bedeckt München 20°
vgwortpixel

Tennis in Wimbledon:Mehr als nur Zauberbälle und Rastas

Wimbledon

Dustin Brown spielt Tennis so wie er aussieht: Mit ungewöhnlichen Mitteln.

(Foto: REUTERS)
  • In Wimbledon steht der Deutsche Dustin Brown heute gegen Andy Murray vor einer großen Aufgabe.
  • Mit seinem unorthodoxen Stil hat der Rastaträger schon einige überrascht.
  • Seine Geschichte ist ohnehin erstaunlich: Vor Jahren wohnte er in einem VW-Bus.

Blood. Sweat. Respect. Diese drei Wörter stehen in dicken Lettern auf dem T-Shirt, das Dustin Brown überstreift, als er nach seinem Erstrundensieg in Wimbledon zur Pressekonferenz erscheint. Es ist eine Botschaft an sich und die Welt da draußen. Blut und Schweiß will er an diesem Mittwoch (ab 15.30h im SZ-Liveticker) auf dem Platz lassen, wenn er gegen den Weltranglistenersten und Titelverteidiger Andy Murray auf dem größten Court des All England Tennis Lawn & Croquet Clubs antreten darf. Den Respekt des britischen Publikums, das natürlich den Schotten Murray anfeuern wird, muss sich der deutsche Tennisspieler erst noch verdienen.

Wimbledon Kerber poliert deutsche Bilanz auf
Tennis Wimbledon

Kerber poliert deutsche Bilanz auf

Zum Wimbledon-Start schieden reihenweise Deutsche aus - jetzt läuft es besser: Neben Angelique Kerber erreichen drei weitere Tennisprofis die nächste Runde.

Es ist nicht sein erstes Match auf dem Centre Court, den viele ob der langen Tradition ehrfürchtig "Heiligen Rasen" nennen. Vor zwei Jahren verließ Brown die Kathedrale des Tennissports als Sieger, als Sieger gegen Rafael Nadal. "Das war wohl mein bestes Spiel, das ich je gespielt habe", erinnert sich Brown an die Zweitrunden-Partie. "Es war ein sehr guter Tag im Büro", schiebt der 32-Jährige noch lächelnd nach: "Alles lief perfekt."

Einen perfekten Tag wird der Weltranglisten-97. aus Winsen an der Aller auch gegen Murray benötigen. Sein Trainer Patrice Hopfe traut seinem Spieler einen neuerlichen Coup zu. "Er ist nicht chancenlos, wenn es ihm gelingt, Murrays Spiel zu zerstören." Anschauungsunterricht für den Matchplan hat er dabei bei einem anderen deutschen Profi gefunden, der Murray zu Beginn des Jahres bei den Australian Open auf wundersame Weise im Achtelfinale besiegen konnte. Mischa Zverev habe vorgemacht, wie man gegen ihn spielen muss, hebt Hopfe hervor: "Attackieren ist der richtige Weg."

Ähnlich wie Zverev bevorzugt auch Brown einen vermeintlich aus der Zeit gefallenen Stil, der sich abhebt von den anderen Kontrahenten im modernen Tennis, die vor allem an der Grundlinie kleben: das Serve-and-Volley, die Attacke direkt nach dem Aufschlag. "So spiele ich Tennis", sagt Brown über seinen unorthodoxen Stil. Er rennt nach dem eigenen Service gerne ans Netz - und zwar nicht aus Showgründen, sondern um seine Stärken auszuspielen. "Wenn das den Leuten gefällt, ist das nett, aber nichts worüber ich nachdenke, wenn ich auf den Court gehe", sagt Brown.

Der Sohn eines Jamaikaners und einer Deutschen ist ein Spieler, der im gleichförmigen Tennissport nicht nur wegen seinen langen Dread-Locks seine Unangepasstheit pflegt. In der Pressekonferenz in Wimbledon nach seinem Viersatzsieg gegen den Portugiesen João Sousa trug er am Mittelfinger seiner rechten Schlaghand einen schwarzen Totenkopfring, den man sonst eher von Rockbandtypen kennt, seine Rastas bändigte er mit einer schwarzen Wollmütze. Brown kleidet sich nicht nur anders, er spielt auch anders, er spielt für sein Leben gerne Stoppbälle und schiebt die Vorhand bisweilen nur mit geringer Geschwindigkeit als Slice übers Netz.

Boris Becker Unternehmer fordert Millionen von Becker - trotz Prozessniederlage
Ehemaliger Tennisstar

Unternehmer fordert Millionen von Becker - trotz Prozessniederlage

Der frühere Tennisstar habe Zahlungsfristen "wiederholt nicht eingehalten", lässt Hans-Dieter Cleven mitteilen. Was er nicht erwähnt: Ein Schweizer Gericht hat die Klage in erster Instanz abgewiesen.   Von René Hofmann, Hans Leyendecker und Klaus Ott

Man darf Brown aber nicht auf seine Kunstschläge reduzieren, auf die Zauberbälle und Hechteinlagen, die andere nur im Training zeigen, wenn es um nichts geht. Seine Schläge finden sich in keinem Lehrbuch, technisch sieht das nicht besonders konform aus, aber dafür ist er mit Ballgefühl auf Kunstniveau gesegnet. "Er hat sich aber auch in seinen Grundschlägen enorm verbessert und in Gstaad auf Sand im vergangenen Jahr das Halbfinale erreicht", hebt sein Trainer Hopfe hervor.

Browns Entwicklung hin zu einem Spieler, der es im vergangenen Jahr bis auf Rang 64 der Weltrangliste schaffte, hat länger gedauert als bei anderen. Er hat als Kind nie eine spezielle Verbandsförderung genossen, weil er mit elf Jahren seinem Vater nach Montego Bay auf Jamaica folgte, ehe die beiden sieben Jahre später nach Winsen zurückkehrten.