Wenn das Herren 30-Team des TC Großhesselohe am Samstag von 12 Uhr an (Tickets ab zwölf Euro, Kinder unter zwölf haben freien Eintritt) im Jahr des 100-jährigen Vereinsbestehens erstmals um den Titel des deutschen Mannschaftsmeisters in dieser Altersklasse antritt, dann bekommt man es mit einem ganz besonderen Gegner zu tun: mit den Nachfahren eines Klubs, der einst als Interessengemeinschaft einiger tennisbegeisterter Damen des Fernsprechamtes Essen gegründet wurde, im Frühjahr 1928.
Kaum ein Jahrhundert später hat sich der TC Bredeney im Süden Essens zum dominantesten Verein in der deutschen Tennis-Landschaft gemausert. 2023 hat Bredeney die Meistertitel in der Damen- sowie in der Herren-Bundesliga geholt, was es noch nie zuvor gegeben hat. Im vergangenen Jahr machten ihnen die Herren aus Großhesselohe einen Strich durch die Rechnung, die ihrerseits nun das Kunststück vollbringen könnten, innerhalb eines Jahres den nationalen Titel bei den Herren sowie bei den Herren 30 einzustreichen. Soll heißen: Man kann am Samstag wohl mit Fug und Recht von einem Gipfeltreffen in der Pullacher Straße sprechen.
Das Fernsprechamt Essen ist längst Geschichte und von der Telekom abgelöst worden, doch der TC Bredeney ist präsenter denn je: Tabellenführer der Herren-Bundesliga, Meisterschaftszweiter der Damen-Bundesliga. Außerdem reist der Klub nun als ungeschlagener Tabellenführer der Nordstaffel ans Isar-Hochufer. 58:5 Matchpunkte haben die Nordrhein-Westfalen in den sieben Partien gesammelt, Großhesselohes Bilanz in Gruppe Süd lautet 40:23, eine 4:5-Niederlage im Derby gegen Dachau inklusive. Im Vorjahr waren die Münchner mit 6:6 Punkten noch im unteren Mittelfeld gelandet. Bredeney? Stand im Finale, verlor aber gegen den TV Ober-Eschbach – eine Truppe, die man heuer vergeblich in der ersten Liga sucht. Verglüht nach einer sicher kostenintensiven Saison, so wie in den beiden Jahren zuvor der zweifache Herren-30-Meister aus Pfarrkirchen, wo ein tennisverrückter Zahnarzt ehemalige Größen wie Marcos Baghdatis, Nicolas Almagro, Alessandro Giannessi und Steve Darcis einfliegen ließ.
Tommy Haas musste nicht lange überredet werden: Für das Finale schwebt er aus den USA ein
Der Einzige, der beim TC Großhesselohe einfliegt, ist Tommy Haas – das jedoch eher aus privaten Gründen. Schon seit Jahren verbringt die ehemalige Nummer zwei der Welt Teile des Sommers in der Heimat, spielt mit Freunden und Geschäftspartnern aus aller Welt zu Wiesn-Beginn ein fröhliches Gaudi-Turnier beim MTTC Iphitos – und schlägt auch immer wieder gern in der Herren-30-Bundesliga auf, trotz seiner mittlerweile schon 47 Jahre. Heuer musste das Testimonial für die leider vom Aussterben bedrohte einhändige Rückhand gegen den 17 Jahre jüngeren Schweizer Adrian Bodmer in Diensten des Karlsruher ETV eine Niederlage einstecken, 10:12 im Match-Tiebreak. Eigentlich war der Wahl-Amerikaner nur für zwei Heimspiele eingeplant, aber als es nun sogar zum Finaleinzug reichte, musste er nicht lange überredet werden. Gleiches gilt für Matthias Bachinger, der viermal im Einzel antrat (und dreimal gewann) und der, bevor es für den 38-Jährigen womöglich mit Alexander Zverev als Hitting Partner auf die Hardcourts in Kanada und den USA geht, gerne noch diesen Titel mitnehmen würde.
Das Team aus dem Münchner Süden, das im Gegensatz zu Bredeney ohne potenten Großsponsor auskommen muss, spielt im Kern schon seit vielen Jahren zusammen. Zur aktuellen Saison stieß ein Klubmitglied dazu: der Österreicher Philipp Oswald, 39, die ehemalige Nummer 31 der Doppel-Weltrangliste, der im Vorjahr mit der Herren-Mannschaft deutscher Meister geworden war. Seine Bilanz: acht Spiele, sechs Siege. Eifrigste Punktesammler bei Großhesselohe mit je zwölf Siegen: Emanuel Fraitzl und der im Einzel ungeschlagene Mannschaftskapitän Martin Wetzel.
Doch Bredeney wird sich am Samstag wohl als harte Nuss erweisen. Die Meldeliste der Gäste führt der Ägypter Mohamed Safwat an, der mit seinen 34 Jahren immer noch auf der Profi-Tour unterwegs ist. Dahinter an Position zwei: der Niederländer Igor Sijsling, 37, dessen 52. Platz in der Weltrangliste elf Jahre her ist und der erst vor zwei Jahren sein letztes Profi-Match bestritten hat. Auch bezeichnend: Der ehemalige Top-Ten-Spieler Jürgen Melzer (Österreich) taucht trotz seiner drei Grand-Slam-Siege (zwei im Doppel, einer im Mixed) erst an Position 15 der Bredeneyer Meldeliste auf. Egal, viel Feind, viel Ehr werden sich die Gastgeber frei nach Georg von Frundsberg denken und versuchen, den ehemaligen „Fräulein vom Amt“ ein wenig die Leitung zu stören.
