Deutschland im Davis-Cup-Halbfinale:Ohne Zverev - aber mit unermüdlichen Ultra-Fans

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Überschwängliche Freude: Nach dem Sieg gegen Großbritannien zelebriert die deutsche Mannschaft den Halbfinaleinzug (v.l.: Michael Kohlmann, Kevin Krawietz, Peter Gojowczyk, Jan-Lennard Struff, Dominik Koepfer, Tim Pütz).

(Foto: Paul Zimmer/Imago)

Erstmals seit 2007 erreicht das deutsche Team das Davis-Cup-Halbfinale - obwohl Alexander Zverev fehlt. Teamchef Michael Kohlmann hat eine neidlose Einheit geformt, die auch Widerstände überwinden kann.

Von Gerald Kleffmann

Die Arme über die Schultern der Nebenmänner geschlungen legten sie nun los, wie bei Otfried Preußlers "Kleiner Hexe" sah das aus, als würden die Feiernden auf dem Blocksberg um ein Feuer hüpfen. Wobei man schnell aus dem Bild gerissen wurde, weil: Carlo Thränhardt kam in dem Kinderbuchklassiker nach aktuellem Sachstand ja nicht vor. Wahrscheinlich aus gutem Grund. Mit dem Rhythmusgefühl hat es der sehr sympathische frühere Weltklasse-Hochspringer nicht mehr so. Die deutsche Jubelrunde geriet ob seiner, nun ja, Künste fast ins Straucheln. Aber dieses Team schleppte auch ihn durch. Natürlich.

Thränhardt, 64, der bei den deutschen Davis-Cup-Spielern die Fitnessübungen leitet, ist seit Jahren ein wichtiger Teil dieser Einheit. "Wir haben zusammengehalten, uns gegenseitig gepusht, und das macht uns wirklich stolz", das hatte Michael Kohlmann schon vor diesem besonderen Erfolg am späten Dienstagabend gesagt. Der Teamchef der Davis-Cup-Auswahl kennt das Wort "ich" quasi nicht. Er nimmt alle mit. Wozu dieser Geist der Gemeinschaft führen kann, war in Innsbruck zu bestaunen, nicht nur bei den Jubelarien.

2:1 gewannen die Deutschen im Viertelfinale gegen Großbritannien. Wie in der Gruppenphase gegen Serbien, wie gegen Österreich. Nun halten die Chronisten tatsächlich fest: das erste Halbfinale des Deutschen Tennis Bunds im Davis Cup seit 2007. Wie lange das her ist, verdeutlichte Kohlmann, 47, persönlich: "Da habe ich selber noch gespielt." Damals unterlag die Mannschaft von Patrik Kühnen der russischen Auswahl, Philipp Kohlschreiber verlor das entscheidende Einzel gegen Igor Andrejew 3:6, 6:3, 0:6, 3:6; Tommy Haas, der beste Mann, war verletzt ausgefallen.

Davis Cup in Innsbruck

Wie eine Wand: Kevin Krawietz (rechts) und Tim Pütz gewinnen auch ihr dritten Doppel in Innsbruck und besiegen das britische Weltklasse-Duo Joe Salisbury und Neal Skupski.

(Foto: Michael Probst/dpa)

Eine kleine Parallele zu jener Ära ist also vorhanden. Alexander Zverev lehnt bekanntlich das neue Format des Piqué-, Pardon, Davis Cups ab und ward zuletzt in Dubai im Urlaub gesehen. Der Weltranglisten-Dritte übermittelt dafür verlässlich Glückwünsche, ein gutes Zeichen. Denn die Erfolgsgeschichte dieses Davis-Cup-Teams, die am Samstag im Halbfinale die nächste Steigerung erfahren könnte, ist auch ein Spiegelbild dessen, wie es um diese Ansammlung der besten deutschen Tennisprofis steht: Interner Neid ist dem Team fremd. Und genau deshalb werden ganz neue Energien freigesetzt. Die Stärken des einen kompensieren eine Schwäche des anderen.

Koepfer und Struff glänzen auch als Ultras am Spielfeldrand

Sie fegen ja nicht über ihre Gegner hinweg. Jan-Lennard Struff verlor ein Einzel (gegen den Serben Novak Djokovic), Dominik Koepfer ebenfalls (gegen den Österreicher Juri Rodionow), zuletzt Peter Gojowczyk (gegen den Briten Dan Evans). "Wir haben alle gesagt, dass wir unbedingt nach Madrid wollen", sagte Struff. Der Ehrgeiz, die Lust am Siegen treibe sie jedes Mal aufs Neue an, da ist kein Lamentieren zu vernehmen, auch wenn Koepfer mehr als die anderen mit seiner Niederlage haderte und es in der Kabine ein bisschen dicke Luft gab.

In der Halle von Innsbruck stand er während des Viertelfinales, aus dem Einzel rausrotiert, inmitten der Teamkollegen und gab den Ultra-Fan. Wobei niemand diese Rolle intensiver interpretierte als Struff, der als Spieler das vorlebt, wofür Kohlmann als Dirigent im Hintergrund steht: ohne Allüren da sein für die anderen. Nachdem er zum zigsten Mal dem Druck in einem wichtigen Davis-Cup-Match standgehalten und den Weltranglisten-Zwölften Cameron Norrie 7:6 (6), 3:6, 6:2 niedergekämpft hatte, zog Struff die Maske auf und peitschte Kevin Krawietz und Tim Pütz an, im entscheidenden Doppel gegen das Weltklasseduo Joe Salisbury und Neal Skupski. Das mag selbstverständlich klingen, ist es aber nicht.

Krawietz und Pütz haben im Davis-Cup im Doppel noch nicht verloren

Struff ist selbst ein exzellenter Doppelspieler, mit Pütz, dem 34-jährigen Frankfurter, bildete er einst ein legendäres Davis-Cup-Duo, als "Tim&Struffi" wurden sie gefeiert. Und nun trat er zur Seite, um die Chancen des Teams zu erhöhen. "Natürlich würde ich auch gerne rausgehen", hatte er nach dem ersten Sieg der Mannschaft gesagt und betont: "Aber wir haben ein Wahnsinnsdoppel, die gegen Serbien gezeigt haben, was sie können, und ich sehe sie als bessere Doppelspieler als mich."

In der Form dieser Tage dürfte diese Einschätzung richtig sein. Krawietz und Pütz agieren so clever, flink, intelligent und dynamisch, dass auch in den englischsprachigen sozialen Medien ihre Leistung gewürdigt - und eine beeindruckende Statistik herumgereicht wurde. Pütz' Davis-Cup-Bilanz im Doppel: 7:0 Siege. Die von Krawietz: 6:0.

Diese wiedergewonnene Doppel-Kompetenz bedeutet für die deutsche Mannschaft vor allem: Die Chancen, selbst Teams mit einem Ausnahmeprofi zu besiegen, sind dank des neuen Formats gestiegen. Djokovic, der 20-malige Grand-Slam-Champion, trat ja auch im Doppel an. Aber - diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen - Pütz zeigte ihm mit Krawietz die Grenzen auf.

Krawietz wird intern schon "Lenny" genannt - weil er so cool ist wie der Sänger Kravitz

Zur Verteidigung des Serben darf man ergänzen: Die beiden Deutschen sind aufs Doppel längst spezialisiert, nachdem die Einzel-Karriere stockte. Pütz, für den Langzeitverletzten (und wieder am Knie genesenen) Andreas Mies ins Team gerückt, ist wie Mies eher der effektive Abräumer, während Krawietz den feinfühligen Trickser gibt - und so gelassen in brenzligen Situationen agiert, dass ihn mancher hinter den Kulissen schon Lenny nennt, in Anspielung auf den Sänger Lenny Kravitz. Gegen Salisbury/Skupski wehrten Krawietz/Pütz im ersten Satz vier Satzbälle ab. Im nächsten Tie-Break lagen sie 0:5 zurück - aber keine Panik! So siegten sie nach sieben Punkten hintereinander 7:6 (10), 7:6 (5). "Ein verrücktes Match", konstatierte Krawietz knochentrocken.

Sie freuen sich, bilden sich eben aber noch nicht viel auf diesen Zwischentriumph ein. "In Madrid geht's jetzt weiter", sagte Kohlmann. "Für uns wäre die direkte Quali für nächstes Jahr noch ein Schritt weiter. Dafür müssen wir noch eine Runde überstehen." Ab 2022 soll die Endrundenphase des Davis Cups wohl in Abu Dhabi (oder in Saudi-Arabien) ausgetragen werden. Zum zweiten und schon wieder letzten Mal finden nun die Halbfinals und das Finale in Spanien statt. Russland, das mit Daniil Medwedew und Andrej Rublew noch gegen Schweden spielt, dürfte dann wohl der DTB-Kontrahent sein. Ein aussichtsloses Unterfangen, gegen eine solche Übermacht? Pütz kennt die Formel zum Erfolg: "Im Halbfinale wären wir mit einem 1:1 nach den Einzeln auch zufrieden." Denn danach beginnt das Doppel.

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