French Open:Federer lässt ein schales Gefühl zurück

2021 French Open - Day Seven

Nächste Ausfahrt Rasen: Roger Federer wird nun das Turnier in Halle bestreiten, ehe Wimbledon ansteht.

(Foto: Clive Brunskill/Getty)

Der Rückzug des Schweizers bei den French Open ist nachvollziehbar und führt dennoch zu Irritationen in der Branche. Die Kritik am 39-Jährigen fällt indes eher dezent aus - ihm kommt seine Sonderstellung im Tennis zugute.

Kommentar von Gerald Kleffmann

2019 im Achtelfinale der US Open lag Novak Djokovic mit 4:6, 5:7, 1:2 zurück, als er aufgab. Das Publikum reagierte so, wie es das ab und an bei dem Serben macht: überstreng, verständnislos. Es buhte ihn aus. Später musste ihn Sieger Stan Wawrinka aus der Schweiz gar verteidigen und betonen, sein Gegner habe wirklich eine Schulterverletzung gehabt und zu Recht aufgegeben.

Nun, in Paris bei den French Open, stieg ein anderer großer Darsteller des Tennissports aus, diesmal prophylaktisch, wie Roger Federer erklärte. 39 sei er, habe zwei Knie-Operationen hinter sich, Wimbledon sei sein Ziel, tat er nach dem Drittrunden-Sieg gegen den Deutschen Dominik Koepfer kund. Aufs Achtelfinale gegen den Italiener Matteo Berrettini verzichtete er - und ließ eine Tennisbranche zurück, die sich auffallend schwer damit tut, die Überfigur zu kritisieren. Denn man kann ja zweifellos zu einem Urteil hinsichtlich des angekündigten Rückzugs ohne akuten Notfall kommen, wie es Patrick McEnroe fällte: "Ich verstehe es, aber ich mag es nicht."

Der Bruder des früheren Weltranglisten-Ersten John McEnroe störte sich daran, dass Federer das Grand Slam, die höchste Turnier-Kategorie, nur als Warm-up für seinen alljährlichen Höhepunkt betrachtete, den Rasen-Klassiker im All England Club. "Er hätte nicht spielen sollen", monierte Patrick McEnroe, wenn dem aktuellen Weltranglisten-Achten klar gewesen sei, dass er im Verlaufe des Turniers aussteigen würde. Tatsächlich ist eines der Prinzipien des Leistungssports, dass sich, wer zu einem Wettbewerb antritt, auch dazu bekennt und bis zum Ende, sofern es geht, sein Bestes gibt.

Betrachtet man den Fall also ohne Federer-Brille, hat er sich über dieses Gesetz hinweggesetzt. Mit Federer-Brille, und die tragen nun mal die meisten bei diesem Ausnahmeathleten des Weltsports, überwiegt eine andere Sicht: Er ist körperlich wohl wirklich am Limit gewesen. Und: Er, der Integre, habe sich die Position verdient, sich auch einmal über Regeln zu erheben, und sei es diesmal eine moralische. So sieht es etwa Boris Becker.

Das mag sein, ändert jedoch wenig daran, dass Federers kalkulierte Aufgabe ein schales Gefühl zurücklässt, wobei auch klar ist, dass dieses sich vor allem aus der Enttäuschung nährt, dass die Szene und die Fans ihn, der so lange verletzt fehlte, einfach gerne länger Tennis spielen gesehen hätten. Es bleibt der Eindruck: Er kommt nach Paris, macht mit seinem unnachahmlichen Stil allen den Mund wässrig und sich dann doch aus dem Staub!

Man muss nicht wild spekulieren, dass der Aufschrei bei einer ähnlichen Aktion von Djokovic, Federers stärkstem Gegenpol im Kampf um das funkelndste Erbe, lauter, unversöhnlicher, giftiger ausgefallen wäre. Nebenbei verdeutlichte diese merkwürdige Geschichte ja auch einmal mehr: Niemand im Tennis besitzt eine größere Sonderstellung als der 20-malige Grand-Slam-Champion.

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