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Tennis:Herb, aber herzlich

2020 ATP, Tennis Herren Finals , London Daniil Medvedev , Russia *** 2020 ATP Finals , London Daniil Medvedev , Russia

Ohne Maske sieht man ihn besser: Daniil Medwedew kann lächeln.

(Foto: Paul Zimmer/imago)

Der eigenwillige Daniil Medwedew sichert sich dank seines vielschichtigen Repertoires zum ersten Mal den Titel der ATP Finals.

Von Gerald Kleffmann, London/München

Grigor Dimitrov lag auf dem Bauch an der Grundlinie, im November 2017, als der Bulgare seinen größten Sieg errang. Alexander Zverev wirkte im Jahr darauf wie ein Double, auch der Deutsche wählte die Ich-muss-mich-hinlegen-Variante. Stefanos Tsitsipas kniete vor zwölf Monaten nieder und krümmte sich wie ein Käfer. Fast wirkte es, als verbiete die Tour den Siegern ihrer ATP Finals, sich nicht hinzuwerfen. Daniil Medwedew aber hat nun in London demonstriert, dass sich Tennisprofis freuen dürfen, wie es ihnen gefällt. Der 24-Jährige aus Moskau entschied sich dazu, gar nichts zu tun. Nachdem er den Matchball gegen den Österreicher Dominic Thiem zum 4:6, 7:6 (2), 6:4 verwandelt hatte, trottete er ans Netz - und zog nur eine Schnute. Der neue ATP-Weltmeister ist schon etwas eigen.

Medwedew, zum viertbesten Tennisspieler der Weltrangliste aufgestiegen, hat auch am Tag nach seinem größten Triumph nur unwesentlich ausgelassener gefeiert. Routiniert und immerhin lächelnd ließ er letzte Interviews über sich ergehen, ehe er nach Hause nach Monte Carlo flog mit Frau und Team; er wollte nicht, anders als etwa Zverev, in diesen Pandemie-Zeiten einen Urlaub auf den Malediven verbringen. Fand er nicht passend.

Medwedew ist zweifellos jemand, den man gelegentlich mit Wutausbrüchen in Verbindung bringen kann. Sein Temperament kam ihm bekanntlich öfter in die Quere, unvergessen sein Ausraster vor drei Jahren in Wimbledon, als er dem Schiedsrichter als Zeichen von angeblicher Bestechlichkeit Münzen vor den Stuhl warf. Das war natürlich daneben, aber so sehr er wie aus dem Nichts zum Kontrollverlust neigen kann - wenn auch immer seltener -, so sehr scheint er auch in Ordnung zu sein. Er kann herrlich über sich spotten, schon oft fiel er als tiefgründiger, intelligenter, eloquenter Mann auf. Wenn man ihn wirklich, wie vor Jahren geschehen, als "jungen Wilden" bezeichnen will, muss man ohnehin heute ergänzen: Er ist ein junger verheirateter Wilder. 2018 ehelichte er Daria, die ihn stets zu den Turnieren begleitet.

Das, was Medwedew unter all den Verfolgern von Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer zur vielleicht spannendesten Figur macht, ist seine facettenreiche Persönlichkeit, die sich tatsächlich exakt so in seinem Spiel widerspiegelt. In London hatte er, was noch nie einem Profi gelang, hintereinander die Nummer eins (Djokovic), zwei (Nadal) und drei (Thiem) besiegt; jeder dieser Hochkaräter glänzt mit völlig unterschiedlichen Stärken. Dass Medwedew sich gegen diese erfolgreich behaupten konnte binnen weniger Tage, unterstreicht seine Fähigkeit, sich auf Gegner einzustellen. Er ist wahrlich keiner, der sich nur auf ein, zwei eigene Qualitäten verlässt, das ist sein Vorteil. Er schöpft aus einem vielseitigen Schlagtechnikrepertoire, das zuweilen auch ungewöhnlich aussieht. Seine Aufschlagbewegung startet er, ohne dass sich der Schläger in der rechten Hand und der Ball in der linken Hand kurz zur Stabilisierung der Bewegung berühren; so machen es sonst die Kollegen. Er scheint auch die Bälle fast mehr zu schieben, als dass er sie schlägt, er wirkt wie eine Reminiszenz an den genialen (und leider so oft nervenschwachen) Miloslav Mecir, der die Kunst beherrschte, mit unorthodoxen Konterschlägen und Richtungswechseln Gegner zu entnerven. Da Medwedew 1,98 Meter groß ist, schlank und feingliedrig, hat seine Präsenz fast etwas Untypisches für den Leistungssport. Man könnte ihn sich auch als Pianisten vorstellen.

Dass Medwedew nicht der Profi von der Stange ist, kann manchmal auch Beobachter schwer irritieren. In New York bei den US Open hat ihn das Publikum, das gerne krawallig-kritisch ist wie ein Tribunal, erst verschmäht - und dann lieben gelernt. Medwedew hatte sich erdreistet, ihm entgegengebrachte Pfiffe in einem Match als Motivation für sich selbst zu deuten, was ihm das Publikum wiederum übel nahm. Aber er entschuldigte sich, er lachte über sich, das kam bestens an. Weil die New Yorker sahen: Er mag zwar schon mal herber rüberkommen, aber da hat einer eben auch Herz und Haltung. Und das war in London abermals zu registrieren, im Zuge eines unerfreulichen Themas. Als es um die Vorwürfe häuslicher Gewalt ging, denen sich Alexander Zverev - von einer Ex-Freundin geäußert - ausgesetzt sieht, war Medwedew derjenige, der sich am klarsten ganz allgemein gegen jede Form von Gewalt aussprach. Auch wenn er nichts zum Fall konkret sagen konnte.

Seine Geradlinigkeit ist einer der Gründe, weshalb sich Medwedew derart weiterentwickelt hat, dass er zwangsläufig auf einen Grand-Slam-Sieg zusteuern sollte. Er ist auch ein solider, kontinuierlicher Arbeiter, seit 2017 unterstützt ihn der französische Trainer Gilles Cervara. Mit Jubelarien sollte man indes weiterhin nicht rechnen. Medwedew hat beschlossen, dass er große Titel gewinnen will - "und dann ist es nur meine Sache". Stille Freude passt ja auch gut zu ihm.

© SZ vom 24.11.2020
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