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Tennis:Geduldsspiel 

Titelverteidigung vertagt: Kevin Krawietz (links) und Andreas Mies, die vor einem Jahr den Doppel-Wettbewerb der French Open gewannen.

(Foto: Philippe Lopez/AFP)

Der Deutsche Tennis Bund bietet seinen Profis Matchpraxis im Turnierbetrieb - in Neuss dürfen sogar die ersten hundert Zuschauer auf die Tribünen.

Von Barbara Klimke

Geblieben ist dem besten Tennisdoppel weit und breit nur die Telefonverbindung. Das tückische Virus hat Kevin Krawietz und Andreas Mies in ein beachtliches Social Distancing getrieben. Der eine, Krawietz, trainierte wochenlang in München und half zwischendurch im Supermarkt Paletten zu stapeln; der andere, Mies, blieb in Köln und hat als Special-Olympics-Botschafter Volleys per Webcam unterrichtet. 570 Kilometer liegen zwischen den Partnern, die vor einem Jahr in Paris ohne Mindestabstand dem Ball nachjagten und sich im Triumph, Seite an Seite, rücklings in die rote Asche fallen ließen.

"Schade. Aber nicht zu ändern", sagt Kevin Krawietz zum Jubiläum ihres French-Open-Siegs, der deshalb so außergewöhnlich war, weil 82 Jahre lang kein deutsches Duo mehr diesen Silberpokal erobert hatte. Die Titelverteidigung ist bis auf weiteres verschoben, noch ruht der internationale Turnierbetrieb. Aber Nostalgie, glaubt Krawietz, hilft derzeit nicht weiter. Und so hat er die erste Gelegenheit ergriffen, aus dem Stillstand zurück in den Wettkampfmodus zu finden. Nicht im Doppel, sondern als Einzelspieler. Der Weg führt auch nicht in den Pariser Bois de Boulogne oder in andere Weltstadtidyllen, die zu den festen Reisezielen auf der Tennistour zählen. Sondern zum TC Großhesselohe im Münchner Isartal. Das hat den Vorteil, dass er zum ersten Match an diesem Dienstag vom heimischen Frühstückstisch anreisen kann.

Für Spieler wie Krawietz, die es schätzen, "wieder einen Schläger in der Hand zu halten, aber leider ohne Ziel spielen müssen", hat der Deutschen Tennis Bund (DTB) nun eine ungewöhnliche Turnierserie ins Leben gerufen. Gespielt wird sieben Wochen lang, in Männer- und Frauen-Wettbewerben, an elf Standorten von Überlingen am Bodensee bis Hannover. Als Veranstalter haben sich Vereine angeboten, die sonst Bundesliga-Duelle oder Wettkämpfe der ITF- und Challenger-Serie ausrichten, deren Veranstaltungen aber wegen der Corona-Epidemie ausfallen mussten, erläutert Mirco Westphal, der Chefkoordinator für Leistungssport und Events im DTB. Die Klubs können die DTB-Serie als Ausgleich nutzen, auch um Sponsoren zu präsentieren. Zugleich versetzt die Regionalisierung der Wettkämpfe den DTB in die glückliche Lage, "dass wir in diesen Ausnahmezeiten die Spieler nicht durch ganz Deutschland jagen müssen", wie Westphal sagt: "Einige können tatsächlich zuhause wohnen."

Der Modus sieht für die gemeldeten 32 Spieler und 24 Spielerinnen vor, dass sie in Vierergruppen an jedem Standort zunächst jeweils gegeneinander antreten und sich, zeitlich versetzt, über Vor- und Zwischenrunden bis ins Finale im Juli durchschlagen. Man könnte sicher schneller einen Sieger bestimmen, aber das ist nicht das Ziel. Denn das mit 350 000 Euro dotierte Verbandsturnier fungiert auch als Geduldsspiel mit Filzbällen, um den zum Training verdammten Spielern zu helfen, über die stade Zeit zu kommen. Laut Westphal verfolgt die Serie einen Doppelzweck: "Sie soll Matchpraxis bieten und dem Verdienstausfall der Spieler entgegenwirken." Denn viele bezahlen ihre Trainer weiter. Alle DTB-Profis in den Ranglisten wurden deshalb angeschrieben, dazu die besten Juniorenspieler. Von den über einhundert Turnier-Bewerbern konnten nur 56 berücksichtigt werden. Mancher wie der Doppelspezialist Krawietz rutschte über eine Wildcard ins Feld; Mies hat sich übrigens gegen den Solo-Auftritt entschieden.

Und so werden sich zumindest einige Profis nun wieder die gelben Bälle um die Ohren fliegen lassen - mit Schmackes und gebührendem Abstand über das Netz hinweg. Tennis ist zwar keine Kontaktsportart, sagt Westphal. Die Infektionsschutzrichtlinien seien gleichwohl an allen Standorten einzuhalten, wie mit den Behörden abgesprochen, und das heißt: ohne Linienrichter, ohne Handschlag am Netz. Und weitgehend ohne Publikum.

Die Ausnahme ist Neuss. Denn dort, am Niederrhein, wo an diesem Dienstag ebenfalls der Wettkampf beginnt, dürfen tatsächlich schon wieder leibhaftige Zuschauer den Ballflug bestaunen. Wenngleich in streng limitierter Zahl. Das Land Nordrhein-Westfalen, so berichtet Bernhard Rüsing, der Geschäftsführer von Blau-Weiss Neuss, erlaube "100 Personen auf der Anlage, unter Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen". Der Klub hat Tickets deshalb online verkauft, um Schlangen an der Kasse zu vermeiden, Desinfektionsmittelspender aufgestellt, Sitzplätze mit Mindestabstand markiert und das Gelände "zoniert", wie Rüsing sagt: "Die Laufwege sind mit Pfeilen ausgewiesen." Der Klub ist sich bewusst, dass er in Deutschland gewissermaßen "ein Pilotprojekt" durchführt und agiert entsprechend vorsichtig. So geht der Publikumssport Tennis also wieder los: mit Krawietz, ohne Mies. Und mit Mundschutz in Neuss.

© SZ vom 09.06.2020

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