Tennis:Der Finne auf der Tour

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Tennis: "Ich freue mich auf dieses Jahr": Emil Ruusuvuori aus Helsinki, bald in den Top 60.

"Ich freue mich auf dieses Jahr": Emil Ruusuvuori aus Helsinki, bald in den Top 60.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Für Emil Ruusuvuori, 23, war der Weg ins Profitennis mühsam - in seinem Land träumen die meisten eher von einer Eishockeykarriere.

Von Gerald Kleffmann, München

Es ist ein Zufall, dass Emil Ruusuvuori Tennisprofi wurde. Sagt er selbst und erzählt, wie sein Weg begann, in einer Sporthalle in Helsinki. "Ich spielte Badminton mit meiner Mutter. Ein Trainer sah mich und meinte, ich hätte eine gute Ball-Auge-Koordination. Ich solle es mit Tennis versuchen." Zwar hatte Ruusuvuori danach andere Disziplinen ausprobiert, natürlich auch Eishockey, in Finnland geht das nicht anders. Aber Tennis? "Das war doch meine Nummer-eins-Sportart. Seitdem jage ich meinem Traum nach. Nun bin ich hier."

Und das ist nicht so schlecht, wo er ist. An diesem Freitag steht Ruusuvuori im Viertelfinale der BMW Open in München, der 18 Jahre alte Holger Rune, der Alexander Zverev überraschend bezwang, ist sein Gegner. Während der Däne eines jener Talente ist, die schon viel Beachtung erhalten, ist der 23-jährige Ruusuvuori eher einer, der eben mitschwimmt, so wirkt es. 63. der Weltrangliste ist er derzeit, was nicht spektakulär klingt - aber man muss diese Leistung in Relation setzen. Unter den besten 750 Tennisprofis der Welt befindet sich nur noch ein zweiter Finne: Otto Virtanen, 20, ist auf Rang 371, mit ihm stellt Ruusuvuori logischerweise auch das Nationalteam. "Es ist nicht einfach, Profi in Finnland zu werden", gibt Ruusuvuori zu. Er spricht freundlich und unaufgeregt, fährt sich durch die längeren blonden Haare.

Die Sponsorensuche war schwierig: "Ich weiß nicht, wie viele E-Mails meine Mutter an Firmen geschickt hat."

Geschichten wie seine sind in erster Linie auch Familiengeschichten. Gut im Sport war keiner bei ihm zu Hause, auch nicht die Geschwister, Bruder Elias und Schwester Aino. Als seine Begabung sich herauskristallisierte, unterstützten ihn alle, "auch heute sind alle involviert". Die Eltern finanzierten Trainerstunden, Ausrüstung, Fahrten. Als er Teenager war, wurde der finnische Tennisverband auf ihn aufmerksam. Es war aber Mutter Eva, die ihm den ersten Sponsor auftrieb, da war er 15. "Ich weiß nicht, wie viele E-Mails meine Mutter an Firmen geschickt hat, es waren viele. Nur um einen Unterstützer zu finden." Jede Hilfe brachte ihn weiter. "Tennis ist einfach ein sehr teurer Sport, vor allem wenn du in einem Land wie Finnland lebst und überall hinfliegen musst, um dich auch auf höherem Niveau messen zu können. Jetzt ist die Situation gut, aber es war nicht leicht." Rund 1,3 Millionen Euro an Preisgeld hat er bislang verdient.

Der erfolgreichste finnische Tennisprofi war Jarkko Nieminen, der 2003 im Finale der BMW Open gegen einen gewissen Roger Federer verlor und es 2006 bis auf den 13. Weltranglistenplatz schaffte. Heute ist Nieminen, 40, finnischer Davis-Cup-Teamchef und, klar, ein Freund von Ruusuvuori. Auch er berät ihn, sie trainieren manchmal. Als Ein-Mann-Team ist Ruusuvuori darauf angewiesen, sich überall Anschluss zu organisieren, er kann ja nicht einfach wie die zahlreichen Spanier in einer Gruppe mit Landsleuten abhängen. Gibt ja nur ihn. Mit dem Norweger Casper Ruud tut er sich als Trainingsgemeinschaft auch mal zusammen, oder mit schwedischen Profis. In der deutschen Bundesliga, beim TC Großhesselohe, verdient er sich etwas dazu.

Um schneller zu den europäischen Sandplatzturnieren zu gelangen, hat er sich eine Wohnung in Mailand genommen

Eine andere Herausforderung war und ist für ihn, dass er nicht auf allen Belägen gleich gut ist. "Ich komme aus Finnland, wo man neun Monate im Jahr in der Halle spielt, daher bevorzuge ich Hardcourt", sagt er. "Auf diesem Belag hatte ich meine besten Ergebnisse." Vor einem Jahr etwa hatte er Alexander Zverev in Miami in der zweiten Runde besiegt. Auch gegen Dominik Thiem gewann er schon, 2019 im Davis Cup, in der Halle. Auf Sand und Rasen klarzukommen, muss er quasi nachholen. "Ich versuche dahin zu kommen, dass es egal ist, auf welchem Belag ich spiele." Nur so könne er weiter nach oben klettern. Um schneller zu den europäischen Sandplatzturnieren zu gelangen, hat er sich zudem eine Wohnung in Mailand genommen.

Für einen wie ihn ist ein Viertelfinale bei einem ATP-Turnier der 250er Kategorie ein Erfolg, mit einem Sieg gegen Rune würde er gar ins Halbfinale vorstoßen. "Mein Selbstvertrauen ist sehr hoch", sagt er. "In diesem Jahr habe ich sehr gutes Tennis gespielt. Ich hatte auch einige große Matches, zum Beispiel auf dem Center Court in Melbourne gegen Rafa." Er spricht vom Vorbereitungsturnier auf die Australian Open, als er im Halbfinale dem renommierten Spanier Rafael Nadal 4:6, 5:7 unterlag. Schon jetzt steht fest: Nach dem Münchner Turnier wird er, der finnische Solist auf der Tour, erstmals in die Top 60 aufsteigen. "Ich freue mich auf dieses Jahr", sagt er.

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