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Tennis-Comeback von Martina Hingis:Auf ewig unvollendet

Hingis of Switzerland plays a shot during her match against Kudryavtseva of Russia at the Australian Open tennis tournament in Melbourne

Nun doch wieder dabei: Tennisspielerin Martina Hingis. 

(Foto: REUTERS)

Martina Hingis war eine der besten Tennisspielerinnen überhaupt, doch nie wirkte sie ganz zufrieden. Dass sie jetzt erneut ein Comeback wagt, zeigt ihr gespaltenes Verhältnis zum Profisport: Hier kehrt eine Spielerin zurück, die großes Talent hatte - aber noch viel mehr Chancen ausließ.

Ein Kommentar von Milan Pavlovic

Schon lange nichts mehr von Stefan Edberg gehört. Der Schwede, der in den 1980er und 1990er Jahren zu den besten Tennisspielern der Welt zählte, gehört zu der raren Spezies von ehemaligen Ausnahmesportlern, die sich nach dem Ende ihrer Karriere rar gemacht haben. Wenige Interviews, kaum öffentliche Auftritte, keine Skandale. Er initiiert weder Twitter- noch Facebook-Offensiven und liefert keine Schlagzeilen. Das könnte Martina Hingis nicht passieren.

Die Gewinnerin von fünf Grand-Slam-Turnieren ist derzeit fast so präsent wie in ihren Sportlerinnentagen. Am Wochenende wurde die Schweizerin mit nur 32 Jahren in die Hall of Fame ihres Sports aufgenommen. Drei Tage später wurde bekannt, dass sie Ende Juli bei einem Turnier in Kalifornien antreten wird. Im Doppel zwar nur, an der Seite der Slowakin Daniela Hantuchova (null Grand-Slam-Siege), aber auf der offiziellen Tour.

Es liegt nahe, von einem Publicity-Stunt auszugehen, da die Schweizerin mit dem Ausrüster des Turnier verbandelt ist. Es dürfte allerdings keiner allzu großen Anstrengungen bedurft haben, sie zu dem Schritt zu bewegen. Hingis ist vom Tennis nie weit weg gewesen. Böse Zungen würden sagen: Sie hat nie den Absprung geschafft.

Das liegt auch an ihrem Werdegang. In den ersten Jahren, als sie systematisch zur Topspielerin erzogen wurde, schien ihr alles zuzufliegen. Sie wurde Nummer eins, gewann die großen Turniere schon als Teenager, und das Schönste daran war, dass sie gewann, weil sie mit Köpfchen agierte.

Doch nach den ersten Rückschlägen, unter anderem dem dramatisch verlorenen Paris-Endspiel 1999 gegen Steffi Graf, zog sie immer häufiger die falschen Schlüsse: versuchte plötzlich, mit mehr Kraft zu spielen, hatte keinen Erfolg, verlor die Lust und die Linie. Sie tauchte mit 22 ab, kehrte mit 25 zurück, hatte Spaß, aber nie mehr die alten Erfolge, wurde 2007 des Kokainkonsums verdächtigt, trat lieber zum zweiten Mal zurück, als sich sperren zu lassen.

Sie verlegte sich aufs Reiten, heiratete, wurde aber lieber Trainerin als Hausfrau. Und dürfte sich schwarz geärgert haben, als sie merkte, dass es nie wieder eine ähnlich intelligente Spielerin gab wie sie.

Hingis würde das nie zugeben, weil sie alles weglächelt, als wäre sie die Lehrerin der ewig lächelnden Sabine Lisicki. Aber selbst wenn ihr das Spiel so viel Freude bereitet, dass sie nun erneut auf den Platz zurückkehrt, ist das im Grunde eine traurige Seite an der Nachricht von Hingis' Comeback: Hier kehrt eine ewig Unvollendete zurück, die viel gewann - aber noch viel mehr Chancen ausließ.

© SZ vom 18.07.2013/jbe
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