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Tennis:Der Rasen muss warten

Ein Moment mit Seltenheitswert: Rafael Nadal verlässt Paris noch vor dem Finale.

(Foto: Thibault Camus/AP)

Rafael Nadal, der Rekordsieger der French Open, akzeptiert fair die spektakuläre Halbfinalniederlage gegen Novak Djokovic - aber macht auch klar, dass er eine Auszeit benötigt.

Von Gerald Kleffmann, Paris/München

Am Samstag, so berichteten übereinstimmend internationale Medien, ereignete sich Ungewöhnliches: Rafael Nadal verließ das Hotel in Paris. Jeder Mensch im Tennis weiß ja: Der spanische Profi bleibt sonst immer mindestens bis Sonntagabend oder Montagmorgen in Frankreichs Hauptstadt. Also bis nach dem Finale. Aber diesmal? Reiste der nun 35-Jährige vor dem Höhepunkt ab.

Der 13-malige Champion von Roland Garros, der in 107 Matches sagenhafte 105 gewonnen hatte, musste nach den nur zwei Niederlagen zuvor nun also sehr real eine dritte akzeptieren: Mit 3:6, 6:3, 7:6 (4), 6:2 hatte Novak Djokovic ihn, wie 2015, erneut einmal besiegen können. "Wir waren jetzt zweieinhalb Wochen in der Blase. Ich muss durchschnaufen, die Sonne etwas aus Mallorca genießen", so wurde Nadal in der spanischen Presse zitiert. "Es ist nicht so wichtig, was sofort als Nächstes passiert." Auch das: ungewohnt. Nadal reiste tatsächlich hier mit einem Gefühl der Mattheit ab.

"Ich bin 35 und muss sehen, wie ich mich von allem erhole"

Der Mallorquiner hat ja nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass all seine Planungen, seine Fokussierung, seine Gedanken, sein Training stets auf Paris so stark ausgerichtet sind wie auf kein anderes Turnier. Dass Nadal in der Szene aber so beliebt ist, hat auch mit seinem Verhalten zu tun. Er suchte auch jetzt keine Ausreden, keine Entschuldigungen. Nicht alle verlieren so wie er. Doch er gab auch zu, dass es ein Problem für ihn gebe: sofort auf Rasen wechseln? Nein, so schnell kann die Saison nicht für Nadal weitergehen. Das Turnier in Mallorca, in seiner Heimat, lasse er notgedrungen aus. Und "Wimbledon ist dieses Jahr gerade mal zwei Wochen nach Roland Garros", ordnete er ein. "Ich bin 35 und muss sehen, wie ich mich von allem erhole." Die Sandplatz-Wochen hätten ihm "viel Energie" geraubt. Das alles klang so, als könnte man ihn ein Weilchen erst mal nicht mehr sehen.

Es dürfte Nadal wenig getröstet haben, aber selten - wenn überhaupt - war eine Branchengröße dieses Sports auf einem derart hohen Niveau gescheitert. Wobei das Wort scheitern eigentlich unangebracht ist: Nadal hatte großartig gespielt, Djokovic noch großartiger. Andy Murray, der dreimalige Grand-Slam-Sieger und, viel wichtiger, eine einordnende Instanz wichtiger Themen, hatte das passende Urteil zu diesem Duell während der Partie so gefällt, auf Twitter: "Du kannst nicht besser Sandplatztennis spielen als das. Es ist perfekt." Der Sieger sah es, welch Überraschung, genau so.

Mann aus Gummi: Novak Djokovic bewies mal wieder, dass sich niemand im Tennis so bewegen kann wie er.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

"Um Rafa auf Sand hier zu schlagen, musst du dein bestes Tennis spielen", erklärte Djokovic, "und ich habe heute mein bestes Tennis gespielt." Der Serbe durfte sich von seinen Anhängern auf dem Court Philippe Chatrier fürwahr feiern lassen, denn wider Erwarten waren die erlaubten 5000 Zuschauer ja nicht um 23 Uhr nach Hause geschickt worden. Die Ausgangssperre war kurzfristig offiziell außer Kraft gesetzt worden für dieses Ereignis, und das war fürwahr eine vernünftige Entscheidung. Man hätte sich den Aufruhr nicht ausmalen wollen, wäre es zur Stadionräumung etwa mitten im vierten Satz gekommen. Das Publikum, ekstatisch wie die zwei Darsteller auf dem Platz aufgeladen, sang als Dank die Marseillaise. Und tat etwas Verrücktes, was es in Paris sonst nie tut: Es ließ Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron hochleben.

Es war aber auch ein Spiel zum Ausrasten. Nadal und Djokovic hatten sich das Leben gegenseitig schlicht zur Hölle gemacht. Die Ouvertüre gab gleich mal den Takt vor, das Drehbuch. Erstes Aufschlagspiel Nadal, zwei Breakbälle Djokovic, dreimal Einstand, eine Ewigkeit das alles. Dass es später 5:0 für Nadal stand, war angesichts der Intensität der Ballwechsel zynisch. Letztlich gewann Nadal den Satz 6:3, hatte aber nur neun Punkte mehr gewonnen. In kaum einer Sportart lügen Zahlen manchmal so wie beim Tennis. Denn wenn man tausend Punkte macht, aber nie diesen einen entscheidenden, den zum Spielgewinn, den zum Satzgewinn, den zum Matchgewinn, nützt alles Bemühen nichts.

Er erlief unglaublich viele schwierige Bälle - aber immer noch nicht genug: Rafael Nadal bei seiner spektakulären Halbfinalpartie in Paris.

(Foto: Thibault Camus/AP)

Es war dann Djokovic, der den Spielverderber gab und Nadal immer öfter auflaufen ließ. Er grätschte und turnte umher, als sei er die Wiedergeburt Michail Baryschnikows. Die Winkel, mit denen beide ihre Bälle platzierten, stammten aus der fünften Dimension, das heißt, irdische Gesetze zumindest griffen nicht, um das Niveau zu erklären. Nadal wirkte manchmal nicht so fehlerlos wie sonst. Manchmal platzierte er den Ball einen Zentimeter neben die Grundlinie - diese Qualität besaßen die Patzer in diesem 58. Duell der beiden, das jetzt schon seinen Platz hat in der Liste der Sternstunden des Tennis. "Es war eine dieser Nächte, die man nicht vergisst", sagte Djokovic. "Gegen Rafael hier zu gewinnen ist, als ob man den Mount Everest besteigt."

© SZ/mp/bkl
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