Tennis Der Filou mit dem Klappmesseraufschlag

Henri Leconte im Jahr 1988.

(Foto: Imago)
  • Henri Leconte stand vor 30 Jahren als letzter Franzose im Finale der French Open.
  • Er hätte mehr Respekt verdient gehabt, findet Boris Becker.
  • Becker sagt: "Die Franzosen waren überstreng mit ihm."
Von Gerald Kleffmann, Paris

Wenn Henri Leconte sich an 1988 und seinen größten Erfolg erinnern will, der gleichzeitig die größte verpasste Chance seiner Karriere war, muss er nur rüberschauen - zu Mats Wilander. Der sitzt gerade oft neben ihm. "Ah, das ist wunderbar", sagt Leconte, und da ist er sofort zu spüren: der Filou. Alles nicht zu ernst nehmen. Dafür ist Henri Leconte - vor bald 55 Jahren in Lillers in Nordfrankreich geboren, in Paris zu Hause - bekannt. 1988 erreichte er, der Linkshänder mit dem Klappmesseraufschlag und den gefühlvollen Volleys, das Finale der French Open. Der erste Franzose seit 1983, als Yannick Noah in Roland Garros triumphierte und Jubel auslöste wie nach einem WM-Sieg der Fußballer. Und der letzte Franzose seit 30 Jahren.

"Das ist so ewig her", sagt Leconte. Er überlegt. "Aber es ist, als wäre es gestern gewesen." Wilander erinnert ihn eben daran. Nur mit dessen Anwesenheit. Mit dem Schweden arbeitet er bei den French Open für den Fernsehsender Eurosport, seit Jahren. Beide sind Kommentatoren, Moderatoren. Wilander hatte ihn damals abgefieselt, 5:7, 2:6, 1:6. Näher kam Leconte nie den höchsten Einzel-Weihen, einem Grand-Slam-Triumph, im eigenen Land dazu. Ob ein Sieg sein Leben mehr beeinflusst hätte?

"Es hätte eine Welt verändert", sagt Leconte, ohne eine Sekunde zu zögern.

Henri Leconte im Jahr 2018.

(Foto: Antoine Couvercelle / Imago)

"Ich war eine Partymaschine", bestätigt Leconte

Und schon ist man mittendrin bei dem Thema, was diese French Open, das wichtigste, traditionsreiche Sandplatzturnier sind: für den Gastgeber, für deren Spieler. Zweifellos eine unterhaltsame Sache. Aber eben auch eine todernste. "Dieses Turnier besteht für uns aus einer speziellen Verbindung", sagt Leconte. Zum normalen Leistungsdruck gesellt sich der Druck einer Nation, die sich Grande Nation nennt. Es hänge von der Persönlichkeit ab, sagt Leconte, ob man dem Doppeldruck standhalte; dass alles so hoch gehängt wird.

Amélie Mauresmo konnte es ebenso wenig wie die die meisten der jetzigen Generation, die in die Jahre kommt, wie Gaël Monfils (2008 im Halbfinale) oder Jo-Wilfried Tsonga (2013 und 2015 im Halbfinale). So sieht das Leconte. Roland Garros stelle quasi die Charakterfrage. Der Einsatz: Held oder kein Held. Die französischen Medien und das Publikum richten. Sie richten ohne Scheu über die Darsteller auf ihrer Terre Battue, der feuerroten Ziegelasche.

So wie sich viel über eine Ära des deutschen Männertennis entlang der Rivalität zwischen Boris Becker und Michael Stich erzählen ließe, prägten Leconte und Yannick Noah ihren Sport. Und Roland Garros spaltete die öffentliche Wahrnehmung über sie. "Yannick hat den Titel gewonnen", weiß Leconte, "das ist der Unterschied. Ich habe ihn immer in höchstem Maße respektiert." Er versichert: "Ich habe nicht unter ihm gelitten." So klingt er auch nach wie vor nicht. Gleichwohl entzweite Roland Garros diese Freundschaft. 1984 hatte Leconte mit Noah im Doppel Roland Garros gewonnen. Danach gingen die Wege auseinander. Noah, inzwischen 58, ebenfalls viele Jahre ein Lebemann, begnadeter Musiker, der Rasta-Träger (Vater Zacharie stammt aus Kamerun), wurde auf Händen getragen. Wortwörtlich im Stadion. Noah wurden von der französischen Öffentlichkeit auch manche Turbulenzen im Privatleben verziehen. Noah wurde Davis-Cup-Teamchef. Leconte wurde zwar geschätzt. Aber er wurde nicht auf Händen getragen. Held oder kein Held. Leconte ist irgendwo dazwischen geblieben.