Wimbledon Besonnen gegen die Umstände

Realistisch betrachtet allerdings, auch das räumt Navratilova ein, hat das Turnier für Williams unter katastrophalen Umständen begonnen. Da ist zunächst ihr Gesundheitszustand, der in den vergangenen Jahren Anlass zur Sorge gab. Venus Williams leidet am Sjörgen-Syndrom, einer Autoimmunkrankheit, zu deren Symptomen Müdigkeitsanfälle und Abgeschlagenheit gehören. Auch deshalb muss sie heute mit ihren Kräften haushalten. Zudem war sie am 9. Juni in Florida in einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang verwickelt. Bei der Kollision auf einer Kreuzung zog sich der Beifahrer im entgegenkommenden Auto Verletzungen zu, denen er später erlag. Williams war "untröstlich", wie sie auf Facebook schrieb. Erst an diesem Wochenende, mitten im Turnier, haben neue Polizeiermittlungen sie entlastet.

Wenn sie auf dem Platz stand und zum Schläger griff, hat sie sich die psychische Anspannung nicht anmerken lassen; dazu ist sie wohl zu lange Profi. Auch anschließend sprach sie lieber von der vielen Arbeit, die sie noch immer, mit 37, in den Sport investiert. "Wenn man relevant bleiben will", sagte sie, "dann ist es unerlässlich, dass man sich ständig verbessert." Wie lange sie täglich trainiere, ließ sie indes offen, auf eine entsprechende Frage antwortete sie nur: "Genug."

Ausgeglichene Bilanz gegen Konta

Ohnehin äußerte sie sich auffallend einsilbig und zurückhaltend, wenn sie vor Mikrofonen und Kameras stand. Seit sie zu Turnierbeginn, auf den Autounfall in den USA angesprochen, von Emotionen übermannt wurde und eine Pressekonferenz unterbrach, ist sie vorsichtig geworden.

Kommt die Rede auf ihre Leidenschaft fürs Tennis, dann gerät sie allerdings noch immer so ins Schwärmen wie vor 20 Jahren, als sie mit Zöpfchen und grünen und weißen Perlen in den Haaren erstmals nach London SW19 kam. "Ich liebe diesen Sport", sagte sie. "Das ist der Grund, weshalb ich noch immer spiele. Und wenn man gewinnt, spielt auch das Alter keine Rolle."

Gegen Johanna Konta, die Frau, die ihrem Final-Einzug noch im Wege steht, hat sie in diesem Jahr einmal in Rom gewonnen und einmal in Miami verloren. "Ich bin sicher, dass sie selbstbewusst und entschlossen spielen wird. Und mit den Erwartungen des Publikums scheint sie sehr gut umgehen zu können", sagt Venus Williams. Konta ist die erste Britin seit 39 Jahren, die vor heimischem Publikum in einem Wimbledon-Halbfinale steht und kann auf frenetische Unterstützung auf dem Centre Court hoffen. Aber das ist nichts, das Williams, die Älteste im Turnier, aus der Fassung bringt. Sie wird in Ruhe an die Grundline treten. In Ruhe zu den Bällen greifen. In Ruhe aufschlagen. Und vielleicht zum Abschied noch eine Pirouette drehen.

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