Tennis international Privates Glück, sportlicher Coup

Die Belgierin Alison Van Uytvanck spielt nach ihrem Outing groß auf - und schaltet die Titelverteidigerin aus.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Es sind gerade bewegende Tage für Alison Van Uytvanck, es ist sogar ein bewegendes Jahr. Dabei hat sie nicht so viel anders gemacht. Van Uytvanck, 24, aus Grimbergen in Belgien, ist immer noch Tennisprofi. Sie gehört als Nummer 47 zu den besten 50 Spielerinnen auf der Tour. Und sie liebt immer noch eine Frau, sie ist mit Greet Minnen zusammen, die in der Weltrangliste an Position 546 geführt wird. Letzteres ist natürlich ihre Privatsache - nur ist diese Beziehung nicht mehr privat. Im März hatte sich Van Uytvanck geoutet, in einem Fernsehinterview. Sie habe es getan, nicht weil sie ein Vorbild sein wollte. Sie sei einfach glücklich gewesen, und sie wollte ihr Glück nicht mehr verstecken. Und weil es diese Vorgeschichte gibt, ist ihre jetzige Erfolgsgeschichte in Wimbledon eng mit dieser verknüpft. Sie wollte kein Vorbild sein und ist es nun doch. Denn im Tennis ist das, worüber sie im All England Club zurecht wie selbstverständlich referierte, noch oft genug ein Tabu-Thema.

Überraschte gegen Garbiñe Muguruza: die Belgierin Alison Van Uytvanck steht im Achtelfinale.

(Foto: Ben Curtis/AP)

Dass sich auch die britische Presse für sie plötzlich interessierte, lag zuerst an ihrem sportlichen Coup. Van Uytvanck hatte in der zweiten Runde Garbiñe Muguruza 5:7, 6:2, 6:1 besiegt, dann bezwang sie die Estin Annett Kontaveit 6:2, 6:3 und steht nun erstmals bei dem berühmten Rasenturnier in Wimbledon im Achtelfinale; sie trifft dort auf die Russin Daria Kassatkina. Natürlich tauchte die Frage auf: Wer ist die Unbekannte, die die Titelverteidigerin aus Spanien bezwang und nun sogar ins Viertelfinale vorstoßen kann? Es war wunderbar zu sehen, wie entspannt Van Uytvanck mit dem Interesse an ihrer Person umging.

In der Weltrangliste klettert sie auf Rang 37, so hoch wie noch nie

Dies und das wurde sie zum Tennis gefragt, und als es um ihre Beziehung ging, druckste sie nicht herum. Sie erzählte ihre Geschichte. Minnen sei auch im Tour-Alltag eine Hilfe, sie trainieren zusammen, in Wimbledon schlage sie sich mit ihr ein. Sie veröffentlicht auch Fotos in den Sozialen Medien voneinander, sie umarmten sich ungezwungen nach Van Uytvancks Siegen in Wimbledon. Alles wirkt so, wie es eben sein sollte, und doch ist Van Uytvanck eine Ausnahme im Tennis. Von den Spielerinnen in den Top 100 ist sie nur eine von zweien, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. Unter den aktiven Männern gibt es im Übrigen keinen.

In der Weltrangliste wird Van Uytvanck mindestens auf Rang 37 klettern, so hoch stand sie noch nie. Aber sie kann für sich eben auch einen zweiten Verdienst registrieren. "Ich bin glücklich, dass ich hoffentlich Jüngeren Selbstvertrauen vermitteln konnte, um sich zu outen", sagte sie. Sie jedenfalls habe jetzt in Wimbledon "sehr positive" Reaktionen erfahren. Sie betonte zudem, sie habe auch "wirklich keine einzige negative Antwort" erhalten, damals im März, als sie sich im Fernsehen öffnete.

Van Uytvanck wurde auch auf die LGBTQ-Parade angesprochen, die am Sonntag in London stattfand. Sie wisse davon, klar. "Ich will mich lieber etwas ausruhen", sagte sie. Van Uytvanck ist ja wegen des Tennis nach Wimbledon gekommen. Sie hat das Turnier in jedem Fall schon jetzt bereichert.