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Tennis:Die Sisters bei den Scheichs

Neuer Schauplatz und ein Feld ohne Hierarchie: Das Saisonfinale der Tennisfrauen feiert Premiere in Doha.

Josef Kelnberger

Die Tennisspielerinnen Serena und Venus Williams haben bei der Präsidentenwahl keine Stimme abgegeben. Sie seien als Zeuginnen Jehovas erzogen worden, erklärten die beiden, und wollten deshalb nicht in politische Dinge verwickelt worden. Ob sie tatsächlich aus religiösen Gründen keine weltliche Macht anerkennen, oder ob vielleicht auch Desinteresse im Spiel ist, sei dahingestellt. "Ich bin kein superpolitischer Mensch", erklärte Serena Williams, gab aber immerhin zu erkennen, wem ihre Sympathien gehörten: dass Barack Obama als Schwarzer das höchste Amt im Staate erobern konnte, sagt sie, "das lässt mein Herz lächeln".

Als Zeugin Jehovas nicht an politischen Dingen interessiert: US-Tennisspielerin Venus Williams.

(Foto: Foto: Reuters)

Die Schwestern mit den lächelnden Herzen können sich zugute halten, durch ihre sportlichen Erfolge auch politische Arbeit für die USA geleistet zu haben. Dass sie als Schwarze den Weißen Sport eroberten, ist zur Normalität geworden - verwunderlicher erscheint mittlerweile, dass es offenbar kein Vermächtnis der Williams-Sisters gibt. In der Weltrangliste taucht hinter Serena (Nr. 3) und Venus Williams (Nr. 8) keine US-Spielerin unter den Top 30 auf, unter den Top 100 finden sich nur noch altbekannte oder unspektakuläre Spielerinnen wie Lindsay Davenport, Bethanie Mattek, Jill Craybas.

Noch eine Analogie zur Politik: Auch hier bröckelt der Status der USA als Supermacht - und nicht zuletzt daran liegt es, dass die acht besten Spielerinnen der Welt das früher als "Masters" im New Yorker Madison Square Garden und später in Los Angeles ausgetragene Saisonfinale nun am Persischen Golf spielen: im Khalifa International Tennis-Center von Doha, Katar, bei heftigen Winden unter freiem Himmel, obwohl die Spielerinnen gerade ihre herbstliche Hallensaison absolviert haben.

Fünfter Grand Slam?

Zuletzt hatte Manager Ion Tiriac zwei Jahre lang dieses Turnier in Madrid zu einem Spektakel gemacht. Tiriac konzentriert sich nun darauf, in Madrid 2009 ein großes Frühjahrs-Sandturnier auf die Beine zu stellen, das bereits als "fünfter Grand Slam" gehandelt wird; außerdem arbeitete er auf eigene Rechnung. Von den Kataris dagegen kassiert die Frauentour WTA für das Recht, das Jahresend-Turnier drei Jahre lang auszurichten, 42Millionen Dollar. Was den Rivalen in Dubai der Golfsport ist, ist den Herrschern von Katar der Tennissport: Mittel, um das Land jenseits des unermesslichen Reichtums auf die Weltkarte zu setzen. Als Fernziel peilt Katar eine Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele an.

Am Anfang ihres Investments kauften die Kataris dem Deutschen Tennis-Bund die Rechte am Berliner Sandturnier ab und tragen seither dessen Finanzierung. Auch die WTA lässt sich gern als Vehikel für die Ambitionen der Scheichs benutzen. Alle globalisierten Profisportarten befinden sich ja gerade auf dem Treck nach Asien, den neuen Märkten hinterher.

Angesichts der Finanzkrise hat WTA-Chef Larry Scott davon gesprochen, auch im Tennis müsse man die Erwartungen an die nächsten Jahre zurückschrauben. Er wähnt sich aber mit seinen Sponsoren auf einem soliden Fundament. Dazu zählen die Petrodollars aus Katar ebenso wie die 89 Millionen aus einem Sechs-Jahres-Vertrag mit Sony-Ericsson; der Tour-Sponsor firmiert in Doha auch als Titelsponsor. Ob das Frauentennis aber weiterhin die Millionen wie ein Magnet anzieht? Es gibt inzwischen einige Bedenken.

Ivanovic außer Form

Vor einem Jahr spielten Justine Henin und Maria Scharapowa in Madrid noch ein spektakuläres Masters-Finale. Besser, urteilten Experten damals, geht es nicht. Scharapowa legt nun wegen ihrer chronisch schmerzenden Schulter immer längere Pausen ein, und Henin ist im Mai zurückgetreten. Der vakant gewordene Platz an der Spitze der Weltrangliste wechselte seither mehrmals die Besitzerin und wird nun behauptet von Jelena Jankovic.

Die Serbin überzeugte zuletzt bei ihren Siegen in den Hallenturnieren von Peking, Stuttgart und Moskau, hat aber noch keinen Grand Slam gewonnen, ebenso wie Dinara Safina, die Nummer zwei. In ihrem ersten Spiel in Doha besiegte Jankovic in der "weißen Gruppe" ihre Landsfrau Ana Ivanovic, aktuelle French-Open-Championesse und Medienliebling, die nach einer Handverletzung ihre Form noch nicht wieder gefunden hat. So tritt ein Feld ohne Hierarchie in Doha an: vier Russinnen (Zwonarewa, Kusnezowa, Safina, Dementjewa), zwei Serbinnen und zwei Amerikanerinnen - die klar zu erkennen geben, dass sie gewöhnliche Turniere und Ranglisten nicht mehr sonderlich interessieren.

"Was für uns zählt, sind die Grand Slams", sagt Serena Williams. Sie selbst hat in diesem Jahr zum dritten Mal die US Open gewonnen, Venus zum fünften Mal in Wimbledon. Venus Williams immerhin gewann ihr erstes Match in Doha in der "roten Gruppe" gegen Dinara Safina 7:5, 6:3. Es war der Wahltag in ihrer Heimat. Williams erklärte, darauf angesprochen, sie werde nicht einmal den Fernseher einschalten, um zu erfahren, vom welchem Präsidenten sie künftig regiert wird.

© SZ vom 06.11.2008
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