Schiedsrichterin im Wimbledon-Finale:Ein absolut überfälliger Schritt

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Day Seven : The Championships - Wimbledon 2021

Umgang mit den Großen des Tennissports gewohnt: Marija Cicak leitete in Wimbledon auch das Achtelfinalmatch von Roger Federer gegen den Italiener Lorenzo Sonego.

(Foto: Julian Finney/Getty)

Das gab's noch nie: Die Kroatin Marija Cicak ist die erste Frau, die das Männerfinale in Wimbledon leitet. Die besten Schiedsrichter im Tennis sind nämlich weiblich.

Von Gerald Kleffmann

Die Distinguiertheit bei den Veranstaltern des ehrenwerten Grand-Slam-Turniers in Wimbledon ist tatsächlich immer noch eine Eigenschaft, die nach bestem Gewissen gelebt wird. Erstmals eine Frau als Schiedsrichterin des Männer-Finales in der gesamten Geschichte dieser Rasenveranstaltung? Zur Bekanntgabe dieser Weltsensation genügte am Samstag eine staubtrockene Pressemitteilung, in der zunächst auf James Keothavong, den netten 39-jährigen Engländer aus Bedfordshire verwiesen wurde, der am selben Tag das Frauen-Finale zwischen der Australierin Ashleigh Barty und der Tschechin Karolina Pliskova leiten durfte.

Dann wurde Marija Cicak vorgestellt, und es tauchte fast beiläufig eben dieser Fakt auf: "Marija is the first female Chair Umpire of the Gentlemen's Singles Final at Wimbledon." Die Aufregung zu dieser Nachricht überließ Wimbledon, diese Attitüde kann sich der All England Club vortrefflich leisten, der wie immer engagiert teilnehmenden sogenannten Tennis-Community (vornehmlich im Internet natürlich).

Es dauerte nicht lange, da waren sämtliche Tennis-Newskanäle sowie Accounts von Tennis-Journalisten mit dieser News gefüllt, sie alle transportierten den selben Inhalt: Cicak, 43, hat sich die Ehre verdient, das Finale zwischen dem Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic und dem Italiener Matteo Berrettini oben vom Stuhl aus zu begleiten.

Ihr Arbeitszeugnis liest sich fürwahr beeindruckend: Cicak, die aus Zagreb in Kroatien stammt, war nun bei 15 Grand Slams in Serie im Einsatz. Seit zehn Jahren verpasste sie nicht einmal die WTA Finals, das Finalturnier der Frauentour, sie leitete Spiele beim Davis-Cup sowie im Billie-Jean-King-Cup. 2014 verantwortete sie das Frauen-Finale in Wimbledon zwischen der tschechischen Siegerin Petra Kvitova und der Kanadierin Eugenie Bouchard und 2016 das Olympia-Finale in Rio; in diesem unterlag bekanntlich Angelique Kerber der damals so entschlossenen Monica Puig aus Puerto Rico.

Aber dass jetzt erst eine Frau ein Männer-Finale in Wimbledon leitet, im Jahre 2021? Gut, vielleicht war es ja doch ganz gut, dass man mit dieser Nachricht eher defensiv an die Öffentlichkeit ging. Der Tennissport kann auf vieles stolz sein, aber in manchen Bereichen gibt es eben noch Nachholbedarf.

Tennis-Schiedsrichter werden abgeschirmt, als seien sie Geheimagenten

Fakt ist ja längst, dass im Tennis die Frauen die beste Spielleitung stellen. Mit Ausnahme vielleicht des Schweden Mohamed Lahyani, der in wunderbarer Karajan-Manier Matches dirigiert und dabei wie ein Dandy eine schelmische Süffisanz ausstrahlt, dem niemand böse sein kann. Cicak dagegen ist leise, zurückhaltend, klar, genau, unbestechlich, stets den Überblick behaltend. Sie agiert souverän, was sich jedoch auch über so viele andere Schiedsrichterinnen sagen lässt.

Die Griechin Eva Asderaki-Moore war 2015 Stuhl-Umpire beim Männer-Finale der US Open und kann Wutattacken von Profis so herrlich abperlen lassen wie auch Marijana Veljovic. Wahrscheinlich gibt es nur zwei Frauen, bei denen Roger Federer richtig stramm stand in seinem Leben: Mirka, seine Gattin. Und Veljovic.

Unvergessen, wie die Serbin 2020 bei den Australian Open in Melbourne den polternden Schweizer lächelnd auflaufen ließ und der sich prompt reuig zurück zur Grundlinie trollte. Hervorragende Referees sind derweil auch: die Französin Aurélie Tourte (leitete das vergangene Männer-Endspiel der French Open), die Britin Alison Hughes (leitete schon fast alles), die Schwedin Louise Azemar Engzell.

Dass so wenig über Schiedsrichterinnen im Tennis an sich bekannt ist, liegt auch daran, dass sie von den Organisationen, der Männer- und der Frauen-Tour sowie dem Weltverband ITF, abgeschirmt werden wie Geheimagenten. Interviewanfragen sind meist vergebens, was aber wenig daran ändert: Die Schiedsrichterinnen im Profitennis sind ein elementarer Teil des Spiels. Welcher Sport kann das von sich sagen?

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