leistung in den ersten beiden Sätzen hatte er eine plausible Erklärung: "Du kannst nicht über zwei Wochen lang jeden Tag perfektes Tennis spielen. Die Champions, die hier gewonnen haben, haben immer einen Weg gefunden."

Zverev, das steht fest, hat sich im Tableau in Stellung gebracht. In der nächsten Runde ist er klarer Favorit gegen den Amerikaner Brandon Nakashima, danach könnte der Aufschlagriese John Isner, ebenfalls USA, auf ihn warten. Bei den French Open fühlte sich Zverev, Halbfinalist im vergangenen Jahr am Bois de Boulogne, überdies immer ganz wohl, was auch in einer bemerkenswerten Statistik zum Ausdruck kommt: Nirgends beherrscht er den Kampf über fünf Sätze so gut wie hier. Und ein Aspekt könnte ihm besonders in die Karten spielen.

Bei den Australian Open stand er intensiv im Fokus der Öffentlichkeit, da er die Chance gehabt hatte, die Nummer eins der Weltrangliste zu werden. Es war eine Rolle, die ihm nicht behagte. Er verkrampfte im Achtelfinale gegen den Kanadier Denis Shapovalov und schied, klar unterlegen, aus.

Jetzt, im Südwesten der Landeshauptstadt Frankreichs, stehen hauptsächlich der 13-malige Titelgewinner Rafael Nadal, der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic und Alcaraz in den Schlagzeilen, das kommt auch beim Andrang in deren Pressekonferenzen zum Ausdruck. "Ich habe den Eindruck, dass ihm das guttut, wenn nicht die ganze Welt auf ihn schaut", analysierte am Donnerstag der deutsche Bundestrainer Michael Kohlmann Zverevs Lage. "Ich habe das Gefühl, dass das hier für ihn eine ganz gute Situation sein kann."

Zverev scheint sich sogar so frei zu fühlen, dass er in zwei Pressekonferenzen erstmals offen mentale Probleme bekannte, mit denen er in diesem Jahr umgehen musste. Er spreche nie darüber, meinte er, dann tat er es doch: "Ich hatte viel mit anderen Dingen zu kämpfen, ich war nicht glücklich", sagte er nach dem Zweitrunden-Sieg gegen Baez, "ich war zwischenzeitlich ganz schön niedergeschlagen."

Er verwies auf den Druck, den er als öffentliche Person verspüre, "wir sind ständig im Rampenlicht", - und er ja besonders. Bei der ATP ist weiterhin eine Untersuchung anhängig, eine Ex-Freundin Zverevs hatte Vorwürfe der häuslichen Gewalt gegen ihn gerichtet. Und beim Turnier in Acapulco fiel Zverev mit einem Wutanfall ungünstig auf, er spielt derzeit immer noch unter Bewährung, beim nächsten Ausbruch könnte er gesperrt werden. Seitdem aber, muss man konstatieren, hat er sich tadellos im Griff auf dem Platz.

Kevin Krawietz und Andreas Mies verlieren im Doppel gegen ein britisch-finnisches Duo

Ebenfalls unter dem Radar wie Zverev befindet sich Angelique Kerber, 34, im Feld der Frauen, das eint die beiden einzigen im Einzel-Turnier verbliebenen deutschen Profis; Andrea Petkovic, die zweite Deutsche in Runde zwei, unterlag Viktoria Asarenka aus Belarus 1:6, 6:7 (3); in Runde eins schlug sich Nastasja Schunk aus Ludwigshafen toll beim 4:6, 6:1, 1:6 gegen die frühere Paris-Siegerin Simona Halep. Erstmals in Paris verloren die zweimaligen French-Open-Champions Kevin Krawietz und Andreas Mies beim 4:6, 2:6 im Doppel gegen das britisch-finnische Duo Lloyd Glasspool/Harri Heliovaara.

Tennis bei den French Open: Für sie ist das Turnier in Paris trotz guter Leistung bereits vorbei: Andrea Petkovic.

Für sie ist das Turnier in Paris trotz guter Leistung bereits vorbei: Andrea Petkovic.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Kerber hatte zwar in Runde eins gar zwei Matchbälle gegen die Polin Magdalena Frech abwehren müssen, dann aber folgte ein 6:1, 7:6 (2)-Sieg gegen die junge Französin Elsa Jacquemot. Im zweiten Satz agierte Kerber nicht berauschend, aber wichtiger bei ihr ist etwas anderes: "Es ist ein gutes Gefühl, wieder Matches zu gewinnen, diese engen Situationen wieder im Griff zu haben."

Offen gab auch sie zu: "Ich meine, die letzten Jahre sind nicht so gut gelaufen. Ich glaube, vor dem Turnier hat nicht jeder mit mir gerechnet, dass ich eine Runde oder zwei gewinne. Jetzt stehe ich in der dritten Runde." Sie strahlt wieder diese gewisse Zuversicht aus, die sie schon zu drei Grand-Slam-Titeln geführt hat.

Tennis bei den French Open: "Wenn du alles erreicht hast, spielst du für die Liebe zum Spiel": Angelique Kerber in Paris.

"Wenn du alles erreicht hast, spielst du für die Liebe zum Spiel": Angelique Kerber in Paris.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Ihre Aussicht ist nicht so schlecht, an diesem Freitag trifft sie auf Alijaksandra Sasnowitsch aus Belarus, die starke Tunesierin Ons Jabeur in ihrer Hälfte ist ausgeschieden, plötzlich könnte Kerber ausgerechnet in Paris, jenem Grand-Slam-Turnier, das sie als einziges noch nicht gewann, in die zweite Woche mogeln - mit einem stetig näher rückenden, verlockenden Ziel: Gewänne sie ihre nächsten fünf Matches, hätte sie den Karriere-Grand-Slam erreicht. Erst zehn Frauen gelang es, alle vier Majors mindestens einmal zu gewinnen. Stefanie Graf schaffte es bereits.

"Natürlich würde es mir viel bedeuten", sagte Kerber zur Aussicht, dass auch sie Teil dieses elitären Zirkels werden könnte. "Aber das ist noch zu weit weg, um überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden. Wenn es passiert, können wir darüber sprechen. Natürlich wäre es ein Traum." Sie wirkt tatsächlich entspannt, der Titelgewinn vergangenen Sonntag in Straßburg wirkt positiv nach. So wurde Kerber gar richtig romantisch, als sie meinte: "Wenn du alles erreicht hast, spielst du für die Liebe zum Spiel."

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