Tennis:Halb Vintage-Angie, halb moderne Kerber

BNP Paribas Open - Day 9

Das Selbstverständliche ist zurück in ihren Augen: Angelique Kerber nimmt ihren souveränen Achtelfinalsieg in Indian Wells gegen die Australierin Ajla Tomljanovic entspannt hin.

(Foto: Sean M. Haffey/AFP)

Die deutsche Tennisspielerin ist nicht nur in bestechender Form - ihr Hoch hält schon länger an. Plötzlich ist sogar die Qualifikation für die WTA Finals noch drin.

Von Gerald Kleffmann

An diesem Dienstagabend in Indian Wells, in der kalifornischen Wüste, wo sich nicht Hase und Igel, sondern vermögende amerikanische Rentner gute Nacht sagen, hat Angelique Kerber ihrer beeindruckenden Match-Statistik einen weiteren Sieg hinzugefügt. Mitte August, beim Turnier in Cincinnati, hatte sie ja ein Jubiläum gefeiert, das nur wenige Tennisprofis erleben. Im Viertelfinale gegen Petra Kvitova bestritt sie in Ohio ihre 1000. Profi-Partie, die sie aufgrund der Aufgabe der Tschechin gewann.

Nun, nach dem 6:4, 6:1 im Achtelfinale von Indian Wells gegen die Australierin Ajla Tomljanovic, ist sie in Match Nummer 1006 bei Sieg Nummer 656 angelangt. Dass sie diesen Erfolg auf völlig banale Weise zelebrierte, darf man als gutes Zeichen für sie werten. Kurz blies sie die Backen auf, wie die Fernsehkamera einfing, ansonsten: kaum eine Regung. Nur ihre Augen sprachen. Sie blickte cool, ja verschmitzt ihrer Gegnerin beim Handschlag entgegen. Souveränität strahlte sie aus, fast schon lässige Selbstverständlichkeit. Arbeit getan, danke, nächste Runde bitte.

Die kriegt Kerber jetzt, an diesem Donnerstag ein Viertelfinalduell also, Paula Badosa wird versuchen, sie zu stoppen. Die Spanierin ist mit Mitte 20 eine verlässliche Top-30-Spielerin geworden, genau jene Kragenweite, vor der sich die Kerber von 2019 und 2020 auf dem Platz gerne fürchtete. Weil die dreimalige Grand-Slam-Gewinnerin und frühere Nummer eins der Weltrangliste zu oft gegen genau jene Spezies verlor. Und manchmal gar auch gegen solche, die noch viel weiter hinten in der Weltrangliste geführt wurden wie Badosa nun (27.). Kerber litt maßgeblich darunter, dass sie Verletzungen lange mit sich herumschleppte, ihr energiegeladener Kampfstil hängt stark von ihrer physischen Verfassung ab.

Ihr Stil jetzt: defensiv zäh, aber aggressiver in den Ballwechseln

Tausendmal in die Ecken zu sprinten, setzt eben hundertprozentige Fitness voraus, die die drahtige Kerber wieder besitzt. 2021 dokumentiert so gesehen ein Wendejahr für sie, und das hat nicht nur damit zu tun, dass sie sich in Wimbledon bis ins Halbfinale kämpfte und jetzt als Ranking-15. langsam Tuchfühlung zu den Top Ten aufnimmt. Auch die Art, wie sie agiert, ist wieder anders. Sie ist eine Mischung aus Vintage-Angie und moderner Kerber. Defensiv zäh, aber aggressiver in den Ballwechseln. Der Weg dahin war freilich lang und mühsam, und ganz sicher dürfte ihr Trainer Torben Beltz geduldig manchen Vortrag gehalten haben.

Der Verlauf ihrer Saison 2021 ist indes mal wieder bezeichnend für ihre Karriere, die immer auch Abstürze und dann wieder Aufstiege beinhaltete. Natürlich besteht die Neuigkeit in Indian Wells nicht darin, dass Kerber just dieser Tage zu bestechender Form findet. Ihr Hoch dauert schon länger an. Mit Beginn der Rasensaison, als sie ihr eigenes Turnier (ihr Manager verantwortet es) in Bad Homburg gewann, begann ja diese Spirale: Sie war gesund, wurde fitter, sie siegte, wirkte gelöster, fand wieder mehr Gefallen an ihrem Beruf, siegte. Nun aber, an der US-Westküste, und das ist die Nachricht, beweist sie auch, dass ihr Grundniveau stabil hoch ist. Gegnerinnen, die sie zwingend besiegen sollte, besiegt sie in der Regel.

Die Erwartungen herunterdimmen, das kann Kerber immer noch gut

Katerina Siniakova (Tschechien) und Darja Kassatkina (Russland) in den ersten Runden hielten dagegen, es ging jeweils in den dritten Satz. Doch Kerber ist wieder die Zähe, die sich bis zum Schluss wehrt. Auch wenn das gelegentliche Rumjammern wohl nie ganz aus ihr verschwinden wird. So ist sie eben. Nur einen Ausrutscher leistete sie sich seit dem Sommer, in Ostrava gegen die Schweizerin Jil Teichmann kurz nach den US Open. Ansonsten unterlag sie zuvor zweimal nur der Weltranglisten-Ersten Ashleigh Barty (Wimbledon, Cincinnati) sowie der aufstrebenden Leylah Fernandez dann in New York.

"Für mich ist es wichtig, wieder gutes Tennis zu spielen und den Spaß auf dem Platz zu haben", dieses altbekannte Mantra verkündete Kerber in Indian Wells nach ihrem Sieg gegen Tomljanovic. Sie befindet sich nun in einer Rolle, die ihr extrem behagt. Sie ist ein bisschen Favoritin auf den Titel, aber nicht ganz, zumindest kann sie immer noch geschickt die Erwartungen herunterdimmen. "Ich glaube, am Anfang des Turniers war ich nicht die Topfavoritin, und ich denke auch weiter nicht daran, dass ich hier die Topfavoritin des Turniers bin", sagte die an Position zehn gesetzte Kerber der Deutschen Presse-Agentur. "Für mich ist wichtig, dass ich weiter konsequent meine Dinge mache und mich weiter auf die nächste Runde konzentriere."

Ihre Anstrengungen könnten sich auch noch auf andere Art lohnen. Kerber könnte sich sogar noch im letzten Moment für die WTA Finals, das Saisonabschlussturnier in Guadalajara, Mexiko, qualifizieren, die im November stattfinden. Aber auch bei diesem Thema mauert sie in oft bewährter Manier. "Die Finals sind weiterhin weit, weit weg. Wenn ich es schaffe, schaffe ich es - aber dafür muss ich noch gut spielen." Eine Kerber, die aus der Deckung heraus agiert, war noch immer die gefährlichste.

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