Tennis:Das Gras wächst und stirbt in Wimbledon

Tennis: So grün, so schön. Noch. Der Rasen ist das eigentliche Wahrzeichen von Wimbledon.

So grün, so schön. Noch. Der Rasen ist das eigentliche Wahrzeichen von Wimbledon.

(Foto: AFP)
  • Wimbledon ist das berühmteste und auch speziellste Tennisevent des Jahres.
  • Es sind die Details, die dieses Grand-Slam-Turnier so besonders machen.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Wimbledon ist nicht flach und gerade. Wimbledon ist hügelig und krumm und winkelig. Die schmalen, oft rumpligen Straßen ziehen sich wie ein verästeltes Adernetz um die berühmteste Tennisanlage der Welt, und je näher man ihr kommt, desto hektischer und pingeliger wird es an diesem Sonntagmorgen, einen Tag, bevor sie losgehen: The Championships, wie der All England Club in der Church Road, London SW 19 5AE, sein wertes Grand-Slam-Turnier nennt.

Die Queue, diese tägliche Schlange aus erwartungsfrohen Menschen, die auf einer benachbarten Wiese zelten, Sandwiches essen, sich durch die Nacht gähnen und dann, im Gänsemarsch voranpirschend, auf ein Ticket an der Tageskasse für den heiligen Centre Court hoffen, ist schon wieder dicht. Nichts geht mehr für den Montag, wenn er, Roger, das Turnier eröffnet. Um 13 Uhr spielt Federer, Titelverteidiger und die Blaupause der lebenden Legende, gegen den Serben Dusan Lajovic. "Bitte kommen Sie für den Dienstag wieder, da sind die Chancen besser", wird per Twitter aufgerufen, vom offiziellen Account, der tatsächlich "The Queue" heißt, als sei die Schlange ein echtes Wesen. Dann wieder ab zurück zum Zelt.

Maler streichen derweil letzte Kisten an, Hinweise warnen vor der noch nicht getrockneten Farbe. Hostessen eilen zum Eingang, die Ordnerblicke sind streng und werden strenger, je mehr das Clubhaus in Sichtweite gerät. Auch der 500. Journalist wird so akkurat gefilzt, als sei er der erste Journalist, der gerade eincheckt. Safety first. Gerade in London, der anschlagsgefährdeten Metropole höchsten Grades, gelten hohe Sicherheitsstandards, die dieses Mal erneut verschärft wurden. Spürhunde, Detektoren, Evakuierungsübungen, Wachleute an jeder Ecke, auch Polizisten liefen am Sonntag in Kleinbusstärke ein, ausgestattet mit Klettergurt und hundert Karabinerhaken. Vermutlich könnte diese Einheit den Mount Everest besteigen.

Umso erstaunlicher ist andererseits bei diesem permanenten Hintergrundbild, das die schrecklichen Auswüchse dieser Erde erahnen lässt, wie britisch normal die Dinge trotzdem ihren Lauf nehmen. Jeder macht auf seine Weise konsequent seinen Job, Abweichungen von Vorgaben sind eben nur nicht vorgesehen. Am Presseschalter des Turniers etwa heißt es freundlich, aber klar: "Wir brauchen zwei Minütchen." Wenn es um 9 Uhr losgeht, geht es nicht um 8.58 Uhr los. Wo kämen die Briten sonst hin?

Die Major-Events in Melbourne, Paris und New York sind eigen, jedes auf seine Weise, vielleicht nur ist Wimbledon das eigenste, sicher sogar. Auf die Traditionen, dass die Kleidung nur weiß sein darf, dass Rufus, der Habicht, seine Runden fliegt, um Tauben zu vertreiben, dass Erdbeeren verkauft werden, sind sie unermesslich stolz und auch darauf, dass sich der All England Club nicht immer in die Karten schauen lässt. Sogar sehr oft nicht.

Brüder-Titel

Mit seinem ersten ATP-Titel ist Tennisprofi Mischa Zverev, 30, die Wimbledon-Generalprobe gelungen. Der Hamburger gewann das Endspiel in Eastbourne/England mit 6:4, 6:4 gegen den Slowaken Lukas Lacko und unterstrich seine starke Form auf Rasen - zwei Tage vor dem Auftakt des dritten Grand-Slam-Turniers der Saison. Mischa Zverev und sein jüngerer Bruder, der Weltranglistendritte Alexander Zverev, sind damit nach Angaben der Profiorganisation die ersten Brüder seit John und Patrick McEnroe mit Turniersiegen im Einzel auf der ATP-Tour. Der einstige Weltranglisten- Erste John McEnroe gewann 77 Turniere zwischen 1978 und 1991, Patrick feierte 1995 seinen einzigen Titel.

Ein bisschen geheimnisvoll tun sie immer rum, manche sagen elitär und manieriert dazu, je nachdem, ob man die distinguierten Umgangsformen für einen standhaften Widerpart zur hypermodernen Welt da draußen hält oder doch eher für altbacken und überholt. Das Laute der US Open fehlt jedenfalls, auch das Entspannte der Australian Open, das Pariserische der French Open. Die Stimmung freilich wird auch geprägt von dem Belag, auf dem die Spieler kämpfen.

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