Zverev bei den French OpenDen Wunderjungen entzaubert

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Starke Leistung gegen einen starken Spieler: Alexander Zverev kann weiter auf einen Grand-Slam-Sieg hoffen.
Starke Leistung gegen einen starken Spieler: Alexander Zverev kann weiter auf einen Grand-Slam-Sieg hoffen. Clive Brunskill/Getty Images

Alexander Zverev gewinnt ein intensives, hochklassiges Viertelfinale gegen den Spanier Carlos Alcaraz und kämpft wie 2021 um den Endspiel-Einzug beim wichtigsten Sandplatzturnier der Welt - im Halbfinale wartet eine Riesenaufgabe.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Ein letztes Mal musste Alexander Zverev sein Aufschlagspiel durchbringen. Nur einmal noch. Dann stünde er im Halbfinale der French Open. Ganz vorzüglich hatte er bis dahin gespielt, er führte 6:4, 6:4, 4:6 und 5:4. Gerade hatte er das Break geschafft. Er schlug zum Matchgewinn auf. Doch just in diesem Moment spielte er zu passiv, sein Gegner nicht. 5:5. Eine knifflige Phase war das jetzt, denn wenn eine Partie, die schon fast gewonnen zu sein scheint, einem entgleitet, können sich Zweifel breitmachen.

Aber nicht bei Zverev, nicht an diesem Dienstag bei den French Open.

Der 25 Jahre alte deutsche Tennisprofi, die Nummer drei der Weltrangliste, hat einfach so bemerkenswert konzentriert, fehlerarm und doch auch offensiv weitergespielt, wie bis zu diesem Augenblick. So still, so leise, so kontrolliert ist Zverev ja nicht immer aufgetreten in seiner Karriere, aber in diesem Viertelfinale von Roland Garros tat er es. Der vierte Satz wurde im Tie-Break entschieden, und es blieb eng, bis zum Ende. Einen Satzball hatte gar noch der Gegner. Doch Zverev setzte sich durch in diesem exzellenten Duell, der zweite Matchball saß: Nach dem 6:4, 6:4, 4:6, 7:6 (7)-Erfolg hat er zum zweiten Mal hintereinander die Runde der letzten vier erreicht.

French Open
:Zverev erreicht das Halbfinale

Alexander Zverev setzt sich in einem hochklassigen Match 6:4, 6:4, 4:6, 7:6 nach 3:18 Stunden gegen den Spanier Carlos Alcaraz durch.

Das Match im Liveticker

Nicht so schlecht, bedenkt man, dass er in der zweiten Runde einen Matchball gegen sich gehabt hatte, in der Partie gegen den Argentinier Sebastian Baez. Und dass am Dienstag dieser Carlos Alcaraz sein Kontrahent war. Der 19-Jährige aus El Palmar bei Murcia wird schon mal als Wunderjunge bezeichnet, was angesichts seines rasanten Aufstiegs in dieser Saison durchaus stimmt.

Vor dem Duell mit Alcaraz hat Zverev darüber geklagt, zu oft in der zweitgrößten Arena gespielt haben zu müssen

In der Partie hatte Alcaraz gleich im ersten Aufschlagspiel Zverevs einen Breakball bei dessen Aufschlag. Die Chance zum 2:0 ließ er aus, und so war es Zverev, der sich als Erster einen Vorteil sicherte. Er nahm Alcaraz dessen Aufschlagspiel ab, zum 3:2. Auf diesem Niveau kann das schon einen verlorenen Satz bedeuten. Und tatsächlich, Zverev zeigte sich deutlich stabiler als noch im Achtelfinale gegen den Spanier Bernabe Zapata Miralles, als ihm 64 unerzwungene Fehler unterlaufen waren und er es unnötig knapp gegen den Weltranglisten-131. machte.

Sein Markenzeichen: Carlos Alcaraz bei einer seiner wuchtigen Vorhände.
Sein Markenzeichen: Carlos Alcaraz bei einer seiner wuchtigen Vorhände. Thomas Samson/AFP

Der frühere Manager von Zverev, Patricio Apey, mit dem er sich im Streit getrennt hatte, hatte ihn mal gut beschrieben, als er meinte, Zverev sei quasi in großen Stadien aufgewachsen, diese Bühnen seien sein natürliches Refugium. Vor dem Duell mit Alcaraz hatte Zverev ja ein bisschen darüber geklagt, dass er zu oft in der zweitgrößten Arena, dem Court Suzanne Lenglen, hatte spielen müssen, nämlich dreimal auf dem Weg bis ins Viertelfinale. Das Match am Dienstag gegen Alcaraz fand im Court Philippe Chatrier statt, vor 15 000 Zuschauern, und es war wirklich erstaunlich, wie Zverev an diesem Ort sofort sein Niveau anhob.

Nur sieben leichte Fehler unterliefen ihm im ersten Satz, den er scheinbar emotionsfrei wie ein Sachbearbeiter mit 6:4 gewann. Im zweiten Satz waren es auch nur acht Fehler, wichtiger: Er hatte auch Struktur im Spiel, womit er etwa gegen Zapata Miralles nicht wirklich geglänzt hatte. Alcaraz wiederum fremdelte irgendwie mit der Situation, erstmals nach zwei Nachtmatches nun bei immerhin angenehmerer Temperatur auf dem Center Court zu agieren.

Er machte Fehler, die er zuvor selten gemacht hatte. Vor allem: Er zeigte negative Gesten, haderte, einmal tippte er kurz den Schläger auf den Boden, aus Enttäuschung. Zverev, so sagt man im Tennis, war in seinen Kopf hineingekrochen, die Souveränität war ihm sichtbar abhanden gekommen. Im zweiten Satz glückte Zverev das Break zum 5:3. Es reichte, solide zu spielen. Auch in diesem Durchgang hielt er seinen Aufschlag, 6:4.

Je länger das Match dauert, desto besser wird die Qualität

Für Alcaraz gab es nur noch einen Ausweg: Er musste drei Sätze in Serie gewinnen. Dazu musste er sich steigern und hoffen, dass Zverev vielleicht mal wackelt. Aber der tat ihm nicht den Gefallen, im Gegenteil. Alcaraz blieb der fragilere Akteur der beiden. Einen Breakball hatte Zverev bei 4:4, das war die Chance. Er vergab, plötzlich konterte Alcaraz mutiger, peitschte sich mit Gesten auf und sicherte Satz drei mit 6:4.

Die Partie blieb von Anspannung geprägt, die Bedeutung war beiden anzumerken. Die Qualität nahm indes deutlich zu, weil beide nun derart fokussiert waren. Einige Ballwechsel waren spektakulär. Dann kam der vierte Satz. Und Zverev schlug beim zweiten Matchball die beste Rückhand seines Lebens: Sein Return schlug die Linie entlang wie ein Blitz ein. "Ich wusste, dass ich mein bestes Tennis spielen musste", sagte er danach beim kurzen Interview auf dem Platz mit dem früheren Profi Alex Corretja. "Ich bin eigentlich ein guter Talker", sagte Zverev, "aber jetzt bin ich sprachlos."

Der ungewöhnlich fehlerbehaftete Evergreen zwischen Djokovic und Nadal endet morgens um 1.15 Uhr

Als er eine gute Stunde später zur Pressekonferenz erschien, die wie immer im Souterrain des Court Philippe Chatrier abgehalten wurde, hatte er seine Artikulationsfähigkeit aber zum Glück wiedergefunden. Das war auch praktisch, denn zu klären war ja unter anderem, wie er, der gerne Impulsive, es geschafft hatte, so ruhig die ganze Zeit im Match bleiben. Der Qualität seines Spiels tat das ja zu offensichtlich gut. "Ich wusste, dass es ein sehr langes und sehr physisches Match werden würde", erklärte Zverev, "ich durfte nicht zu viele Emotionen zeigen, weil sie dich auch müde machen. Das saugt Energie aus dir. Deshalb musste ich ruhig bleiben." Sicher hatte ihn sein neuer Trainer, der listige Spanier Sergi Bruguera, der in Paris zweimal triumphiert hatte, zu dieser Herangehensweise animiert. Vielleicht sollte er mal öfter den Schweiger geben.

Greift nach seinem 14. Titel in Paris: Rafael Nadal puschte sich zum Sieg im Klassiker gegen Novak Djokovic.
Greift nach seinem 14. Titel in Paris: Rafael Nadal puschte sich zum Sieg im Klassiker gegen Novak Djokovic. Adam Pretty/Getty Images

Erstmals besiegte Zverev nun auch in einem Grand-Slam-Turnier einen Vertreter der Top Ten, das war ihm bislang, ein sehr kurioser Fakt trotz seiner vielen Erfolge, noch nie gelungen. "Ich bin froh, dass mir das gelungen ist", sagte er zu dem Thema, "aber das beschäftigt mich jetzt nicht sehr." Im Halbfinale am Freitag trifft er auf Rekordsieger Rafael Nadal, der im Viertelfinale gegen Novak Djokovic seinen vierten Matchball zum 6:2, 4:6, 6:2, 7:6 (4) nach 252 Minuten um 1.15 Uhr verwandelte. Gegen Nadal im Halbfinale von Paris, das klingt nicht nur nach einer ultimativen Aufgabe, das ist es auch - obwohl der Spanier im seltsamen Klassiker gegen Djokovic ungewöhnlich fehlerhaft agierte. Aber eben weniger fehlerhaft als der Serbe.

"Ich habe Rafa noch nie in einem Major besiegt", sagte Zverev, "hoffentlich kann ich die Leistung von dem Sieg heute wieder so auf den Platz bringen." Sollte er am kommenden Sonntag tatsächlich seinen ersten Grand-Slam-Titel holen, wäre er wirklich den harten Weg ab dem Viertelfinale gegangen.

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