Das Stadion hatte sich schon geleert, als sich Alexander Zverev, den Pokal auf dem Knie, mit seinem Vater und Trainer, mit Bruder, Mutter, Oma, Physiotherapeut, Sparringspartnern, Assistenten und bestem Freund den Fotografen stellte. Auch drei Hunde, samt Dackel Mishka, mussten mit aufs Bild. Und doch war es weniger ein Familienfoto als ein Abbild einer geschäftlichen Erfolgsgemeinschaft: „Wir sind endlich Grand-Slam-Sieger“, rief Zverev seinem Anhang nach dem Matchball zu.
Dass Alexander Zverev, Tennis-Olympiasieger, ATP-Weltmeister, seit Jahren in der Weltelite angesiedelt und mit fantastischem Talent gesegnet, über alle Voraussetzungen verfügte, die ihn auch zu einem Grand-Slam-Sieg befähigen, hätte nie jemand ernsthaft bezweifelt. Das Außergewöhnliche an seinem Triumph auf der Terre Battue ist nicht, dass er ihm endlich gelungen ist. Sondern dass er so spät in der Karriere möglich wurde, ohne dass er sein gewohntes Umfeld auch nur einen Fußbreit verließ.
In den vergangenen Jahren, als sich der Sehnsuchtserfolg nicht einstellen wollte, hatte es nicht an Ratgebern gemangelt, die ihm einen Neuanfang nahelegten. Nach den Finalniederlagen 2020 bei den US Open, 2024 in Paris und 2025 in Melbourne gab es nicht wenige Experten und wohlmeinende Wegbegleiter, die ihm einen Trainerwechsel empfahlen, ihn zum Ausstieg aus familiärer Monotonie und letztlich zur Nestflucht mahnten. Vorbilder für einen solchen Routinebruch gibt es genug: Ein Grund der Dauerbrillanz des 24-maligen Grand-Slam-Siegers Novak Djokovic liegt etwa darin, dass er es meisterhaft versteht, sich regelmäßig äußerliche Reize zu setzen – samt Austauschs seines gesamten Trainerstabs. Ein solches Vorgehen folgt dem Gedanken, dass radikaler Wandel möglich ist, wenn ein Akteur das System, das den Kern umgibt, zertrümmert und erneuert. Zverev tat das Gegenteil: Er hielt fest am System – und erneuerte den Kern.
Im Alter von 29 Jahren hat er seine Spielweise grundlegend geändert: In brenzligen Lagen verschanzt er sich nicht mehr mit einem Arsenal von Defensivschlägen hinter der Grundlinie. Er ergreift die Initiative, geht ins Risiko. Das entspricht weniger einem Strategie- als einem Sinneswandel. Zverev hatte das Pech, in einer Tennisgeneration aufzuwachsen, die von dem Triumvirat der Seriensieger Federer, Nadal und Djokovic geprägt wurde; folglich hatte er – wie der Rest seines Jahrgangs – in den entscheidenden Matches der Grand-Slam-Turniere nie das Gewinnen, sondern nur das aufrechte Verlieren gelernt. Jetzt setzt er alles aufs Spiel, weil er tatsächlich daran glaubt, dass er durchkommen kann.
Auch ist er erkennbar geduldiger und ruhiger geworden auf dem Platz. Die Phase des Schlägerzertrümmerns hat er hinter sich gelassen. Der letzte dokumentierte Rumpelstilzchenauftritt datiert vom Februar 2022, als er in Acapulco sein Racket auf den Schiedsrichterstuhl drosch und vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde. Danach ist er, wie er vor zwei Jahren sagte, durch einen Läuterungsprozess gegangen, der zu Selbstreflexion und Einsicht führte.
Wie weit der Sinneswandel in Zusammenhang steht mit dem Vorwurf, den eine ehemalige Lebensgefährtin gegen ihn erhoben hatte, ist für Außenstehende nicht zu beantworten. Zverev hat die Anschuldigungen stets bestritten, ein Strafverfahren stellte das Amtsgericht Berlin gegen eine Geldauflage 2024 ein.
Was hinter ihm liegt, sind Höhen wie Tiefen. „Wir haben gemeinsam viel durchgemacht“, sagte er zu Familie und Freunden, seinem engsten Kreis, als das Bild entstand, das den Triumph erklärt.


