Tennis:"Darüber will ich nicht reden"

Lesezeit: 3 min

Viertelfinalist Marco Cecchinato wurde nach Betrugsvorwürfen einst vom Verdacht des Matchfixings freigesprochen.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Marco Cecchinato hat ein einnehmendes Lachen. Ein Lausbubenlachen. Aus Palermo stammt der 25-Jährige, er hat in diesem April in Budapest als erster Sizilianer ein Turnier auf der ATP-Profitour gewonnen, kurz näherte er sich als 59. seinem Ziel, den Top 50 der Weltrangliste. Zurzeit ist er auf Platz 72. Cecchinato war lange einer dieser Tennisprofis, die sich meistens zwischen den Rängen 90 bis 150 bewegten, aus diesem Fenster aber nicht nach oben ausbrechen konnten. Nun steht er im Viertelfinale von Roland Garros, heute tritt er gegen den Serben Novak Djokovic an, den zwölfmaligen Grand-Slam-Champion. Nach dem Turnier wird Cecchinato mindestens 42. im Ranking sein. Er, einziger Ungesetzter in der Runde der letzten 16 neben dem Nürnberger Maximilian Marterer, ist natürlich Außenseiter. "Für mich ist das der beste Moment meines Lebens. Ich freue mich so sehr auf dieses Match", sagte er nach dem 7:5, 4:6, 6:0, 6:3-Sieg gegen David Goffin. "Es ist ein Vergnügen, gegen Novak zu spielen."

Als er aber auf das Thema Matchfixing angesprochen wurde, war das Lausbubenlachen verschwunden. Wie weggezaubert. "Darüber will ich nicht reden. Sorry."

Matchfixing, das ist einer dieser Tumore, die durchs Profitennis wuchern, unsichtbar in den allermeisten Fällen, ein Mittel dagegen wurde nur in homöopathischen Dosen bislang gefunden. Ein früherer Profi, der in den Top 100 stand, erzählt in Paris der SZ, dass das absichtliche Verlieren oder Absprachen unter Spielern über den Ausgang immer noch vorkämen. Speziell bei bestimmten Nationen. Allerdings geschehe dies meist weiter unten, bei kleinen Turnieren und abseits der großen Arenen, "irgendwo in der Pampa". Die Organisationen, die ATP und der Weltverband ITF, hätten sich zu lange zu wenig um dieses Problem gekümmert, sagt der Insider, aber seit das Thema vor zwei Jahren bei den Australian Open nach zwei Medienberichten aufschlug, hat sich zumindest mehr getan. Die Tennis Integrity Unit (TIU), eine Behörde der Tourserien WTA, ATP, der ITF und aller vier Grand Slams, investiert mehr Geld und Personal in den Betrugskampf. "Es ist aber weiter leicht, ein Match abzuschenken, wenn keiner hinschaut", sagt der frühere Spieler, der auch im Davis Cup zum Einsatz gekommen war.

French Open - Roland Garros

Schweigen über die Vergangenheit: Marco Cecchinato, Nr. 72 der Welt.

(Foto: Christian Hartmann/Reuters)

Dass das Problem Matchfixing nicht so weit weg ist von den Grand-Slam-Turnieren, zeigte sich in Paris. Kurz bevor das Turnier startete, wurde der Spieler Nicolas Kicker aus dem Verkehr gezogen. Der 25 Jahre alte Argentinier soll 2015 bei zwei Events der kleineren Challenger-Ebene Partien manipuliert haben. Kicker habe auch einen Bestechungsversuch nicht gemeldet und nicht bei der Aufklärung kooperiert. Noch eine Woche zuvor hatte die Nummer 95 in Lyon gegen Landsmann Federico Coria verloren. Dem wurde just jetzt das Gleiche vorgeworfen, ihm soll 2015 bei einem Future-Turnier in Sassuolo Geld angeboten worden sein, damit er einen Satz verliert. Er ist der jüngere Bruder des French-Open-Finalisten von 2004, Guillermo Coria, der seinerseits wegen Nandrolon eine Dopingsperre kassiert hatte. Die TIU sprach Federico Coria nun schuldig, die Strafe steht noch aus.

Auch bei Cecchinato gründen die Vorwürfe im Jahr 2015. Die Ermittler des italienischen Verbandes, die ihn 18 Monate sperrten, waren überzeugt, dass er bei einem Challenger-Match in Marokko getrickst habe. Er soll mit dem Profikollegen Riccardo Accardi eine Wette auf die eigene Niederlage platziert haben. Cecchinato hatte alles bestritten, versicherte, er habe Accardi nur gesagt, er würde sich unwohl fühlen. Er wurde freigesprochen, auch die Strafe von 20 000 Euro musste er laut einem Bericht der italienischen Tennis-Internetseite ubitennis.net nicht bezahlen.

2018 French Open - Day Eight

Mit einer halben Rolle rückwärts bejubelt Marco Cecchinat den Einzug ins Viertelfinale. Dort trifft er auf Novak Djokovic.

(Foto: Cameron Spencer/Getty)

Vielleicht wäre es in Paris etwas viel verlangt gewesen, dass Cecchinato im Moment seines größten Erfolges dieses Kapitel erschöpfend erörtert. Andererseits: So radikal, wie er das Thema abblockte, war das auch bezeichnend für die Haltung, die Tennisspieler gerne einnehmen. Drei Sätze mehr hätte er sagen können. So bleibt der Eindruck des Undurchsichtigen.

Spielerisch immerhin konnte jeder sehen, mit welchen Mitteln sich Cecchinato sein erstes Viertelfinale bei einem Grand Slam erkämpft hat. Er ist dort nicht geschenkt gelandet, etwa durch eine Auslosung begünstigt. In der ersten Runde schlug er nach 0:2-Satzrückstand den starken Rumänen Marius Copil, in der zweiten Runde stoppte er den Lauf des Lucky Losers Marco Trungelliti aus Argentinien, der mit dem Auto aus Barcelona zurückgefahren war, als er kurzfristig ins Hauptfeld rücken durfte. In der dritten Runde besiegte er den Spanier Pablo Carreño Busta, der 2017 im Halbfinale der US Open stand. Und Goffin ist als Achter ein Top-Ten-Spieler. Der 27-Jährige aus Belgien war noch von dem über zwei Tage ausgetragenen Fünfsatzmatch gegen den Franzosen Gaël Monfils geschwächt, analysierte aber treffend die Stärken des unorthodoxen Spiels von Cecchinato, der technisch kein Musterprofi ist - dennoch: "Seine Vorhand ist sehr präzise. Er spielte gute Stopps, er ging ans Netz, wenn er musste. Er schlug gut auf."

Auch Djokovic kennt den Italiener, in Monte-Carlo, wo er lebt, hat er öfter mit Cecchinato trainiert. "Ganz sicher spielt er das Tennis seines Lebens", sagte Djokovic, der in Paris seinerseits überzeugte, "er verdient Respekt."

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