Tennis:Der große Andy Murray schickt ein Herz

2021 French Open - Day Nine

Und zack! Iga Swiatek schießt aus der Hüfte schneller als John Wayne früher.

(Foto: Julian Finney/Getty)

Iga Swiatek, die Überraschungssiegerin von 2020, überzeugt erneut bei den French Open - und steht für ein neues, variantenreiches Frauentennis.

Von Gerald Kleffmann

Iga Swiatek beherrscht das Spiel, klar, sie ist 20 und eine junge Frau der Generation Internet. Also: Handy an, Name eingeben, Treffer scannen und: kommentieren! Am Montag, spät in der Nacht, las sie eine besondere Botschaft: "Love watching @iga_swiatek", dahinter ein rotes Herz. Der große Andy Murray, nicht nur eine Instanz im Welttennis, sondern auch einer der leidenschaftlichsten Förderer des Frauentennis, hatte sich gemeldet, bei Twitter. Andy Roddick, früher einer der besten Tennisprofis, erwiderte daraufhin: "Stimme zu. Sie ist wunderbar." Swiatek? Vollendete den Austausch mit einem ergebenen Dank an beide. Zwei Stunden später, nach Mitternacht, fiel ihr noch ein: "Danke Sir Andy! Hättest du zufällig mal Zeit für ein Training? Ich muss dringend meine Rasen-Fähigkeiten verbessern." Dahinter das Emoji eines Affen, der sich verschämt die Augen zu hält.

Ein Spaß, das alles. Aber natürlich erzählt er auch eine Menge über die junge Polin, die bei diesen French Open tatsächlich zu ihrem zweiten Coup ansetzt. Im Viertelfinale ist sie bereits wieder auf souveräne Art angelangt, am Montagabend gewann sie, Jahres-übergreifend in Paris, die Sätze 21 und 22 in Serie, beim 6:3, 6:4 gegen die 18-jährige Ukrainerin Marta Kostjuk. Es sieht wirklich so aus, als führte der Weg zum Titel nur über Swiatek, Nummer acht der Welt, Titelverteidigerin und Interpretin eines neuen, aggressiven, variantenreichen Stils. "Nach all den Siegen dachte ich, es wird viel, viel schwerer", sagte sie zu Recht selbstbewusst bei der Pressekonferenz, "aber ich fühle mich bereit."

Das darf sie auch. Swiatek hat die Transformation von der nahezu unbekannten Außenseiterin hin zur beachteten Favoritin geschafft. Sie ist sogar in einem wild durcheinander gewirbelten Frauentableau die Konstante. Sie ist ja die einzige Top-Ten-Spielern, die noch um dem Sieg beim wichtigsten Sandplatzturnier kämpft - und nun Favoritin gegen die Griechin Maria Sakkari in der Runde der letzten Acht.

Kopfarbeit sei so wichtig wie Vorhand und Rückhand zu üben, sagt die Sportpsychologin von Iga Swiatek

Swiatek lebt vor, wohin sich das Frauentennis entwickelt, sie ist bestens ausgebildet, fit, professionell betreut, in allen Bereichen. Vielleicht wäre es nicht zu dem Drama um Naomi Osaka gekommen, hätte sich die Japanerin etwa auch mentale Hilfe ins Team geholt. Die frühere Seglerin Daria Abramovicz, die viele Spitzenathleten in Polen betreut, war bereits im Herbst an Swiateks Seite, Kopfarbeit sei so relevant wie Vorhand und Aufschlag zu üben, so sehen sie das. Im SZ-Interview hatte die Sportpsychologin einmal erzählt, wie wissbegierig überhaupt Swiatek sei und jede Chance auf Verbesserung ausschöpfen wolle.

Einmal mit Andy Murray, dem zweimaligen Wimbledonsieger, auf Rasen zu trainieren, ist daher kein PR-Gag für sie. Da hat Swiatek gleich einen Lehrmeister erkannt, der viel weiß. Ganz pragmatisch und eigennützig war ihre Frage. Zudem: Frechheit siegt eben, so hat sie direkt gefragt (mit ihrem Idol Rafael Nadal konnte sie Paris ja schon ein paar Bälle schlagen). Dass sie Mut genug besitzt, nicht nur für solche Aktionen, wusste die Tenniswelt längst. Dazu muss man sie nur spielen sehen. Ihre Grundlinienschläge zucken oft so schnell, als würde sie eine Fliegenklatsche schwingen. Und zack! Erwischt! Sie stresst ihre Gegnerinnen mit Rhythmuswechseln, lang, kurz, cross, longline, plötzlich ein Stopp. Die tapfere Kostjuk schaute schon mal genervt. Das rote Herz von Murray, dem Tennis-Aficionado, hat seine Berechtigung.

Tennis: Gereift: Coco Gauff ist zwar erst 17, hat aber schon viel Erfahrung - und nun neue Schubkraft entwickelt. Erstmals steht die Amerikanerin im Viertelfinale eines Grand Slams.

Gereift: Coco Gauff ist zwar erst 17, hat aber schon viel Erfahrung - und nun neue Schubkraft entwickelt. Erstmals steht die Amerikanerin im Viertelfinale eines Grand Slams.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Im Endspurt des Turniers ist Swiatek zweifellos die prominenteste Akteurin, doch auch ohne große andere Namen ist der Einzelwettbewerb hochinteressant. Zum einen ist eine Weiterentwicklung des Frauentennis erkennbar, Kreativität erlebt eine Renaissance, das Positionsspiel verändert sich, viele stehen näher an der Grundlinie, was das Tempo beschleunigt. Zum anderen haben sich Spielerinnen durchgebissen, die jede auf ihre Art Lasten tragen und Widerständen trotzten. Barbora Krejcikova bekannte nach ihrem 6:2, 6:0-Achtelfinalsieg, dass sie sich vor dem Match im Physio-Raum zurückgezogen und ihre Psychologin angerufen hatte. "Es war einfach die Angst zu versagen, keine Chance zu haben gegen Sloane Stephens", bekannte die 25-Jährige. Sie bezwang den Dämonen.

Im Viertelfinale trifft sie auf Cori Gauff. Die 17-Jährige wuchs mit dem Attribut des Wunderkindes auf, hat nach ihrem rasanten Aufstieg - 2019 gewann sie das WTA-Turnier in Linz - und einer leichten Stagnation neue Schubkraft entwickelt. Ihrem Talent hat sie unbändigen Kampfgeist hinzugefügt. Schon vor Paris siegte sie in Parma. Ihr Glück auch: Sie hat in Vater Corey einen umsichtigen Kümmerer an der Seite, neben Patrick Mouratoglou, dem Trainer von Serena Williams, der auch sie coacht. Gauffs Spiel ist gereift, und doch hat sie sich auch ihre Unbekümmertheit bewahrt. Beim Uno-Kartenzocken gegen die Eltern führt sie bislang jedenfalls hoch, tat sie dieser Tage vergnügt kund.

In ihrem ersten Grand-Slam-Halbfinale wiederum ist bereits Tamara Zidansek, 25, angelangt, nach einem 7:5, 4:6, 8:6-Zitter-Erfolg am Dienstag gegen die Spanierin Paula Badosa, 23. Noch nie kam eine Slowenin so weit, schon nach dem Achtelfinale hatte sie erzählt, wie sie mit Nachrichten aus der Heimat überhäuft werde. Plötzlich ist sie Botschafterin eines ganzen Landes mit zwei Millionen Einwohnern. Auch Zidansek übrigens arbeitet mit einem Mental-Coach. Es hat sich gelohnt. Noch nie stand sie zuvor in der dritten Runde eines Grand Slams. Und auch Anastasia Pawljutschenkowa, 29, erlebt eine Premiere. Nach dem 6:7 (2), 6:2, 9:7 gegen die Kasachin Jelena Rybakina, 21, ist die Russin erstmals im Semifinale. Murray übrigens hat sich am Abend noch gemeldet und meinte bei Twitter, Swiatek könne "jederzeit" mit ihm spielen. Sie möge nur vorsichtig mit ihm sein - "ich bin ein bisschen alt und zerbrechlich jetzt". Der Schotte weiß eben, was Frauenpower ist.

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