Novak Djokovic warf sich auf den Rücken, als er gewonnen hatte. Kurz darauf hallte ein Jubelschrei durch die Tennishalle in Athen, sein Polohemd riss er sich in zwei Hälften vom Oberkörper. So ähnlich hatte der Serbe oft reagiert in seiner einzigartigen Karriere, in der er unzählige intensive Matches für sich entschieden hatte. An diesem Samstagnachmittag fügte Djokovic seinen 100 errungenen Turniersiegen den 101. hinzu, und dieser Erfolg ist diesmal mit einer speziellen Fußnote garniert: Der Serbe ist der älteste Turniersieger der ATP-Tour seit deren Einführung 1990, mit 38 Jahren und fünf Monaten.
Einmal mehr zeigte Djokovic eine beachtliche Leidensfähigkeit, in seiner Wahlheimat Athen, bei einem Turnier der kleinsten ATP-Kategorie (250 Punkte für den Sieg), das von seinem jüngeren Bruder Djordje, 30, organisiert wird. Drei Stunden dauerte das Finale gegen den 15 Jahre jüngeren Italiener Lorenzo Musetti. Djokovic verlor den ersten Satz 2:6, kam stark zurück (6:3), schlug bei 5:4 im dritten Satz zum Sieg auf, kassierte das Re-Break, um sich doch mit 7:5 durchzusetzen. Es war sein zweiter Turniersieg in diesem Jahr nach dem Triumph in Genf im Mai, und es war ein emotionaler: „Meine ganze Familie war heute hier in der Halle, meine engsten Freunde. Hier zu spielen, fühlt sich nach zu Hause an.“
Djokovic war aber nicht der einzige Gewinner in der griechischen Metropole. Nachdem er sich von seinem Fall auf den Rücken aufgerafft hatte, war er Musetti ja mit einer besonderen Botschaft am Netz begegnet: „Keine Sorge, nach Turin fahre ich nicht“, hatte ihm Djokovic gesagt. Musetti, der Verlierer dieses Endspiels, lächelte daraufhin, als hätte auch er gewonnen.
Zverev ist bei den ATP Finals in einer Gruppe mit Sinner, Shelton und Auger-Aliassime
Wenige Stunden später wurde diese Nachricht offiziell bestätigt: Djokovic wird – wie im vergangenen Jahr – nicht an den ATP Finals in Turin teilnehmen, am Saison-Abschlussturnier der besten acht Profis. Eine Schulterverletzung wurde als Grund für seine Absage genannt. Sein Verzicht könnte weitreichendere Folgen haben. Die Wahrscheinlichkeit ist durchaus hoch, dass sein Finalsieg 2023 in Turin gegen den Italiener Jannik Sinner sein letzter Auftritt bei den ATP Finals gewesen sein könnte. Ob er in der kommenden Saison mit 39 Jahren noch mal in die Position kommen wird, das ATP-Finalturnier zu bestreiten, ist unklar. Die Frage wird zudem sein, ob er dann überhaupt noch aktiv sein wird.
Musetti erlebte seinerseits eine Qualifikation der besonderen Art. Im Fernduell mit Felix Auger-Aliassime, der nach dem Erreichen des Finales beim Masters-Turnier in Paris in der vergangenen Woche kein Turnier mehr bestritt, hatte er um den achten und letzten freien Startplatz bei den ATP Finals gekämpft. Nur mit dem Finalsieg in Athen hätte Musetti aus eigener Kraft noch am Kanadier vorbeiziehen können. Djokovics Turin-Rückzieher war dann für ihn beim gemeinsamen Handschlag am Netz auch eine Neuigkeit, wenngleich er bereits heimlich auf diese Entscheidung spekulieren durfte. Djokovic hatte zuvor stets offengelassen, ob er wirklich bei den ATP Finals würde teilnehmen können. Musetti, 23, der weiterhin auf seinen ersten Turniersieg wartet, ist erstmals beim Event der Saison-Besten dabei und reist als zweiter Italiener neben dem Weltranglistenersten Sinner an.
Das italienische Derby könnte in dieser Woche im Halbfinale stattfinden: Musetti findet sich in einer Gruppe mit Carlos Alcaraz (Spanien), Taylor Fritz (USA) und Alex de Minaur (Australien) wieder. Sinner bekommt es mit Ben Shelton (USA), Auger-Aliassime und Alexander Zverev zu tun.


