Am Tag nach dem Absturz in die Drittklassigkeit klingt Veronika Rücker immer noch mitgenommen. „Wir hätten uns diesen Abstieg nicht vorstellen können“, sagt die hauptamtliche Vorständin des Deutschen Tennis Bundes (DTB), zuständig für den Sport, ernüchtert am Telefon. „Das ist kein Geheimnis: Wir hatten ganz klar das Ziel ausgegeben, dass wir wieder aufsteigen wollen. Wir sind alle maßlos enttäuscht.“ Nachdem die deutschen Tennisfrauen im vergangenen Herbst aus der Weltgruppe im Billie Jean King Cup abgestiegen waren, mussten sie jetzt gar die Regionalgruppe I verlassen. In einer Runde mit fünf Teams, ausgetragen in Oeiras in Portugal, verlor das Team um Bundestrainer Torben Beltz die entscheidende Partie am Samstag 1:2 gegen Litauen.
Nachdem die Ära der Spitzenspielerinnen Angelique Kerber, Julia Görges, Sabine Lisicki und Andrea Petkovic scheibchenweise geendet hatte, war allen klar gewesen: Der deutsche Blues wird eines Tages kommen, ohne adäquate Nachfolgerinnen. Jetzt ist er wirklich da. Und das heftig. „Am Ende war die Aufgabe mit allen Begleitumständen eine sehr große Herausforderung für eine junge Generation“, sagt Rücker am Sonntag und räumt ein: „Vielleicht war sie an der Stelle zu groß. Wir müssen uns jetzt mit dem Ergebnis auseinandersetzen. Wir wollen nichts schönreden.“
Der Misserfolg stellt eine Zäsur im deutschen Tennis dar. Noch nie war das Team drittklassig. Mit Stefanie Graf holte der DTB gar zwei Titel (1987, 1992) in dem traditionsreichen Nationenwettbewerb, der bis 2020 Fed Cup hieß. 2014 stand das Team um Kerber im Finale und verlor erst dort gegen Tschechien. Wie sehr sich das Feld an guten deutschen Spielerinnen ausgedünnt hat, musste Beltz, seit eineinhalb Jahren Bundestrainer, gleich bei seinem ersten Einsatz als Teamchef-Nachfolger von Rainer Schüttler erfahren. So fehlten ihm die erfahrenen Laura Siegemund (verletzt) und Tatjana Maria (familiäre/sportliche Gründe), beide 38. Tamara Korpatsch, 30, und Anna-Lena Friedsam, 32, waren beim Turnier in Linz, um letzte Punkte für die Teilnahme an den French Open zu sammeln. So standen ihm zur Verfügung: Ella Seidel, 21, 85. der Weltrangliste. Noma Noha Akugue, 22, 192. der Weltrangliste. Tessa Brockmann, 20, 277. der Weltrangliste. Nastasja Schunk, 22, 364. der Weltrangliste. Im letzten Moment sagte Eva Lys, als Nummer eins eingeplant, ihren Start ab. Die 24-Jährige, immerhin 75. im Ranking, kurierte eine Knieverletzung aus. So nahm das Schicksal seinen Lauf.
„Das entspricht nicht unserem Anspruch, den wir für das deutsche Damentennis haben“, sagt Teamchef Torben Beltz
Nach zwei Niederlagen gegen Schweden und Portugal stand rasch fest, dass der Wiederaufstieg verpasst war. Plötzlich ging es darum, den Abstieg zu verhindern. Ein 3:0-Sieg gegen Dänemark war unerheblich, alles lief auf das Entscheidungsduell mit Litauen hinaus. Es begann gut, Noha Akugue siegte 6:4, 6:4 gegen Andre Lukosiute, 597. der Weltrangliste. Doch Ella Seidel unterlag mit 6:1, 3:6, 2:6 der Außenseiterin Justina Mikulskyte (255.). Dann verloren Brockmann/Schunk im Match-Tiebreak des dritten Satzes (8:10). Damit stand das deutsche Team als Absteiger in die Regionalgruppe II fest, die offiziell „Group II Europe/Africa“ heißt. Nationen wie Zypern, Marokko, Österreich und Südafrika spielen dort.
Die Bedeutung des Abstiegs war Beltz, einst Trainer der dreimaligen Grand-Slam-Gewinnerin Angelique Kerber (mit der er zwei davon gewann), bewusst: „Das entspricht nicht unserem Anspruch, den wir für das deutsche Damentennis haben. Wir müssen dieses Ergebnis aber annehmen und aufarbeiten.“ Beltz lamentierte nicht, dass er auf Siegemund und Maria verzichten musste. „Die, die hier waren, waren die Richtigen“, sagte Beltz der Deutschen Presse-Agentur, er schloss eine Rückkehr der beiden aber nicht aus. „Wie wir jetzt weitermachen, werden wir in den nächsten Tagen sehen. Das ist jetzt noch zu früh.“ Der Schock sitzt tief.
Sich von den jungen Spielerinnen zu distanzieren, wäre in der Tat kein Ausdruck von Loyalität und Verantwortung gewesen. Auch Lys wurde von Beltz verteidigt: „Wir hätten Eva natürlich gerne dabeigehabt, aber es ist wichtig, dass sie ihre Knieverletzung aus Australien erst einmal vollständig auskuriert.“ Das gelingt ihr offenbar. Während das deutsche Team abstieg, postete sie auf Instagram Trainingsbilder vom Stuttgarter WTA-Turnier, das diese Woche stattfindet. In der ersten Runde trifft Lys auf die Spanierin Paula Badosa.
Der DTB will sich bald für eine intensive Aufarbeitung zusammensetzen
Wie ernüchternd die Lage für das deutsche Frauenteam ist, brachte die frühere Spitzenspielerin Andrea Petkovic auf den Punkt. „Es ist total schwierig gerade, weil wir so eine große Lücke haben“, sagte die 38-Jährige, die 2022 ihre Karriere beendet hatte, bei Sky. „Ich finde, wir haben immer noch Talente, die großes Potenzial haben. Das Problem ist, dass es viel weniger geworden sind. Wenn dann etwas passiert – wir sehen das bei Eva Lys, wenn sie verletzt ist und ein paar Monate nicht richtig spielen kann –, dann klafft auf einmal eine Riesenlücke. Ich nehme da Siegemund und Maria raus. Die beiden haben jetzt schon, wenn sie heute aufhören würden, eine unglaubliche Karriere hinter sich.“
Auch wenn Rücker wie Petkovic auf die Lücke hinter Siegemund und Maria verweist, so versucht sie auch Hoffnungsschimmer zu sehen. „Es war ein toller Teamzusammenhalt in Portugal. Wir können in der Zukunft auf diese Spielerinnen setzen. Ich bin insgesamt überzeugt von dieser Generation“, sagt sie. Es gebe zudem sehr aussichtsreiche Talente im Jugendbereich, die Lücke zu diesen sei nicht so groß. Nach dem Stuttgarter Turnier, dies kündigt Rücker an, wolle man sich beim DTB für eine intensive Aufarbeitung zusammensetzen. Viel Trost gibt es derzeit wohl nicht. Erst 2027 hat das Team die nächste Chance auf den Aufstieg in die Regionalgruppe I. „Dann kann es nur ganz klar das Ziel sein, aufzusteigen“, betont Rücker. „Und dann leider erst 2028 wieder in die Weltgruppe. Das muss unser Anspruch sein.“ Rücker weiß: „Zumindest im Billie Jean King Cup müssen wir jetzt ein wenig Geduld haben.“

