Tennis "Ich war wie auf einer Mission"

  • Angelique Kerber spricht bei einem Auftritt in Stuttgart über ihren Wimbledon-Triumph.
  • "Es geht nicht um die Rangliste", sagte Kerber, "für mich geht es um diese Momente auf dem Center Court."
Von Gerald Kleffmann

Als Boris Becker seinerzeit im Juli nach seiner Reise aus England nach Deutschland zurückkehrte, wurde er in Leimen von Tausenden Menschen empfangen. Er wurde im offenen Jeep durch die Straßen im Schritttempo chauffiert, er winkte stehend im lässigen Hemd, wie Coach Günther Bosch neben ihm. Becker trug sich in Bücher ein, wurde geehrt. Politiker drückten ihn. Er war beim Papst.

Als Angelique Kerber an diesem Dienstagmittag erstmals wieder deutschen Boden betrat und sich ins Auto begab, stand sie erst einmal im Stuttgarter Stau.

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Für 13 Uhr war Kerbers erste Pressekonferenz hierzulande nach ihrem Coup terminiert. Aber nicht mal die Geschosse ihres Sponsors, der sie selbstverständlich abgeholt hatte, waren jetzt eine Hilfe. Sie haben zwar 400 und mehr PS, aber können noch nicht fliegen. Mit 45 Minuten Verspätung tauchte Kerber dann doch auf im Museum des Automobilherstellers, der das Vorzugsrecht erhielt, den heimischen Medien diese nun noch erfolgreichere Sportlerin präsentieren zu dürfen.

Sie trug ein feines Oberteil, sie lächelte. Sie sah müde aus und stellte einen funkelnden Teller aufs Podest. Später sprach eine Moderatorin des Fernsehsenders Sky, der den Auftritt live übertrug, von einer "Meisterschale". Dies war freilich nicht ganz der passende Begriff. Andererseits überhaupt kein Vorwurf aufgrund der Entlehnung aus dem Fußball. Der Name der Trophäe (Rosewater Dish) war lange für Deutschland völlig irrelevant und zurecht in Vergessenheit geraten. Das letzte Mal hatte vor sage und schreibe 22 Jahren Stefanie Graf aus Brühl in Wimbledon triumphiert - bis sich Kerber am Samstag nach dem Matchball gegen die zurückgekehrte Mutter Serena Williams, 36, in den abgenutzten, an der Grundlinie sandigen Rasen warf.

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Diese Momente seien für sie noch sehr präsent, fing Kerber an zu referieren, sie wusste, sie waren ja erst "drei, vier Tage" her, die aber reichten für ein eigenes Kapitel in ihrer Vita, mit der Überschrift: die Tage danach. "Ich habe so viel erlebt", erzählte sie, und man kann es vorwegnehmen: Es folgte die beste Pressekonferenz, die Kerber seit sehr langer Zeit gegeben hat. Sie sprach frei und flüssig, ohne bei ihr bekannte und abgenutzte Bilder und Phrasen, die während Turnieren für sie Schutzschilder sind, um ohne zu großen Energieverlust diese Pflichtaufgaben zu erledigen. Ihr geht es in dieser Zeit nur um den sportlichen Erfolg. Und jetzt, in Stuttgart, war erkennbar: Tonnenweise Ballast war von ihr abgefallen. Sie war gelöst, wenngleich sie "nicht viel geschlafen" habe. "Ich brauche vielleicht noch ein bisschen Zeit, damit ich wahrnehme, was ich in diesen Wochen geschafft habe."

Diese Einsicht hielt sie dennoch nicht davon ab, schon jetzt aus dem Blickwinkel der Betroffenen realistisch ihre im Tennis weltweit beachtete Leistung zu reflektieren. Dass sie von ihrem Sponsor redete wie von einer neuen Liebe (Stand jetzt ist sie noch Single) war auch eine Pflichtaufgabe, für die sie gut entlohnt wird. Danach aber deckte sie ihre Karten auf. "Ich war in diesen zwei Wochen wie auf einer Mission", bekannte sie. Alles Ablenkende habe sie für sich bewusst abgeblockt, schon vor Längerem hätte sie sich "selber gesagt, dass ich diesen Wimbledonsieg noch will".